Wohin mit dem Geld, wenn alles geschlossen ist? Die Deutschen stecken es vermehrt in Girokonten und Aktien,
Immobilien und Gold

Die Zeit der Hortung ist gekommen

d'Lëtzebuerger Land vom 30.10.2020

Die Deutschen wirtschaften wie die Eichhörnchen, meint der Ökonom Daniel Stelter: fleißig, aber auch ein bisschen doof – daher gehörten sie „zu den Ärmsten in Europa“. Die Nagetiere verbuddeln unermüdlich Nüsse, finden sie dann aber oft nicht wieder. Die Deutschen exportieren erfolgreich Autos und Maschinen, aber keine andere Nation lege „ihre Ersparnisse so schlecht an“, kritisiert Stelter. Im Jahr 2017 hatte jedenfalls ein deutscher Haushalt ein Vermögen von im Schnitt nur 241 300 Euro, während es zum Beispiel die Spanier trotz hoher Arbeitslosigkeit auf 273 600 Euro brachten. Wobei diese Durchschnittszahl durch einige wenige Milliardäre noch geschönt wird. Der Median-Wert offenbart: Die ärmste Hälfte der deutschen Haushalte blieb unter 60 800 Euro, während sogar die ruinierten Griechen immerhin 65 100 Euro schafften. Begründet wird das Hinterherhinken damit, dass die Deutschen bislang relativ wenig Ak-
tien und Immobilien besitzen.

Höhere Sparquote Ob sie nun die Nullzinsen ausgleichen wollen, wegen Corona weniger konsumieren oder mehr Zukunftsangst als ohnehin schon haben: Viele Deutsche horten jetzt noch mehr Geld auf Bankkonten. Laut einer Studie, die der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) zum Weltspartag veröffentlicht hat, wird die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland dieses Jahr voraussichtlich auf rund 15 Prozent steigen. In den vergangenen Jahren waren jeweils zwischen 10,1 und 10,8 Prozent des verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante gelegt worden. Andreas Martin, Vorstandsmitglied des BVR, erläutert: „Der massive Anstieg des Sparens ist ein Corona-Sondereffekt. Ausgefallene Urlaubsreisen und verschobene Autokäufe werden nur allmählich nachgeholt.“ Erst nach 2021 rechnet der BVR mit einem Rückgang der Sparquote auf wieder rund elf Prozent.

Mehr Spargroschen Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank ist das Nettogeldvermögen der deutschen Privathaushalte im ersten Quartal 2020 deutlich gefallen: um 142 Milliarden auf 4 447 Milliarden Euro. Der Grund dafür waren „erhebliche Bewertungsverluste“ an den Börsen, vor allem bei Aktien und sonstigen Anteilsrechten (minus 101 Milliarden) und bei Investmentfonds (minus 83 Milliarden). Das reine Sparen dagegen, die „transaktionsbedingte Geldvermögensbildung“, erreichte „per saldo mit rund 90 Milliarden Euro einen historischen Höchstwert“.

Im zweiten Quartal 2020 stellte die Bundesbank dann wieder eine „deutliche Steigerung beim Geldvermögen der privaten Haushalte“ fest: Insgesamt wuchs es um 253 Milliarden, beziehungsweise vier Prozent bis Ende Juni auf den neuen Rekordwert von 6 630 Milliarden Euro. Das Nettogeldvermögen nach Abzug der Schulden stieg um 236 Milliarden auf 4 722 Milliarden Euro. Die „transaktionsbedingte Geldvermögensbildung“ erreichte mit einem Saldo von 109 Milliarden Euro schon wieder „einen historischen Höchstwert“. Besonders die Zuflüsse in Bargeld und Sichteinlagen wuchsen: plus 72 Milliarden. Die Anlagen in Sparbücher und Sparbriefe wurden „weniger reduziert als im Vorquartal“. Als „treibende Kraft“ sieht die Bundesbank besonders die Bewertungsgewinne von Aktien (plus 74 Milliarden) und Investmentfonds (plus 64 Milliarden). Die deutschen Privathaushalte freuten sich nicht nur über ihre Kursgewinne, sondern investierten auch vermehrt: in Aktien netto gut sechs Milliarden, in andere Beteiligungen zehn Milliarden und in Investmentfonds 13 Milliarden.

Mehr Aktien Im Gegensatz zu früheren Krisenzeiten zogen sich die Deutschen diesmal nicht von den Börsen zurück, ganz im Gegenteil: Broker und Direktbanken kamen zeitweise mit der Eröffnung neuer Depots schier nicht nach. Der Frankfurter Broker Flatex zum Beispiel, der den Broker Degiro übernommen hat, gibt an, in diesem Jahr bereits 350 000 neue Kunden gewonnen und seinen Gewinn im ersten Halbjahr um 116 Prozent gesteigert zu haben. Nach einer Erhebung des Marktforschungsunternehmens Kantar im Auftrag der Postbank wagten sich 3,2 Prozent der Befragten zum ersten Mal an eine Geldanlage in Aktien; 7,2 Prozent kauften mehr Wertpapiere als bisher. Am beliebtesten waren dabei Aktien (62 %), vor ETFs (39,8 %) und Investmentfonds (22,2%). Als Sparziele wurden vor allem „Rücklagen für unerwartete Ausgaben“ (39,5 %) und „Altersvorsorge“ (36,6 %) genannt, weit vor „Erwerb von Wohneigentum“ (12,5%), „Autokauf“ (11,6%) oder „Rücklagen für Kinder“ (10%). Knapp 13 Prozent der Befragten gaben allerdings an, überhaupt nichts sparen zu können oder wollen.

