Ende 2021 war die Rentenreserve 27 Milliarden Euro schwer. Sollte das viele Geld nicht vor allem in den Klimaschutz investiert werden? Ein Gespräch mit den Chefs von Pensionskasse und Kompensationsfonds

En bon père de famille

d'Lëtzebuerger Land vom 29.07.2022

Alain Reuter ist Präsident der Caisse nationale d’assurance pension (Cnap) und des Fonds de compensation commun au régime général de pension (FDC). Marc Fries ist Mitglied des Direktionskomitees der Cnap und delegierter Vorsitzender des FDC-Investitionskomitees

d’Land: Herr Reuter, Herr Fries, haben Sie das Wort von heute (Dienstag) schon gelesen? „Dem Rentensystem droht der Kollaps“, wird auf einer ganzen Seite ausgeführt.

Alain Reuter: Ich habe den Artikel gelesen. Er behandelt die „implizite Staatsschuld“ aus langfristigen Rentenausgaben bis 2070. Luxemburg schneidet in der Studie einer deutschen Stiftung im Vergleich der europäischen Länder anscheinend ganz schlecht ab. Falsch ist es bestimmt nicht, die Langfristperspektive in den Blick zu nehmen. Auch die EU-Kommission macht das regelmäßig. Aber wenn man fortschreibt, was über die nächsten Jahrzehnte sein könnte, wird unterstellt, dass sich bis dahin nichts ändern würde. Doch genau das ist die Frage: Was wird sich ändern, wann und wie muss die Politik reagieren? Ich orientiere mich dazu lieber an dem Bilan technique, den im Mai die Generalinspektion der Sozialversicherung (IGSS) für die nächsten zehn Jahre vorgelegt hat. Diesem Bericht zufolge könnten 2027 die Rentenausgaben die Beitragseinnahmen übersteigen. Dann müssten die „Stellschrauben“ genutzt werden, die im Rentenreformgesetz von 2012 stehen. Sie würden den Ausgabenzuwachs ein wenig dämpfen, ehe ab 2032 das System defizitär würde und vielleicht 2030 eine größere Reform eingeleitet werden müsste.

Wobei 2012 davon ausgegangen wurde, dass schon 2018 an den Stellschrauben gedreht werden müsste, und im Bilan technique von 2016 rechnete die IGSS mit dem Stichdatum 2023. Immer aber bewahrte das Wachstum vor dem Griff nach den „Stellschrauben“.

AR: Ja, aber tendenziell nehmen die Ausgaben trotz aller Beschäftigungszuwächse stärker zu als die Einnahmen. Irgendwann wird das Stichdatum Realität.

Ende 2021 war die Rentenreserve auf 27 Milliarden Euro gewachsen, 3,2 Milliarden mehr als im Jahr zuvor. Man könnte meinen, da wurden ein paar hunderttausend neue Arbeitsplätze geschaffen, an denen gut verdient wird und von wo viele zusätzliche Beiträge an die Pensionskasse fließen.

AR: Die Beitragseinnahmen stiegen vergangenes Jahr auch, aber der größte Teil des Zuwachses kam mit 2,6 Milliarden aus dem FDC, dem Kompensationsfonds des Pensionsregimes, und seiner Sicav. Über sie wird der Großteil der Rentenreserve an den internationalen Finanzmärkten investiert.

Hat im Verwaltungsrat der Pensionskasse schon mal jemand vorgeschlagen, das Rentensystem ganz aus der Sicav finanzieren zu lassen, also zur Kapitaldeckung überzugehen?

AR: Das wäre gar nicht möglich. 2021 entsprachen die 27 Milliarden Euro in der Rentenreserve 5,16 Jahresausgaben. Um die Renten allein aus dem Kapital-
erlös des Kompensationsfonds bezahlen zu können, müsste die Reserve 25 bis 30 Jahre abdecken. Wir würden dann nicht von 27 Milliarden reden, sondern von 180 Milliarden. Um sie aufzubauen, wäre mehr als eine Generation vonnöten. Damit stellt sich ein fundamentales Problem: Jede Entscheidung, die die Politik trifft, sollte wenigstens eine Generation lang gelten. Deshalb wurde in der Rentenreform von 2012 der Leistungsabbau über 40 Jahre gestreckt. Wollte man zum Kapitaldeckungsverfahren übergehen, bräuchte man zwei Generationen: eine zum Aufbau der großen Reserve, eine zweite für den Übergang vom Umlageverfahren auf die Kapitaldeckung. Sowas ist wahrscheinlich auch politisch nicht gewollt.

