Geschichte der Eugenik

Luxemburg und die Familie Kallikak

d'Lëtzebuerger Land vom 13.11.2020

Das vom Hygiene-Museum in Dresden in den 1920-er Jahren angefertigte Schaubild der Familie Kallikak beruhte auf der vom US-amerikanischen Psychologen und Eugeniker Henry Goddard 1912 in einer Studie festgehaltenen Geschichte seiner Patientin Emma Wolverton und ihrer Familie, die 1914 ins Deutsche übersetzt wurde. Unter dem fiktiven Namen Kallikak, der aus dem Zusammenzug der beiden altgriechischen Wörter „kallos“ (gut) und „kakos“ (schlecht) bestand, hatte Goddard die unehelichen Nachfahren Martin Kallikaks mit einer namentlich nicht genannten „Schwachsinnigen“ den Abkömmlingen aus Kallikaks späterer Ehe mit einer Frau aus einer sogenannten wohlgeborenen Familie gegenübergestellt. Ziel der Tafel war es, den Betrachtern die Bedeutung der selektiven Fortpflanzung für den Erhalt einer leistungsfähigen Gesellschaft vor Augen zu führen. Das Exponat war durch regelmäßige Präsentationen von Objekten im Zusammenhang mit der Familie Kallikak zu einem Objekt mit Wiedererkennungswert geworden (Weinert 2017, 106), das auch in Luxemburg bekannt war, wie aus einem Luxemburger WortArtikel zum 50. Todestag Gregor Mendels vom 16. Januar 1934 hervorgeht. (H.B.V. 1934, 8)

Die GeSoLei in Düsseldorf 1926

Zur Bekanntheit der Kallikak-Tafel hatte sicher ihre Zurschaustellung auf der 400 000 Quadratmeter umfassenden und von 7,5 Millionen Menschen besuchten Ausstellung für Gesundheit, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei) in Düsseldorf 1926 beigetragen (Weinert 2017, 106-107). Dort musste sie auch der junge, aus Basel stammende und in Luxemburg praktizierende Hautarzt Frantz Demuth (1896-1963) (Kugener 2005, 334-335) gesehen haben. Der junge Hautarzt, der sich unter anderem für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten einsetzte, nahm Kontakt auf zum Direktor des Hygiene-Museums in Dresden, das maßgeblich zur Bestückung des volksgesundheitlichen Teils der GeSoLei beigetragen hatte (Weinert 2017, 58), um ihn zu bitten während seines Aufenthalts in Düsseldorf einen Abstecher nach Luxemburg zu machen (Krombach et Wampach 1929). Der Besuch kam allerdings nicht zustande. Ein weiterer Anziehungspunkt der GeSoLei aus den Sammlungen des Hygiene-Museums war der „durchsichtige Mensch“, der in der der „Veranschaulichung der Gesundheitspflege“ gewidmeten Abteilung ausgestellt wurde, wo er die Aufmerksamkeit des Arbed-Arztes Léon Pundel (1870-1952) (Kugener 2005-1, 1254-1255) auf sich gezogen hatte (Pundel 1927, 2). Von dieser Abteilung abgesehen, zeigte sich der Allgemeinarzt wenig beindruckt von der Schau. Vielmehr übte er in einem Vortrag auf der Generalversammlung des Luxemburger Vereins für Volks- und Schulhygiene 1927 Kritik „an der kolossalen Masse“ der Exponate und dem „schillernden Drum und Dran“, die er als „glänzende Staffage“ bezeichnete. Die der „Vererbung der im väterlichen und mütterlichen Blute enthaltenen Anlagen und […] den Schäden, die diesem Erbgut während des Lebens durch Gifte, Krankheiten und anderweitige ungünstige Verhältnisse drohen“, gewidmeten Ausstellungsteil erwähnte er kommentarlos (Pundel 1927, 2).

Der Luxemburger Verein für Volks- und
Schulhygiene

Demuth und Pundel waren Mitglieder des 1904 gegründeten Vereins für Volks- und Schulhygiene. Ausgehend von der Feststellung dass „jeder Mensch […] ein gewisses Kapital in physischer und moralischer Hinsicht“ darstelle und dass dieses Kapital „durch eine rationale Gesundheitspflege […] vermehrt, resp., dessen Verlust vermindert oder gar verhindert werden“ könne, wollten sich die Mitglieder nach dem Modell bereits im Ausland existierender ähnlicher Vereinigungen dafür einsetzen, durch Aufklärung gegen die gesundheitlichen Nöte der Bevölkerung, insbesondere der unteren Gesellschaftsschichten, vorzugehen. Die Schule sei „der geeignete Platz, um in dieser Beziehung den Hebel anzusetzen“, schrieben die Vereinsgründer (Verein für Volks- und Schulhygiene 1905, 3).