Der Allianz Global Wealth Report 2020, der Ende September veröffentlicht wurde, bestätigt, dass die Deutschen im Vergleich zu anderen Industrienationen nicht besonders reich sind. Ende 2019 lagen sie mit einem Geldvermögen von pro Kopf rund 57 100 Euro auf Platz 18, zum Beispiel hinter Frankreich (63 381 Euro), Belgien (94 804 Euro) und den Niederlanden (114 287 Euro). Es gebe zwar immer mehr deutsche Millionäre, die Mittelschicht aber „schafft wenig Wohlstand“ – die Hälfte der Haushalte habe weniger als 18 000 Euro Finanzreserven.

Mehr Diversifizierung Von „stupid German money“ mit „home bias“ könne dagegen keine Rede mehr sein, finden die Analysten der Allianz. Die deutschen Anleger seien „besser als ihr Ruf“: Aktien machten zwar immer noch nur 5,6 Prozent ihres Finanzvermögens aus, aber in den letzten sechs Jahren hätten sie 5,8 Prozent ihrer frischen Ersparnisse direkt im Aktienmarkt investiert – mehr als traditionelle Börsen-Fans wie Amerikaner oder Franzosen. Dabei investierten die Deutschen überwiegend in ausländische Aktien (54%), weshalb der Anteil nicht-deutscher Aktien in ihren Portfolios seit 2013 von 25 auf 38 Prozent gestiegen sei. Eine kluge und erfolgreiche Auswahl: Der Wert dieser Auslandsaktien sei um 65 Prozent gestiegen, während der Weltaktienindex MSCI World in der gleichen Zeit nur um 42 Prozent zugelegt habe. Das könnte man allerdings auch negativ sehen: Deutsche Investoren wenden sich zunehmend von dem Land ab, das sie vermutlich am besten kennen – und machen anderswo mehr Geld.

Mehr Beton Der größte Posten im Gesamtvermögen ist nach wie vor immobil: Ende 2018 hatten die Deutschen von einem privaten Sachvermögen von schätzungsweise 8,66 Billionen ungefähr 4,73 Billionen Euro in Gebäuden und Grundstücken stecken. Ende 2019 zählte das Statistische Bundesamt 42,5 Millionen Wohnungen, davon 53,5 Prozent zur Miete. Nach einer Studie der Firma Interhyp, die Baufinanzierungen vermittelt, hat Corona den „Run auf Immobilien nicht gestoppt“: Trotz „temporärer Preisrückgänge“ sei der durchschnittliche Kaufpreis von 403 000 Euro im Jahr 2019 bis Ende Juni 2020 um sieben Prozent auf 434 000 Euro gestiegen, der Quadratmeterpreis im Schnitt um sechs Prozent auf 3 330 Euro. Nach Zahlen des Immobiliendienstleisters CBRE wurden im ersten Halbjahr 2020 rund 41,8 Milliarden Euro im deutschen Immobilienmarkt investiert, 34 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Davon seien auf das schwächere zweite Quartal nur 13,6 Milliarden Euro entfallen: Die Investoren seien bei einzelnen Asset-Klassen vorsichtiger geworden, zum Beispiel bei Hotels.

Mehr Gold Ungebrochen ist dagegen der Drang zur traditionellen Inflationsvorsorge Edelmetall. Händler meldeten im ersten Halbjahr lange Lieferzeiten, und einzelne Münzen, etwa Krügerrands, waren zeitweise ausverkauft. Nach Schätzungen der Reisebank kauften deutsche Privathaushalte bereits von 2016 bis 2019 rund 220 Tonnen Gold. Angeblich besitzen nun 26 Millionen Deutsche zusammen rund 8 900 Tonnen, davon über 4 900 Tonnen Münzen und Barren. Der World Gold Council konstatiert ebenfalls, dass kein anderes Land so viel in Gold investiert: Im ersten Halbjahr 2020 sollen die Deutschen für 4,4 Milliarden Euro 83 Tonnen Goldbarren und Goldmünzen gekauft haben, im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 120 Prozent. Prepper empfehlen in Traktaten wie „Gold vergraben, aber richtig“, diese Schätze nicht zu Hause oder im Bankschließfach aufzubewahren, sondern zu verstecken. Vielleicht finden sie dann ja die Eichhörnchen. ●

Martin Ebner
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