ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Der luxemburgische Riesling

d'Lëtzebuerger Land vom 20.08.2021

Vergangene Woche sorgte der neue Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) für Aufmerksamkeit. „The likely range of total human-caused global surface temperature increase from 1850–1900 to 2010–2019 is 0.8°C to 1.3°C, with a best estimate of 1.07°C“, heißt es in Climate Change 2021 (S. 7).

Die Vergleichsperiode des IPCC beginnt 1850. Das war ein entscheidender Zeitpunkt in Luxemburg: 1845 hatte der Schmelzherr August Metz in Eich die erste moderne Eisenhütte gegründet. 1848 hatte der hauptstädtische Unternehmer Jean Nouveau eine Dampfmaschine für seine Blechschmiede gekauft. 1851 nahmen die Gebrüder Godchaux eine Dampfmaschine in ihrer Textilfabrik auf der Schleifmühle in Betrieb. 1859 begann die Eisenbahn, Dampfmaschinen und Hochöfen mit Brennstoff zu versorgen.

Der schwedische Humanökologe Andreas Malm nennt das die „primitive accumulation of fossil capital“ (Fossil Capital, London, 2016, S. 320). „In fossil fuels, the time of photosynthesis hundreds of millions of years old is compressed so that living labour can be condensed“ (S. 307).

Der Aufstieg des Industriekapitalismus war auch hierzulande begleitet vom Übergang von der erneuerbaren Energiequelle Wasserkraft zu der fossilen Energiequelle Kohle. Sie feuerte Dampfmaschinen, Hochöfen und die Produktivität der gegen Lohn Arbeitenden an. Anders als Wasserkraft war diese Energiequelle nicht lokal gebunden, konnte transportiert und auf Vorrat gelagert werden. Sie konnte privat besessen werden. Gemeingut war nur ihr Qualm.

Die quasi unbegrenzte Verfügbarkeit fossiler Energiequellen erlaubte die unbegrenzte Kapitalakkumulation. Den Konkurrenzdruck, Kapital zu investieren, damit mehr Kapital herauskommt, das wiederum investiert werden muss, auch „Wirtschaftswachstum“ genannt. Ohne Aussicht auf einen Mehrwert setzt kein Metz, Nouveau oder Godchaux sein Geld aufs Spiel.

Investitionen in mit Kohle, später Erdöl betriebene Maschinen, Elektrizitätswerke, Fabriken, Raffinerien und Tankstellen werden nicht von der Menschheit getroffen. Über Investitionen entscheidet, wer Kapital besitzt. Das sind sehr Wenige. Die Behauptung, der Klimawandel sei „human-caused“, ist nicht falsch, sondern irreführend.

Auch die grüne Umweltministerin Carole Dieschbourg glaubt an die ökologische Erbsünde des Menschengeschlechts: „Das betrifft jeden, also muss jeder handeln“ (Tageblatt, 11.8.21). Vielleicht meinte sie, dass jeder zahlen soll.

Der IPCC-Bericht ist der sechste. Seit 31 Jahren steht in jedem das Gleiche: Es ist höchste Zeit, etwas zu tun. Er rechnet vor, dass während der nächsten Jahrzehnte die Klimaveränderungen in unseren Breitengraden drastischer ausfallen könnten als im globalen Durchschnitt. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur, die Zahl der Hitzetage, das Ausmaß der Niederschläge, die Ausdünnung der Schneedecke sollen immer einige Grad, Prozent, Millimeter mehr betragen (interactive-atlas.ipcc.ch).

Regierung, Expertinnen und Lobbyisten tagen in klimatisierten Konferenzräumen. Sie setzen darauf, dass in einem reichen Land die Mittel- und Oberschichten auch an Hitzetagen, bei Dürren und Überschwemmungen ihre Schäfchen ins Trockene bringen. Wie bei jeder Krise zuvor. Sie wollen den Klimawandel bremsen, aber marktkonform. Mit Steuermitteln zur Anschubfinanzierung. Sie machen den Klimaschutz zu einem Geschäft wie den Steuerbetrug und den Tanktourismus. Eine Wachstumsbranche mit Kohlendioxid-Zertifikaten, grünen Investitionsfonds, Sonnenpanelen und Elektroautos.

Die Sprecherin der Jonk Gréng, Tanja Duprez, freut sich, dass „der Klimawandel in manchen Bereichen auch positive Effekte“ zeige. Er habe „nachweislich die Qualität des luxemburgischen Rieslings und der Burgunder-Sorten weiter verbessert“ (Luxemburger Wort, 14.8.21). Die Dürreopfer auf Madagaskar wissen es zu schätzen.

Romain Hilgert
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