Luxemburgensia

Lockdown-Lyrik

d'Lëtzebuerger Land vom 23.10.2020

„Da ist was im Busch“, raunt der Titel. Aber das lodernde, funkenstiebende Cover verrät, dass die ganze Angelegenheit weitaus weniger diskret ist: Da prangt nackt der Umriss dieses ominösen neuen Coronavirus. Nach drei Kurzerzählungen auf Luxemburgisch widmet sich Tania Naskandy weiteren Kurzformen und schließt einen Gedichtband auf Deutsch an, nachdem ihr Pseudonym als „antiklerikale Lästerlieder“-schreibende Kunstfigur gelüftet wurde. Der sogenannte „Haiku-Comic“ wagt dabei einen Form-Spagat: aus Haiku-Strophen setzen sich Langgedichte zusammen. Haikus gelten als die kürzeste Gedichtform der Welt. Mittlerweile haben sie sich weit von den ursprünglichen thematischen Merkmalen der japanischen Gedichtform entfernt und nutzen vor allem ihre Formvorgaben: 17 Silben in drei Zeilen; so dass hieraus in da ist was im busch elf Langgedichten geformt werden. Einerseits wirken die Strophen so selbst wie winzige, herumschwebende Partikel. Isolierte Absätze, die sich voneinander zu distanzieren scheinen, „zwischen den zeilen / ein quäntchen abgrund“ (S. 58). Doch sie verweisen innerhalb der Gedichte aufeinander und ergeben nur fortlaufend ein Ganzes.

Wieso sich das Buch „Comic“ nennt? Es finden sich abgesehen vom Umriss des herumschwebenden Virus weder Bilder noch Sprechblasen. Vielleicht versteckt sich in den schwarzen Titelblättern vor den Gedichten eine Art Morse-Code; vermutlich handelt es sich aber um eine weitere Entlehnung nach dem englischen Begriff: comic. Und worum geht’s in den Gedichten? In Momentaufnahmen wird aphorismenhaft der Alltag festgehalten und der passende Klang zum richtigen Bild gefunden. Sie beschreiben den Lockdown zu Beginn der Corona-Pandemie; die Ungewissheiten, denen die Erzählerin sich manchmal nicht gewachsen fühlt, den Ausnahmezustand, dem niemand gewachsen ist. Es geht ums Homeoffice, das Alleinsein und eine Fernbeziehung, plötzliche Sinnfragen und die Suche nach Kreativität und Produktivität. So klingt neben der selbsterklärten Mission eines „weltzustandsbericht“s auch eine gewisse Kritik am Umgang mit der Krise an. Das Virus „demoliert das recht“ (S. 13) heißt es anfangs zu Recht, wenn die drastischen Einschränkungen unserer Freiheiten hinterfragt werden. In Strophen wie „ein abstandsstrenger petrustaljogger springt pflichtbewusst ins gebüsch“ (S. 79) ist die Kritik humorvoll; man mag sich in der einen oder der anderen Perspektive wiedererkennen. Doch sie erreicht eine schmerzhafte Spitze, wenn von „hyperdevote[n] bürger[n]“ (S. 82) die Rede ist, die sich mit Masken, Handschuhen und Plastikvisier zu schützen suchen. Hier wird eine Form der Selbstdisziplinierung zum Selbstschutz aus Sorge um die Mitmenschen als fatales Macht- und Kontrollinstrument dargestellt.

Dabei ist es vor allem die Erzählerin, die sich selbst optimieren will – gerade jetzt die Zeit nutzen, was draus machen!, was vor allem ihrer privilegierten Position geschuldet ist. Sie wird nahezu ausschließlich von Langeweile geplagt, nicht von Existenzsorgen, und mokiert sich über sich selbst: „was heißt hier endzeit töchterchen aus gutem haus? endlich zeit, mehr nicht“ (S. 63)

Wie für den Vortrag geschrieben, spielen die Texte vor allem mit Lautmalereien, der Mehrdeutigkeit der Worte und formellen Kniffen. Konsequent wird die Formvorgabe gewahrt – Humor, Witz und Geschwindigkeit erhalten den Vorzug vor inhaltlicher Tiefe. So aber findet man öfter tolle Neologismen (z. B. „crashpanorama“, „urlaubsdatenschrott“ oder ein „fächerübergreifendes / ganztagsnickerchen“) und humorvolle Momente als neue oder philosophische Gedanken. Es schleichen sich zwar ein nicht zu leugnender Ernst und eine Introspektion ein. Doch die Betrachtungen verharren oft an der Oberfläche. Das ist zwar amüsant, aber kurzlebig, denn dieser Text steht immerhin in Konkurrenz zu den Lockdown-Erfahrungen von Millionen Menschen.

Ich verordne deswegen – mindestens – zwei weitere Monate Lockdown: zum Jäten und Schleifen am Text, um ihm den notwendigen Feinschliff zu verleihen und einen lichten, aber dichten Gedichtband hervorzubringen, der neben Humor auch Inhalt enthält. Der aus alltäglichen, kleinen Beobachtungen etwas ableitet, das zum Sinnieren einlädt. Humor und Leichtigkeit sind ein gutes Mittel gegen Zukunftsangst und den Weltschmerz, der seit Anfang des Jahres viele ergriffen hat. Aber es wird Texten, die die Pandemie zum Thema haben, schwerfallen, sich einen Nachklang zu verschaffen, wenn ihre Reflektionen kaum über das hinausgehen, was an der Oberfläche zu sehen war. Sie sollten die Krise und ihre Herausforderungen philosophischer und berührender zu fassen versuchen. ●

Tania Naskandy: da ist was im busch. haiku-comic aus blackoutville.
Kremart Edition 128 Seiten 11,00 Euro.

Claire Schmartz
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