Nico Pundel ist Bürgermeister von Strassen. Porträt eines unwahrscheinlichen Christsozialisten

Irgendwie grün

Nico Pundel in seinem Büro
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 28.11.2025

So ganz will er nicht in seine Partei passen. Am 30. September, kurz vor dem sogenannten Waffenstillstand in Gaza, beschlossen CSV-Bürgermeister Nico Pundel und sein Schöffenrat, die palästinensische Flagge vor der Gemeinde zu hissen. Er habe keine Rede halten können zur Kommemoration, das Motto „Nie wieder“ wiederholen, und dann im Hinblick auf den Genozid die Augen schließen, erklärt Nico Pundel an einem bitterkalten Montagnachmittag in seinem Büro in der Gemeinde. Auf Facebook ist er gemeinsam mit seiner Ersten Schöffin Betty Welter-Gaul (LSAP) auf der Palästina-Demo zu sehen. Ungewöhnlich für einen CSV-Politiker. Doch Nico Pundel schert sich wenig um die nationalpolitische Agenda seiner Partei: „Mir ist egal, was sie sagen und denken.“ Die Anerkennung Palästinas kam ihm zu spät; er führt das unter anderem auf den „Israel-Komplex“ zurück, den viele westliche Politiker hätten.

Seine Begeisterung für Technik habe ihn motiviert, in die Politik zu gehen. Beeinflusst wurde er auch davon, dass sein Vater ebenfalls in der CSV politisch aktiv war. (Armand Pundel, Ingenieur, habe jedoch Schwierigkeiten gehabt, gewählt zu werden, da er kein gebürtiger Strassener war.) Als Nico Pundel ihm erklärte, er wolle sich bei den Grünen engagieren, sah sein Vater so verdrossen aus, dass er es sich es anders überlegte und der Familientradition folgte. Seine beiden Geschwister, Catherine und Michel Pundel, sind ebenfalls in der CSV aktiv, ebenso wie seine Schwägerin. Einige der Familienmitglieder sitzen in konsultativen Ausschüssen der Gemeinde. Doch in Umweltfragen habe er sich den Grünen immer schon nah gefühlt, sagt Pundel. Auch das war ein Grund dafür, dass die CSV in Strassen nach den Wahlen 2023 nicht nur mit der LSAP, sondern auch mit den Grünen koalierte – rein arithmetisch hätte Schwarz-Rot eine Mehrheit gehabt.

1966 in Bettemburg geboren, verbrachte er seitdem sein ganzes Leben in Strassen – das Maschinenbaustudium in Stuttgart ausgenommen. Nach den Studienjahren begann er eine Karriere als Ingenieur bei Paul Wurth, reiste viel, war kaum zuhause. Er heiratete, bekam drei Kinder und begann in der Stadtverwaltung der Hauptstadt zu arbeiten, unter anderem als Direktor des Wasserwerks. Mit dem Essigunternehmen Pundel sei er nicht direkt verwandt, die seien ein „weiterer Zweig“ des Familienbaums aus Wormeldingen (wo der CSV-Bürgermeister Claude Pundel heißt), sagt er. Marco Koeune, DP-Bürgermeister der Oberstauseegemeinde, ist ein Cousin auf der Seite seiner Frau, Marianne Lutgen.

Allein Luxemburg-Stadt zeigt eine größere Diversität als Strassen auf. 59,44 Prozent der Strassener kommen aus dem Ausland. Auf den Straßen hört man viel Englisch, im Schulhof alle erdenklichen Sprachen. Vor 175 Jahren beschloss die Gemeinde Bartringen, sich von ihrer Nachbargemeinde zu trennen, und Strassen wurde unabhängig. Was damals ein kleines Dorf am Rand der Hauptstadt mit etlichen Bauernhöfen war, ist seit dem 19. Jahrhundert stetig gewachsen: In den 1960er- und 70er- Jahren zog es Familien in den Vorort der Hauptstadt. Die Bevölkerung hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt, heute leben etwa 10 500 Menschen dort. „Wat fréier de Bel-Air war, ass haut Stroossen“, sagt Nico Pundel zur Verschiebung des städtischen Ballungraumes.

In seiner Gemeinde arbeitete er sich beständig nach oben. 2005 kandidierte er zum ersten Mal, seit 2011 ist er Erst-Gewählter auf der CSV-Liste. Die DP, historisch stärkste Partei in der Gemeinde, musste sich 2007 nach einem Misstrauensvotum der Opposition (CSV, LSAP und Grüne) geschlagen geben, im Sinne von „mehr Bürgernähe und einer sozialen Klima- und Umweltpolitik“. Die Spannungen, die den Gemeinderat in und nach dieser Zeit geprägt hätten, gebe es heute nicht mehr, sagt Nico Pundel. Nach einigen Jahre als Schöffe wurde nach den Wahlen 2017 mit dem LSAP-Bürgermeister Gaston Greiveldinger ein Amt-Splitting vereinbart – 2021 wurde Nico Pundel als Bürgermeister vereidigt. Nationale Ambitionen hat er wenig an den Tag gelegt. Sowohl 2013 als auch 2018 kandidierte er im Bezirk Zentrum für die Kammerwahlen, verbesserte sein Resultat nach fünf Jahren vom 18. auf den 13. Platz. Doch in der ersten Liga der Stadt-Notabeln spielte er nie mit.