Und auch die UEL-Vertreter im Cnap-Verwaltungsrat reden nicht manchmal vom Übergang zur Kapitaldeckung?

AR: Wir sind kein politischer Verwaltungsrat. Wir beschäftigen uns mit den Leistungen, die wir auszahlen. Und damit, ob die Pensionskasse gut aufgestellt ist, um mit der wachsenden Zahl der Leistungen effizient umzugehen. Die Ausrichtung des Rentensystems ist ein Thema für die Politik, vielleicht auch für den Wirtschafts- und Sozialrat. Für uns nicht. Philosophischere Diskussionen, wenn man so will, führt eher der Verwaltungsrat des Kompensationsfonds. Der FDC ist eine öffentliche Einrichtung für sich. Da kann die Debatte sich zum Beispiel darum drehen, wie wir die 27 Reserve-Milliarden investieren.

Die Arbeitnehmerkammer (CSL) hat dazu Ende März öffentlich einen „Paradigmenwechsel“ verlangt: Die Auswahlkriterien für die Investitionen des FDC müssten „viel restriktiver“ werden. Statt „marktkonforme Erlöse“ erzielen zu wollen, müsse eine Strategie für „Investitionen in die heimische Wirtschaft und die Lohnabhängigen und die Bürger“ her, Stichwort „ökologischer Umbau“. Wie verstehen Sie diesen Vorstoß? Haben die Gewerkschaftsvertreter im FDC die bisherigen Investitionsentscheidungen nicht mitgetragen?

AR: Der FDC trifft seine Entscheidungen immer im Konsens.

Was will die CSL dann?

AR: Ich denke, Sie möchte sagen, was auch der FDC immer gesagt hat: Er investiert die Rentenreserve en bon père de famille. Seit 2011 werden enorme Anstrengungen gemacht, um Kriterien von Nachhaltigkeit und ESG (ecological, social, governance) in unsere Überlegungen zu integrieren. Dass dieser Prozess weitergehen muss, bestreitet niemand.

Aber wenn der FDC im vergangenen Jahr zwölf Prozent Erlös einfuhr, sieht das nach Gewinnmaximierung aus. Und eine Studie im Auftrag von Greenpeace kam zu dem Schluss, dass die Investitionen der Sicav des FDC auf 2,7 Grad Erderwärmung gerichtet sind und nicht auf unter zwei Grad oder besser höchstens 1,5 Grad, wie 2015 im Pariser Klimaabkommen festgehalten.

AR: Im hohen Erlös 2021 steckte wahrscheinlich auch ein Nachholeffekt: Die Weltwirtschaft zog wieder an, die Covid-Lockdowns waren überstanden, zumindest in Europa. Dort wurde der Aufschwung auch durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und das quantitative easing finanziert. Es gab viel Zuversicht. Die Wirtschaft boomte, die Finanzmärkte boomten, und mit ihnen stiegen unsere Erlöse.

Wie ist die Lage jetzt?

Marc Fries: Sie können sich bestimmt vorstellen, dass sie schlechter ist als im vergangenen Jahr. Der FDC folgt dem Trend der Märkte. Ukrainekrieg, Energieknappheit, Inflation und steigende Zinsen wirken sich nicht vorteilhaft auf die Finanzmärkte aus. Im Moment rechnen wir mit acht Prozent Verlust. Die Aussichten waren dieses Jahr aber auch schon mal noch trüber. Mittlerweile stabilisieren die Börsen sich wieder.

Gleichzeitig sind diesen Sommer erneut Folgen des Klimawandels zu sehen: Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Trinkwasserknappheit. Und Greenpeace unterstellt dem FDC, auf 2,7 Grad Erderwärmung abzuzielen.

MF: Was die Studie von Greenpeace betrifft, haben wir festgestellt, dass ihre Methodik nicht transparent beschrieben ist und aus unserer Sicht zum Teil Inkohärenzen beinhaltet. Deshalb können wir ihre Resultate nur schwer nachvollziehen. Der FDC dagegen hat Ende 2020 eine Nachhaltigkeitsstudie publiziert, die sehr transparent ist.

Nun aber beruft die Arbeitnehmerkammer sich auf die Greenpeace-Studie. Damit scheint die gesamte Gewerkschaftsseite im FDC sie zu teilen. Wird das zu einem Problem?