Mit seiner pädagogischen Zielsetzung fügte sich der Verein nahtlos ein in die Tradition der paternalistischen liberalen sowie klerikalen Arbeiterunterstützungsvereine des 19. Jahrhunderts (Jungblut 1993). In der 1891 veröffentlichten Enzyklika Rerum Novarum hatte der Papst die Katholiken aufgefordert, sich verstärkt der Arbeiterfrage anzunehmen (Margue 2008, 541).Deshalb wundert es nicht, dass der ehemalige Vorsitzende des Gesellenvereins und Schriftführer des 1903 gegründeten katholischen Volksvereins, Joseph Sevenig (1869-1927), der auch im antialkoholischen Verein maßgeblich mitwirkte, Gründungsmitglied des Hygiene-Vereins war und dass der liberal gesinnte Verein für die Interessen der Frau die Ergebnisse seiner Enquête über die Wohnbedingungen in den Arbeitervierteln der Hauptstadt 1908 in Zusammenarbeit mit dem Verein für Volks- und Schulhygiene publizierte (Bové 2011, 173).

1925 gehörten dem Verein sowohl Anhänger der katholischen Soziallehre wie Abbé Friedrich Mack (1877-1942), seit 1921 Direktor des bischöflichen Konvikts und ab 1930 Direktor der luxemburgischen Caritas (Luis et Werner 2007, 25-43), Chanoine Jean Origer (1877-1942), damals Direktor der Sankt-Paulus-Druckerei, und Abbé Joseph Sevenig an, als auch der Abgeordnete der Rechtspartei und Inhaber einer Kunstdruckerei Mathias Huss, der bekennende Freidenker Arthur Daubenfeld, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Hollerich und Begründer der Gesellschaft für Feuerbestattung, der liberale Politiker und damalige Schöffe der Stadt Luxemburg Marcel Cahen, Mitglieder der sozialistischen Partei wie der der Anwalt René Blum (1889-1967), 1925-1926 Präsident der Abgeordnetenkammer, der Abgeordnete und Gewerkschaftler Pierre Krier (1885-1947) sowie ferner der Abgeordnete und Bürgermeister der Stadt Differdingen, Emile Mark (1874-1935), zu dem Zeitpunkt Mitglied der radikal-sozialistischen Partei, der als kompromissloser Antiklerikaler bekannt war (Verein für Volks- und Schulhygiene 1926, 61-67).

Gesellschaftlich verankert war der Verein vor allem in der Lehrer- und Ärzteschaft, in Architektenkreisen sowie bei Menschen, die im weitesten Sinne Sozialarbeit leisteten. Als Mitglied der belgischen Œuvre nationale de l’enfance, der Union internationale contre le péril vénérien und der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten war der Verein international gut vernetzt. 1925 nahmen Vereinsmitglieder teil an der Conférence de la défense sociale contre la syphilis in Nancy und der Präsident Dr. Wilhelm Krombach reiste zum Congrès international de la protection de l’enfance nach Paris. Zu den Fragen der Zeit, über die öffentlich diskutiert wurde, gehörte neben der Protection de l’enfance malheureuse seit der Mitte der 1920-er Jahre auch die sogenannte eugenische Frage. Nicht zuletzt aus diesem Grund setzte sich der Vereinspräsident Krombach wahrscheinlich dafür ein, mit der vom Hygiene-Museum Dresden organisierten Ausstellung Der Mensch in gesunden und kranken Tagen, über deren Präsentation in Essen er in der Frankfurter Zeitung gelesen hatte, das 25-jährige Jubiläum des Vereins zu begehen. (Krombach et Wampach 1929) Durch die gute politische und administrative Vernetzung seiner Mitglieder – so war August Praum (1870-1928) Direktor des bakteriologischen Laboratoriums – gelang es dem Verein mit der Unterstützung des deutschen Gesandten in Luxemburg den Generaldirektor des staatlichen Sanitätsamtes Norbert Dumont dazu zu motivieren, eine Regierungskommission zur Organisation und zur Bewerbung der Ausstellung zusammenzustellen und sich für die notwendigen finanziellen Mittel zur Übernahme der Ausstellung einzusetzen. Derweil erklärte sich die Stadt Luxemburg bereit den Cercle municipal als Ausstellungsort zur Verfügung zu stellen (Krombach et Wampach 1929, II-III).