Für seine Gemeinde reist er mit dem Volleyballclub nach Montenegro, mit dem FC Una Strassen nach Dundee. (Vergangenes Wochenende weihte er das neue Stadion neben FLF-Präsident Paul Philipp und CSV-Sportminister Georges Mischo ein; Kostenpunkt 25 Millionen Euro.) Politische Wegbegleiter beschreiben ihn als engagiert, und als jemand, der Entscheidungen treffen kann und sie auch durchzieht. Er habe ein offenes Ohr, sagt die Mehrheit; er könne schon noch mehr zuhören, sagt die DP-Opposition. Einige der Räte kennt Nico Pundel schon aus der Elternvereinigung, als ihre Kinder gemeinsam in der Schule waren. Am Ende dieser Legislaturperiode will er sich zurückziehen. Die Gemeinde sei „sattelfest“, sagt er, und die Nachfolge gesichert.

Zu Beginn seiner Karriere interessierte er sich wenig für Sozialpolitik. Dass das heute anders ist, lässt sich auch auf die Zusammenarbeit mit seiner Ersten Schöffin Betty Welter-Gaul (LSAP) zurückführen. (Die beiden anderen Mitglieder des Schöffenrats sind ebenfalls Frauen – eine Rarität in der Gemeindepolitik.) Welter-Gaul positioniert sich am linken Rand der LSAP. Zu ihrer Zusammenarbeit sagt der Bürgermeister: „Hatt gëtt mer d’Steng, an ech geheien se.“ Die Caritas-Affäre liege ihm noch immer schwer im Magen. „Wenn man Banken retten kann, kann man auch die Caritas retten. Und dann auch noch jemand aus den Big Four als Führungskraft nominieren!“, ruft Nico Pundel. Er habe Hoffnung in die jungen CSV-Parlamentarier/innen gesetzt, dass die nicht so schnell „Main-
stream“ würden – das habe sich aber nicht bewahrheitet.

Hinter ihm hängt ein Bild von John Lennon. Großer Fan? „Ech kommen aus där Zait“, sagt er und lächelt. Strassen ist in einigen Dossiers Vorreiter: Als erste Gemeinde baute Strassen ein Tiny House; führte das Nachbarschaftsnetzwerk Hoplr ein und stellte einen Streetworker ein, um Jugendliche, die etwas verloren wirken, zu unterstützen. Unaufgefordert erzählt Nico Pundel von seinen Plänen, den Stundenplan, den heiligen Gral der Schulorganisation, umstellen zu wollen. Vor zwei Jahren schlug er tägliche Unterrichtseinheiten bis 14.30 Uhr vor, um sich den „gesellschaftlichen Gegebenheiten“ anzupassen. Die Vereine, die Maison Relais, alle könnten ihre Arbeitsweise verändern und in den Nachmittag verlegen. Er berief eine Arbeitsgruppe ein, doch vom Lehrpersonal kam niemand. Er versteht bis heute nicht, warum es keinen Willen gab.

Als vergangenes Jahr Diskussionen um sexuelle Belästigung im 35-Millionen-Schwimmbad Les Thermes in der Gemeinde aufkamen, und das Wort einen Artikel mit Zeugenaussagen publizierte, erklärte Nico Pundel, Strassen habe die schönste Sauna des Landes, und das ziehe Voyeure an. Er war unzufrieden mit der Berichterstattung. Im Gespräch mit dem Land sagt er, er sei kein Saunagänger und habe vielleicht nicht das richtige „Feeling“ für diese Probleme. Und schiebt nach: „Kënnen dLeit sech net packen?“

2018 geschah ihm das Unvorstellbare. Sein älteste Tochter nahm sich das Leben nach einem Kampf mit Depressionen. Das im kleinen Luxemburg, in dem das Thema seelisches Leiden in vielen Milieus immer noch tabu ist. Nico Pundel spricht offen darüber. Als Eltern sei man null auf eine solche Situation vorbereitet, es sei das Schlimmste, was ihm in seinem Leben passiert sei. Seine Tochter Vicky Pundel engagiert sich mittlerweile in der Suizidprävention, zuletzt vergangenes Wochenende im RTL-Background, um die Erfahrung zu verarbeiten. Aus den Aussagen der Familie kristallisiert sich heraus, dass das Angebot für junge Menschen in psychischen Krisensituationen völlig unzureichend ist. „Als junge Frau mit 70-jährigen Alkoholikern in der Psychiatrie zu sitzen, ist nicht hilfreich. Es gab keinen Platz für sie“, sagt Nico Pundel. Er habe sich dieses Jahr sieben Wochen zur Trauerarbeit in eine Traumaklinik begeben. „Irgendwann muss es weitergehen. Man hat das Recht, auch wieder zu lachen.“

Sarah Pepin
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