MF: Man kann der CSL ein bisschen vorwerfen, dass sie nicht infrage gestellt hat, wie dieser Bericht zustande kam und wie er gerechnet wurde.

Hätte sie es besser wissen müssen?

AR: Der FDC hat einen fast achtzigseitigen Bericht über die Erfüllung der ESG-Kriterien Stand 2020 geschrieben. Der ist öffentlich. Für den Bericht wurden unter anderem Studien über den CO2-Footprint der Investitionen des FDC angestellt. Überprüft wurde auch, wie wir zum Global compact der Vereinten Nationen stehen, das ist eine Initiative für nachhaltige und verantwortungsvolle Unternehmensführung. Weil auch wir den CO2-Footprint für ganz wichtig halten, ließen wir ihn von einer Agentur messen, die darin viel Erfahrung hat. Trucost heißt sie, ihre Pariser Niederlassung haben wir ausgewählt, weil es in Frankreich damals schon ein Gesetz gab, den CO2-Footprint auszuweisen. Das hat Trucost für uns ebenfalls untersucht, also inwieweit der FDC auf einer Linie mit dem Pariser Abkommen liegt. Das zu analysieren, ist technisch ziemlich kompliziert. Künftig wollen wir jedes Jahr den Footprint berechnen lassen und alle drei Jahre, inwiefern wir deckungsgleich sind mit den Klimazielen von Paris. Trucost hat ermittelt, dass wir Stand 2019 über zwei Grad lagen. Zwischen zwei und drei Grad. Genauer bestimmen kann man das nicht, sagt Trucost uns. Es könnten also 2,1 Grad sein, vielleicht 2,5, vielleicht auch 2,7 Grad.

MF: Seit dem Eklat von 2009, als der damalige Abgeordnete André Hoffmann (déi Lénk) ganz zu Recht darauf hinwies, dass der FDC in Streubomben investiert hatte, wurden Anstrengungen unternommen. Wir begannen zu überprüfen, ob unsere Investitionen im Widerspruch zu internationalen Konventionen stehen. Wir gaben uns eine verantwortliche Rolle als Investor, der sich nicht an Firmen beteiligt, die auf Kinderarbeit zurückgreifen, Menschenrechte verletzen. Wir beteiligen uns auch nicht an Boeing und Airbus, weil beide ein Atomwaffenprogramm haben – sonst würden wir gegen eine Konvention verstoßen, die Luxemburg mitträgt. Wir lassen das regelmäßig von Sustainalytics, eine der weltgrößten Firmen in diesem Bereich, überprüfen. Nach dem Klimagipfel von Paris 2015 erhielt der Nachhaltigkeitsgedanke Auftrieb. Wir hatten schon 2012 gesagt, wir wollen ihn mit einbauen. 2017, bei der letzten Neufassung unserer Investitionsstrategie, legten wir fest, dass jedes Mandat für aktive Investitionen, das wir ausschreiben, einen nachhaltigen Ansatz haben muss. Jedes!

Wie überprüft der FDC das?

MF: Was zum Beispiel Aktien angeht, ist das so genannte Universum, in dem ein Investor für uns Beteiligungen erwerben kann, der Welt-Aktienindex MSCI. Er enthält 2 700 Aktientitel. Die kennen wir also, und sie können gescreent werden. Das lassen wir von Sustainalytics schon machen, ehe investiert wird. So dass es keine Überraschungen für uns mehr geben dürfte. Dieses Prinzip gilt auch bei allen anderen Anlageklassen, wie zum Beispiel den Obligationen. Was nachhaltige Ansätze betrifft, so werden die aktiven Mandate von Luxflag zertifiziert. Außerdem besteht der FDC darauf, dass die aktiven Manager die Vorgaben der Artikel 8 oder 9 der SFDR-Klassifizierung (Sustainable Financial Disclosure Resolution) erfüllen.

Ändern die Investitionen sich von einem Jahr zum nächsten?

MF: Nein. Wir suchen Asset-Manager für maximal zehn Jahre aus. Sie haben den MSCI World als Benchmark, und sie müssen alle ihren nachhaltigen Ansatz dokumentieren. Außerdem haben alle ESG als Kriterium. Hinzu kommt nun vielleicht auch noch ein Klima-Kriterium. Denn wir haben vor kurzem ein passives Mandat vergeben, dessen Ziel tatsächlich ist, das Pariser Abkommen zu respektieren. Also unter zwei Grad zu investieren.