Eugenik leicht erklärt

Doch kommen wir zurück zum Ausgangspunkt unserer Geschichte: zur Familie Kallikak. Die in der Abteilung Gesundheitspflege präsentierte eugenische Lehrtafel war ein zentrales Exponat der Hygiene-Ausstellung, die vom 19. August bis zum 9. September etwa 25 000 Besucher anlockte. Ihre inhaltliche Aussage musste den jungen Arzt Frantz Demuth freuen, war sie doch die bildhafte Umsetzung von Überlegungen zur differentiellen Fortpflanzung, die er einem Aufsatz der Festbroschüre zum 25-jährigen Vereinsjubiläum unter dem Titel „Die wissenschaftlichen Grundlagen der modernen Eugenik“ festhielt. Der Schreiber bekannte sich in dieser Schrift zu der vom deutschen Arzt und Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD) Alfred Grotjahn (1869-1931) vertretenen praktischen Eugenik. Für Demuth war Eugenik eine Form der Fortpflanzungshygiene. In anderen Worten: Es handelte sich dabei um jenen „Zweig der Sozialhygiene […], der sich mit den natürlichen und sozialen Voraussetzungen der menschlichen Fortpflanzung und mit ihrer materiellen Beeinflussung in qualitativer und quantitativer Hinsicht befasst.“ (Demuth 1930, 98)

Die Lehre fußte auf der Vererbungslehre von Gregor Mendel und August Weißmann, die von der „Nichtvererblichkeit erworbener Eigenschaften“ ausging (Demuth 1930, 98): „Der Mensch muss sich nun einmal damit abfinden, daß alle geistige und körperliche Ausbildung, daß die gesamte Personalhygiene, so wichtig sie auch sonst sein mögen, auf die Nachkommenschaft nicht den geringsten Einfluß ausüben, also auch nicht rasseverbessernd wirken“, so der Luxemburger Sozialhygieniker (Demuth 1930, 99). Die Möglichkeit zur „Rasseverbesserung“ lag für ihn wie für sein deutsches Vorbild in der gesteuerten „Selektion“, die zur „Verschiebung des Verhältnisses der schlecht Veranlagten zu den besser Veranlagten“ führe. Dies könne dadurch geschehen, „daß entweder die ersteren ausgemerzt [würden], oder daß sich die letzteren rascher [vermehrten]. In beiden Fällen [bedeute] das Resultat eine Anreicherung der Rasse an vorteilhaften Erbanlagen“ (Demuth 1930, 102-103).

Während einer Versammlung des Vereins am 13. März 1927 hatte sich Demuth explizit für die „künstliche Sterilisierung Minderwertiger“ ausgesprochen (Verein für 1927, 2). Auch zwei Jahre später stand der Arzt der „eliminatorischen“ Eugenik, wie sie in den USA zur Anwendung kam, und die vorsah, „die erblich Untauglichen durch Isolierung oder durch Sterilisation daran [zu hindern] sich fortzupflanzen“, nicht abweisend gegenüber. In Betracht kamen dem Autor zufolge „Individuen mit absolut asozialer Geisteslage wie Idioten, konstitutionelle Verbrecher, unverbesserliche Alkoholiker, oder mit schweren hereditären Körperleiden [Belastete] wie Hämophile, Klumpfüßler“ (Demuth 1930, 105). Er bevorzugte aber die „elektive“ Fortpflanzungshygiene, die sich zur Aufgabe setze, „mit allen Mitteln zu veranlassen, daß sich die Erbtüchtigen stärker vermehren als die Untüchtigen.“ Demuth appellierte an die Politik, sie solle „im Interesse der Ertüchtigung der Art […] eugenische Eheberatung, eugenische Steuer- und Finanzpolitik, eugenische Siedlungspolitik, eugenische Mutterschaftsfürsorge“ fördern (Demuth 1930, 106). Hinter seinen Ausführungen stand die in weiten Kreisen verbreitete Angst, die „gut veranlagte kaukasische Rasse“ würde „infolge von Geburtenabnahme rein zahlenmäßig von den niedriger stehenden Völkern Asiens und Afrikas verdrängt.“ Als Beweis für seine Ausführungen machte der Autor einen zweckorientierten historischen Vergleich und schrieb, „Rom und Griechenland [seien] einzig und allein infolge ihrer Kinderarmut den anstürmenden germanischen und slawischen Völkern unterlegen“ (Demuth 1930, 108).

