Staudt, Vanessa: Ech si kee béise Wollef

Wenn der Nikolaus Bücher bringt

d'Lëtzebuerger Land vom 08.11.2007

Auf keinem mir bekannten Wunschzettel stehen luxemburgische Kinderbücher. Weil Kinder keine Zeitungen lesen. Weil man, wenn überhaupt, für Luxemburger Kinderbücher lediglich in Luxemburger Zeitungen oder in einer Vormittagssendung des örtlichen Radiosenders Werbung betreibt. Weil Kinder, wenn sie denn dürfen, Super-RTL-Werbung sehen und sich dann PowerTransformers oder erdbeerrote Lillybabies auf den Wunschzettel schreiben. Was wiederum kulturbeflissenen, pädagogisch wertvollen Eltern den Kleescherchers-Schrecken in die Glieder fahren lässt. Was kann man tun?Anspruchsvolle MaPas von Vorlese-Kindern gehen dann mit Vorliebe in den nächsten Bücherladen – um den grässlichen Plastikwünschen der Kiddies mit solidem Kulturwerk entgegenzuwirken. Manches Mal – und warum nicht? – greift man zu Büchern aus Luxemburger Verlagen. Dies sollte zumindest die Übersetzung einsparen.Nun scheint es, nach einer ganz und gar unrepräsentativen Umfrage bei meinen Kindern, bei Freunden und Verwandten, dass diese Luxemburger Machwerke nicht eben oft zu Lieblingsbüchern wurden. Dafür scheint es zwei ganz und gar unwissenschaftlich ergründete Ursachen zu geben: eine Erwachsenen-Ursache und eine Kinder-Ursache. Zur Erwachsenen-Ursache: Ein gutgemeintes, wenngleich nicht sehr leichtes Unterfangen ist es für jedes Elternteil, einen längeren Text in neustem Schreib-Luxemburgisch ohne Stocken und Zaudern laut vorzulesen. Kleines Vorlesebeispiel aus dem Bestseller-Kinderbuch Mäxitäxi von Guy Rewenig: „Séng Mamm as haut extra benzeg op Fleesch, well si schmäisst Wäinzoossissen an de Käddi, Pouletshämmercher a Schwéngsliewerbifdecker, Koteletten a Geschnetzeltes, Ge­solpertes an e gereecherte Kënnbak, Zwiwwelwurscht a Gehacktes, Salami a gefëllt Kallefsbrëschtchen, Kuddelfleck an Träipen.“Spätestens wenn man nun einem Vierjährigen noch den Sinn von „zerguttstert Ki“ oder „brong Mandelaen“ (aus Bubak, d’Muermeldéier) erklären soll, wird man sich die Nachtlektüre des nächsten Luxemburger Kinderbuches gut überlegen. Schließlich hat man in der täglichen Simultanübersetzung der deutschen oder französischen Bücher fließende Lesekompetenz erlangt. Bleibt noch die Kinder-Ursache (ganz und gar unrepräsentativ): Ältere Kinder finden die gängigen Petzi-Tierchen-Puppen-Geschichten, die man meist in Luxemburger Büchern finden, „blöd“, weil die sind für „Bëbeeën déi an engem Duch gedroen gin“ (aus 1 001 Saach an der Stad). Während jüngere Kinder die meist recht langwierigen Texte kaum begreifen können. Wie bei anderen Kulturprodukten des Luxemburger Landes wird auch bei der Kinderliteratur manchmal schlicht am Zielpublikum vorbei produziert.Zwei schöne Beispiele luxemburgischer Kinderliteratur sind nun im Handel erhältlich. Ech si kee béise Wollef, das Erstlingswerk der Illustratorin Vanessa Staudt, ist bei Éditions Guy Binsfeld erschienen. Die Autorin hat den aus vielen Märchen bekannten bösen Wolf auf die Suche nach einem Freund geschickt. Es kommt, wie es kommen muss: Der Böse wird in der Welt, in der er bisher Angst und Schrecken verbreitete, von allen abgelehnt. Die Geschichte des Außenseiters erzählt Vanessa Staudt in klaren anschaulichen Textzeilen, den Vorrang lässt sie aber ihren sehr persönlichen Illustrationen, die mit viel Koloration und netten Details die Kinder begeistern können.Ein zweites Buch, das sich ebenfalls an Vorschulkinder richtet, fällt im Buchhandel durch das beiliegende Plüschtier, eine schwarze Katze in Form einer Handpuppe, auf: E Kinnekraïch fir eng Kaz! von Connie Faber, aus dem Hause Saint-Paul. Die kleine Prinzessin im „Schlass Ëmmeramzoch zu Hannermippi“ ersinnt mit der Köchin eine Strategie, um ihre Eltern zur Anschaffung einer Katze zu überreden. Der Pluspunkt dieses netten Buches wird bei jüngeren Kindern schnell zum Minuspunkt: Das Buch wartet mit unendlich vielen originellen Details in Zeichnung und Erzählung auf. Man darf auch bemerken, dass die beiliegende Fingerpuppe leider kaum in die Erzählung eingebunden werden kann, da die besagte Katze erst gegen Ende Einzug in die Geschichte erhält. Schade, dass die Puppe anscheinend nur Marketing-Objekt für dieses ansprechende Kinderbuch ist. So kann man den Kindern vorlesen „bis hinnen d’Guckelcher zoufalen“.

Vanessa Staudt: Ech si kee béise Wollef, Éditions Guy Binsfeld, 2007; 32 Seiten, 14 Euro, ISBN: 978-2-87954-189-1. / Connie Faber: E Kinnekraïch fir eng Kaz, Kids Saint-Paul, 2007; 32 Seiten, 24 Euro, ISBN 13 : 978-2-87963-684-9.

 

Anne Schroeder I
© 2020 d’Lëtzebuerger Land