CD Santa Barbara des Ensemble La Boca

Dem Tango verfallen

d'Lëtzebuerger Land du 03.02.2005

La Boca, so heißt das Ensemble, das die fünf Musiker 1998 gründeten, um sich mit dem Tango auseinanderzusetzen, der puristischen Tanzform aus Argentinien, der bitterernsten Volksmusik der Immigranten, vor allem aber mit dem Tango nuevo von Astor Piazzola, der kreativen Synthese aus alter Tradition und modernem Zeitgeist, mit dem der 1992 verstorbene Argentinier die große Renaissance des Tangos einleitete. Mit ihren Auftritten, etwa im Inouï in Redingen an der Attert, auch mit dem 2001 erschienen Live-Album, sind die Geigerin Vania Lecuit, Jeannot Sanavia am Kontrabass, der Akkordeonist Maurizio Spiridigliozzi, der Gitarrist Sergio Tordini und der Pianist Georges Urwald in Luxemburg auf Interesse gestoßen und haben das Terrain für den argentinischen Tango bereitet. La Boca, der Mund, so heißt auch der Hafen von Buenos Aires. Hier, an der Mündung des Rio Chuelo in den Rio de la Plata, mitten im von kleinen Slums durchzogenen Arbeiterviertel, steht die Wiege des Tango. Von hier aus verbreiteten sich die strengen Formen und melancholischen Weisen am Anfang des 20. Jahrhunderts, zuerst in den Hinterhöfen und Gassen, Bars und Bordellen, dann im Radio, im Kino und im Konzertsaal. Der Tango wurde zur emotionalen Ausdrucksform und zur erotischen Körpersprache Hunderttausender von überwiegend italienischen Immigranten, bevor er den Weg nach Europa schaffte. Heute ist der Tango nach wie vor der große Stolz von La Boca, wie auch die "Boca Juniors", der 1905 von den Italienern gegründete Club, der Diego Armando Maradonna hervorbrachte. Sein zweites Album (Sacem, LB 1998) hat das La Boca-Quintett nach dem Stück Santa Barbara von Walter Civitareale genannt, einem der Schutzpatronin der Grubenarbeiter und Civitarieales Vater gewidmeten, waschechten Tango nuevo im Stil von Astor Piazzola. Mit Santa Barbara zieht das Ensemble einen roten Faden zwischen Piazzolas großen Vorbildern wie Georges Boulanger (1893-1958), der mit dem von Vania Lecuit schlicht und bewegend interpretierten Stück Avant de mourir auf der CD vertreten ist, Piazzola selbst und dem zeitgenössischen Tango von Walter Civitareale. Aus einem eingängigen Motiv hat Civitareale die Konturen eines brillanten Konzerttangos herausgefeilt, mit virtuosen Glissandi und stumpfen Staccati, den schroffen Kanten und strengen Rhythmen, die den Charme von Astor Piazzolas Musik ausmachen. Das Stück zieht Parallelen zum Idol aus Argentinien, ohne dadurch die Eigentümlichkeit von Civitareales Handschrift aufs Spiel zu setzen. Neben Piazzola-Klassikern - Invierno Porteno, Oblivion oder Concierto para quinteto - und Walter Civitareales Tango Santa Barbara spielt das Ensemble Musik der Piazzola-Vorgänger Georges Boulanger und Carlos Gardel, aber auch Eigenkompositionen wie das originelle Dans la lune von Jeannot Sanavia oder den geschickt strukturierten Tango pour quintette von Maurizio Spiridigliozzi. Die Musiker von La Boca sind der Rhythmik des Tango verfallen. Ohne Berührungsängste mit ernster und populärer Musik zu zeigen, versprühen Vania Lecuit, Jeannot Sanavia, Maurizio Spiridigliozzi, Sergio Tordini und Georges Urwald mit ihrem leidenschaftlichen Spiel eine selten intensive Lebenslust.

Am 2. März gastiert La Boca im Rahmen der Actar-Konzertreihe im hauptstädtischen Musikkonservatorium (Informationen und Bestellungen über Telefon: 47 08 95-1; oder im Internet www.luxembourgticket.lu), am 9. März im Merscher Kulturhaus (Telefon: 26 32 43 1; e-mail: info@kulturhaus.lu) und gibt am 20. März eine Jazz-Matinee in der Neumünsterabtei.

 

 

Marc Fiedler
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