Die Familie Kallikak war nicht das einzige eugenische Exponat der Ausstellung von 1928. Ein mit dem Spruch „Geh nicht blind in die Ehe! Lass Dich vorher beraten“ versehenes illustriertes Plakat warb für eine Eheberatungsstelle in Dresden. Gipsplastiken stellten publikumswirksam ein gesundes, ein schwer rachitisches und ein leicht rachitisches Kind gegenüber (Deutsches Hygienemuseum 1927, 52 u. 54). Abgestimmt auf das Ausstellungsprogramm bot die zuständige Regierungskommission, in der auch Mitglieder des Vereins für Volks-und Schulhygiene mitwirkten, Führungen an. Die Veranstalter übernahmen damit die im Hygiene-Museum und in verschiedenen deutschen Naturkundemuseen seit der Jahrhundertwende gängige Praxis von Ausstellungsführungen als Bildungsmittel für untere Volksschichten.

Die von den bürgerlichen Ausstellungsmachern vermutete ablehnende Haltung der Arbeiterschaft gegenüber der bürgerlichen Kultur wollte man durch Anknüpfungspunkte an Wissen und Interesse der Betroffenen überwinden und sie mit bewusst einfach gewählten Worten an die Inhalte der Ausstellungen heranführen (Kuntz 1980, 60). Der Ton konnte dabei auch in die paternalistische Infantilisierung gleiten, wie der kleine vom Hygiene-Museum erstellte Führer durch die Ausstellung, in dem der Besucher geduzt wurde, belegt. Die Broschüre begrüßte den Leser mit den Worten: „Lieber Besucher, kommst du, weil du denkst, du kannst etwas Gruseliges, angenehm Prickelndes sehen? […] Dann gehe nur gleich wieder heim, denn du wirst sicher enttäuscht! Doch ich habe dich verkannt. Verzeihe mir. Ich sehe, dass du kommst, weil du schon lange wissen möchtest, wie dein Köper gebaut ist. […] Komm her, du bist am rechten Ort! Wir wollen miteinander lernen, was zu lernen nottut, und ich verspreche dir, daß ich dich mit allen Spitzfindigkeiten und überflüssigem Wissenskram verschonen will.“ (Deutsches Hygienemuseum 1927, 8)

Die Bedeutung der Gattenwahl

Der Sozialhygieniker Demuth war mit seinen Ideen zur Fortpflanzungsselektion nicht allein. In der Festbroschüre zum 25-jährigen Vereinsjubiläum rezensierte ein weiteres Vereinsmitglied, der Richter Jules Salentiny, eine von der belgischen Juristin Marie-Thérèse Nisot veröffentlichte Bestandsaufnahme der eugenischen Maßnahmen in England, Frankreich und in den USA. (Salentiny 1929). Salentiny war zudem Präsident einer Studienkommission des Vereins zur Eugenik, der auch die Ärzte Demuth (Sekretär) und Pundel, der Veterinär und Direktor des Schlachthofs im Pfaffenthal Léandre Spartz (1879-1940) sowie der Gefängnisdirektor Norbert Ensch angehörten. Außerdem stand der Jurist hinter dem Inhalt des Gesetzprojekts zur Einführung eines ärztlichen Zeugnisses vor der Heirat, das der sozialistische Politiker und Vereinsmitglied René Blum am 20. Januar 1927 eingereicht hatte (Nisot 1929, 348-354).

Die Haltung der katholischen Kreise zum eugenischen Teil der Ausstellung war ambivalent. Sie nahmen Anstoß an dem Teil der Schau, der sich mit der der Fortpflanzung und der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten befasste, was die Regierungskommission dazu bewog, den Zugang zu dieser Abteilung den unter 18-jährigen Besuchern zu verbieten. (Kugener 2004, 309) Auch die Darstellungen von nackten oder leicht bekleideten Menschen aus den Unterrichtssammlungen des Hygiene-Museums müssen das Missfallen der gegen das „Neue Heidentum“ eintretenden Katholiken erregt haben. Anders war es mit den Teilen, die sich mit der Pflege des Erbguts befassten.

