Verbraucherzinsen

Die scharfe Schere zwischen Soll und Haben

d'Lëtzebuerger Land du 22.09.2017

Am 5. Juli überreichte der Verbraucherschutzverein ULC dem Kammerpräsidenten Mars Di Bartolomeo (LSAP) und dem Vorsitzenden des Petitionsausschusses, Marco Schank (CSV), eine Liste von fast 10 000 Bankkunden, die eine Senkung und eine gesetzliche Beschränkung der Bankgebühren verlangten. Ältere und behinderte Kunden, die nicht imstande seien, ihre Bankgeschäfte über Internet zu erledigen, gehörten von den Banken und der Post kostenlos oder wenigstens zu ermäßigten Gebühren bedient, heißt es weiter. Außerdem müsste die Bankenaufsicht CSSF dafür sorgen, dass die Gebührentabellen der Banken verständlich und vergleichbar veröffentlicht werden, damit die Kunden vom Wettbewerb zwischen den Banken profitieren könnten.

Offenbar verdächtigen Tausende im Land die Banken, niedrigere Zinseinnahmen durch die Erhöhung der Bankgebühren und die Erfindung immer neuer Gebühren auszugleichen, und die durch das Internet-Banking entstandenen Produktivitätsgewinne nicht an die Kundschaft weiterzureichen. Tatsächlich hat seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren das Ansehen der Banken stark gelitten. Sie bekommen nicht nur von breiten Teilen der Öffentlichkeit vorgeworfen, sich verspekuliert und dann mit Steuergeldern sanieren gelassen zu haben. Auch ihre Zins- und Gebührenpolitik steht seit längerem in der Kritik.

Die Kunden, von denen manche sich noch an die hohen Zinsen aus den Zeiten hoher Inflation erinnern, werfen ihnen vor, so gut wie keine Zinsen mehr auf den Sparguthaben zu zahlen und stattdessen mit der Erhebung von Negativzinsen zu drohen. Um in Zeiten niedriger Zinsen ihre Zinsmargen zu erhöhen, werden die Banken verdächtigt, die Sollzinsen der Kunden umgehend zu erhöhen und sich mit den Habenzinsen Zeit zu lassen, beziehungsweise die Habenzinsen umgehend zu senken und sich mit den Sollzinsen Zeit lassen.

Für Banken stellen Zinsen nicht nur den Preis des Geldes, sondern zuerst ihre Gestehungskosten dar. Zieht man die monatlich von der Luxemburger Zentralbank bei 54 Kreditinstituten erhobenen Daten über die Zinsniveaus zu Rate, lässt sich verfolgen, wie es den Banken gelungen ist, auch in als ungewohnt und atypisch bezeichneten Zeiten von Null- und Negativzinsen ihre Zinsmarge, das heißt ihren Bruttoertrag, schnell zu rekonstruieren und lange zu erhalten. Während das Zinsniveau von der Inflation und der Nachfrage nach Kapital abhängt und zumindest kurz- bis mittelfristig von den Zentralbanken beeinflusst wird, versuchen die Banken, die Differenz zwischen den auf Kundeneinlagen gezahlten Zinsen und den für Darlehen verrechneten Zinsen so groß wie möglich zu halten, indem sie die einen möglichst niedrig und die anderen möglichst hoch festsetzen.

Die Zinsmarge beispielweise zwischen den von der Zentralbank monatlich ermittelten neuen Verbraucherdarlehen und den neuen Terminkonten zeigt eine deutliche Entwicklung: Sie erreichte im Sommer 2004 einen Höchststand von fast vier Prozentpunkten und begann dann ab dem Jahr 2005, lange vor dem offenen Ausbruch der Finanzkrise, geringer zu werden. In der Krise schmolz sie auf einen Tiefstand von einem halben Prozentpunkt im Mai 2008. Danach gelang es den Banken, ihre Zinsmarge sehr schnell wieder zu vergrößern, bis zu einen Höchststand von mehr als 4,5 Prozentpunkten im Herbst 2009. Ab Mitte 2014 begann die Zinsmarge dann wieder geringer zu werden und lag im Sommer dieses Jahres um die 2,5 Prozentpunkte.

Ähnlich entwickelte sich die Zinsmarge zwischen neuen Verbraucherdarlehen und neuen Immobiliendarlehen, nur dass sie geringer ist, weil die langfristigen Hypothekenkredite niedriger verzinst sind als Konsumkredite. Auch die Marge zwischen den Zinsen auf laufenden Konsumdarlehen und laufenden Sichtkonten entwickelte sich ähnlich. Sie war im Krisenmonat Mai 2008 sogar auf 0,19 Prozentpunkte gesunken, schnellte hoch und geht seit 2014 wieder zurück.

Allerdings verfügen die Banken über Margen anderer Zinseinkünfte und über Gebühren aus anderen Geschäften. Sie verweisen auch darauf, dass die Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank sowie die strengeren Auflagen, mit denen der nächste Bankenkrach verhindert werden soll, ihnen hohe Kosten verursachten, und dass die Einführung des Internet-Bankings teure Investitionen darstelle.

Die Kritiken an den Zinsmargen der Banken werden aber nicht zuletzt durch exorbitante Dispo-Zinsen geweckt. In Zeiten von Negativzinsen werden oft zweistellige Debitzinsen in Rechnung gestellt, wenn die Kunden ihre Sichtkonten oder ihre Kreditkarten überziehen. Gar nicht zu reden von den beinahe als Almosen dargestellten, noch höheren Mikrokreditzinsen.

Romain Hilgert
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