Luxemburgensia

Die Diktatur der Angepassten

d'Lëtzebuerger Land du 26.04.2019

Tom Nisse und Samuel Hamen haben es kürzlich vorgemacht, nun schickt auch Véronique Lasar einen Spaziergänger durch die Hauptstadt und lässt ihn über sich selbst und die Gesellschaft sinnieren. Lasars Novelle Weg erzählt von einem Kurier, der sich, statt von einer Lieferung zur nächsten zu hetzen, durch die Straßen treiben lässt, in Parks umherirrt und die seltsame Geschäftigkeit einer Welt beobachtet, der er sich nur indirekt zugehörig fühlt. Soweit scheint es sich beim Protagonisten mit dem klangvollen Namen Gaspard Lhose um einen klassischen Flaneur zu handeln, wie er seit dem 19. Jahrhundert durch die europäische Literatur streift und in letzter Zeit eben auch vermehrt auf Luxemburger Boulevards gesichtet wurde.

Allerdings schreibt die Autorin ihr Debüt gleich noch in eine weitere literarische Tradition ein. Ihr Protagonist geht nicht nur seinen „Weg“ durch die Stadt, er ist auch „weg“; der kontemplative Außenseiter wird von seinen Mitmenschen nicht mehr wahrgenommen, existiert für sie praktisch nicht. Das erinnert an Ralph Ellisons Roman Invisible Man, in dem die gesellschaftliche Ausgrenzung eines Menschen (hier freilich aufgrund von Rassenzugehörigkeit) ebenfalls durch die Metapher der Unsichtbarkeit ausgedrückt wird. Vordergründig ist Lasars Gewährsmann jedoch Franz Kafka. Der erste Satz ist das reinste Kafka-Pastiche und kündigt eine für diesen Autor so typische Sonderbarkeit an: „Als Gaspard Lhose an jenem Morgen hinunterging, um die Zeitung zu holen […], stellte er fest, dass sein Briefkasten verschwunden war.“

In der Folge kommen allerhand weitere Dinge abhanden, die der Figur ihren Platz im gesellschaftlichen Gefüge zuweisen und sichern. Als selbst Google keine Treffer zu seinem Namen mehr liefert, steht Gaspard Lhoses Diagnose fest: „Klarer Fall von Nicht-Existenz, vermutlich in fortgeschrittenem Stadium.“ Statt zur Arbeit zu gehen, beginnt der Held also seine Streifzüge durch Luxemburg. Die Stadt erscheint dabei seltsam verfremdet, was nicht nur an der konsequenten Umbenennung von Straßennamen liegt. Hinter dem „Business Improvement District“ und neu errichteten Einkaufszentren bleibt der reale Ort allerdings jederzeit erkennbar. Seine Bewohner treten Lhose in Form klischeebeladener Typen entgegen: gestresste Banker, hippe Shopper, medial abgeschirmte Jugendliche. Für den Helden erweisen sich all die gleichförmigen Gestalten als oppressive Masse, die den Nonkonformisten mit dem Fluch sozialer Unsichtbarkeit belegen.

Wie so oft bei gesellschaftskritischer Literatur aus Luxemburg gilt jedoch auch für Weg, dass gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist. Obwohl die Novelle mit der Figur des Flaneurs und der Metapher der Unsichtbarkeit gleich zwei mächtige Strukturprinzipien besitzt, werden beide nur unzureichend genutzt. Insgesamt wirkt der Text formlos und unsicher bezüglich der eigenen Verfahren und Aussagen. Gaspard Lhose erscheint zu Beginn als eine Art Jedermann, ein Durchschnittsbürger, der durch die Auflösung seiner sozialen Bindungen die Gelegenheit erhält, die Dinge einmal anders zu sehen.

In der zweiten Hälfte bekommt er dann allerdings eine sehr konkrete Biografie als entlassener Arbed-Mitarbeiter, der nach außen hin „noch einmal die Kurve gekriegt“ hat, innerlich aber längst ausgestiegen ist. So bleibt unklar, ob die Unsichtbarkeit die Ursache oder nur ein Symptom seines Zustands ist, ob in Lasars Welt potenziell jedem die Auslöschung droht oder nur denen, die die Anpassung verweigern.

Zwischendurch dient der Protagonist auch einfach als Sprachrohr für all das, was der Autorin offenbar am Herzen liegt, ob es sich nun um die mangelnde Sensibilität für Kunst oder das beharrliche Festhalten an Geschichtsmythen (Stichwort „Résistance“) handelt. Das sind zweifellos wichtige Themen, aber auf ein kohärentes Figurenkonzept sollte man dennoch nicht verzichten. Auch beim Handlungsaufbau fehlt schlichtweg eine klare Linie. Von der strikten Dramaturgie, die an sich zur Gattung der Novelle gehört, ist in Weg nicht viel zu spüren. Begegnungen, Beobachtungen und Erinnerungen reihen sich irgendwie aneinander, als ob der Text selbst es seiner Hauptfigur gleichtun und einfach nur so umherirren würde. Jedoch, auch die Spaziergänge eines Flaneurs verlangen eine sprachliche Form, genau wie selbst ein unsichtbarer Charakter in einem Text deutliche Umrisse benötigt. Véronique Lasars Weg lässt zwar den Willen erkennen, über die bloße Benennung gesellschaftlicher Missstände hinauszugehen, es gelingt dem Buch letztlich allerdings nicht, seine literarischen Mittel überzeugend einzusetzen.

Véronique Lasar: Weg. Novelle; Treibgut Verlag, Berlin 2019, 112 Seiten; ISBN 978-3-941175-97-6.

Jeff Thoss
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