Bereits 1918 publizierte die Zeitschrift Volkswohl, deren Schriftleiter Abbé Joseph Sevenig war, unter dem Titel „Rassenhygiene“ die Rezension eines 1914 erschienenen Werkes mit dem Titel Racehygiene des norwegischen Rassenbiologen Jon Alfred Mjoen (1860-1939). In dem Volkswohl-Aufsatz, das Mjoens Buch als hochinteressant und mit großer Sachkenntnis und warmer Begeisterung geschrieben bezeichnete, hob der anonyme Schreiber hervor, der norwegische Forscher erörtere die „große Gefahr, welche die Vermehrung der biologisch minderwertigen bei der gleichzeitigen Verminderung der hochwertigen Rassenelemente für den leiblichen und geistigen Stand der Völker und Rassen mit sich“ bringe. Der gläubige Biologie-Professor und Vereinsgründer Edmond Joseph Klein (Massard et Geimer 2009, 118), der Vorsitzender der Ausstellungskommission war, hielt auch im katholischen Volksverein Vorträge über die Vererbungslehre. Als die freidenkerisch orientierte Studentenvereinigung Assoss allerdings im Dezember 1927 den Jesuiten Dr. Hermann Muckermann, damals der prominenteste deutsche Vertreter einer katholischen Eugenik, zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem katholischen Akademiker Verein (AV) einladen wollte, um Stellung zu „einigen Rassenfragen der Gegenwart“ zu beziehen, scheiterte sie am Widerstand eines Mitglieds des katholischen Studentenzirkels, mit der Begründung, Muckermann sei „zwar Priester, sei aber zeitweilig aus dem Jesuitenorden ausgetreten, um als Leiter der Abteilung für Eugenik am Kaiser-Wilhelm-Institut zu fungieren,“ so der Schreiber eines „Klerikale Intoleranz“ betitelten Leitartikels im sozialistischen Tageblatt. Der Autor vermutete, dass im AV „nicht die Studenten selbst, sondern gewisse alte Herren und Ehrenmitglieder die Entscheidungen“ träfen (Klerikale Intorelanz 1927, 1). In der Dezembernummer 1927 der Zeitschrift des agrar-katholischen Vereins Landwûol publizierte Hary Godefroid unter dem Pseudonym H.G. einen Artikel mit dem Titel „Eugenik“, in dem er sich mit der Bedeutung der „Gattenwahl“ bei der „genetischen Aufzucht“ auseinandersetzte. Godefroids Äußerung, es müsse darauf geachtet werden, dass „der oder die Erkorene gut geartet und entwickelt, körperlich und geistig allseitig gesund [sei] und zwar nicht nur persönlich, sondern auch bezüglich der Familienangehörigkeit“ (G. 1927, 14) liest sich aus heutiger Sicht wie eine Beschreibung des wohlgeborenen Zweiges der Familie Kallikak.

René Blums Gesetzesvorstoß zur Einführung eines obligatorischen Arztbesuchs vor der Eheschließung verebbte. Der Verein für Volks- und Schulhygiene verabschiedete sich in den 1930-er Jahren von eugenischen Themen. Anlässlich der NS-Gesundheitsschau des Hygiene-Museums „Das Wunder des Lebens“, die vom 25. August bis 11. September 1938 wiederum im Cercle municipal der Stadt Luxemburg stattfand, wurde die Familie Kallikak ein weiteres Mal in Luxemburg präsentiert. Vor dem Hintergrund des deutschen Reichsgesetzes zur Unfruchtbarmachung von Erbkranken vom 14. Juni 1933 hatte das Exponat eine neue Bedeutungsdimension bekommen.

Literatur

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G., H. 1927. „Eugenik.“ Bleif Dohém. Landwûol. Luxemburger Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege, Dezember: 14-15.

H.B.V. 1934. „Ein Erbstrom fliesst von Geschlecht zu Geschlecht. Zum 50. Todestage Johann Georg Mendels, 6. Januar.“ Luxemburger Wort, Januar 16.: 8.

Jungblut, Marie-Paule. 1993. „Arbeiterunterstützungsvereine und andere nützliche Vereine.“ In Das Leben in der Bundesfestung Luxemburg (1815-1867), by Musée d‘Histoire de la Ville de Luxembourg, 377-390. Luxemburg.

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Kugener, Henri. 2004. „In Spiritus gesetzte Naturseltenheiten, geburtshülfliche Präparate, Fötusse in allen Formen …“ Zu den Wanderausstellungen des Deutschen Hygiene-Museums in Luxemburg 1928 und 1938. In „Sei sauber …!“Eine Geschichte der Hygiene und öffentlichen Gesundheitsvorsorge in Europa, by Musée d‘Histoire de la Ville de Luxembourg, 306-315. Köln: Wienand.

–. 2005. Die zivilen und militärischen Ärzte und Apotheker im Großherzogtum Luxemburg. Band 1/3 (A-G). Luxemburg: Eigenverlag.

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Kuntz, Andreas. 1980. Das Museum als Volksbildungsstätte. Museumskonzeptionen in der deutschen Volksbildungsbewegung von 1871 bis 1918. Marburg: Jonas Verlag.

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Weinert, Sebastian. 2017. Der Körper im Blick. Gesundheitsausstellungen vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus. Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg.

Marie-Paule Jungblut
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