Das ist aber nur ein Mandat von insgesamt 25 des FDC?

MF: Wie gesagt, alle aktiven Mandate müssen einen Nachhaltigkeitsansatz in ihrer Investitionsstrategie verfolgen. Außerdem haben wir ein Mandat für Greenbonds eingerichtet, da wird nur in solche Bonds investiert. Greenpeace kritisiert uns dafür, dass da auch Firmen wie Engie, RWE oder EDF dabei sind. Doch bei Greenbonds zählt das jeweilige Projekt. Diese Firmen investieren ebenfalls in erneuerbare Energien, so wie Total oder Shell es auch tun. Bauen sie zum Beispiel einen Windpark, könnte dieser über einen Greenbond finanziert werden. Ein Greenbond muss immer ein nachhaltiges Projekt finanzieren, der Emittent spielt dabei keine Rolle.

Aber wieso nur ein Klima-Mandat und nicht zwei oder fünf? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, bedeutet ESG-Konformität ja nicht automatisch wenig CO2.

AR: Nein, das bedeutet ESG nicht automatisch. ESG ist sozusagen ein dreidimensionaler Raum: Kann sein, dass ein Unternehmen, das ökologisch gut abschneidet, nicht gut geführt wird. Oder nehmen wir unser Impact-Mandat, über das wir in Entwicklungsländern Schulen bauen lassen: Wir investieren damit letztlich in Zement, der einen sehr schlechten CO2-Footprint hat, weil für die Zementherstellung viel CO2 benutzt wird. Der Footprint unseres Impact-Mandats ist der absolut schlechteste, den wir haben. Ein anderes Beispiel sind die Windparks von Total Energies: Lässt der FDC in sie über einen Greenbond investieren, dann ist das klimaschutztechnisch etwas Gutes. Aber letztlich geben wir damit Total Geldmittel, einer Firma, die an anderer Stelle CO2-mäßig schlecht dasteht. Wie messen wir das? Das ist alles andere als einfach. ESG ist bis heute nicht ganz klar definiert, und es gibt auch keine völlig schlüssigen Audits dazu. Das Beste angesichts der Klimakrise wäre, CO2 und Methan zu reduzieren und entsprechend zu investieren. Dann müsste man an anderer Stelle Kompromisse machen. Und zum Beispiel sagen, wir investieren massiv in Tesla, weil das der Pionier der Elektromobilität ist, obwohl der exzentrische Firmenchef kein Beispiel für gute Unternehmensführung darstellt.

Dann bräuchte der FDC also doch mehr als ein Klima-Mandat.

AR: Würde der FDC ganze Sektoren ausschließen, würde sich sein Investitions-Universum reduzieren. Vielleicht so stark, dass nicht mehr viel übrigbleibt. Wir würden dann womöglich in Unternehmen investieren, die gegen andere Regeln verstoßen. Oder wir wären am Ende zu mehr als fünf Prozent an einer Firma beteiligt und würden uns einem zu starken Risiko aussetzen, falls es ihr schlechter geht. Laut Gesetz besteht die Mission des FDC darin, die Zukunftsfähigkeit des Luxemburger Rentensystems absichern zu helfen. Eine weitere gesetzliche Vorgabe für uns lautet, die Investitionsrisiken zu streuen. Das tun wir. Vor 2008 hatten wir in Lehman Brothers investiert. Als Lehman Brothers zusammenbrach, verloren wir Geld, aber nicht allzu viel. Wir können nicht eigenständig entscheiden, aus Erdöl auszusteigen. Noch sind in Luxemburg Investitionen in Tankstellen möglich. Es müssen nicht nur Elektro-Ladesäulen sein.

MF: Bei der Überarbeitung der Investitionsstrategie, die alle fünf Jahre erfolgt, ist es nicht ausgeschlossen, dass weitere Investitionen mit klaren Klimazielen angestrebt werden.

Das heißt, wenn die Regierung, wie das vom Sozialminister ja erklärt wurde, die Gesetzgebung zum FDC überdenken will, dann müsste sie für sektorielle Ausschlüsse eine Grundlage schaffen?

AR: Zum Beispiel. Der FDC kann einen Mandatär auswählen, dessen Nachhaltigkeitsansatz Öl ausschließt. Der FDC aber kann aus Eigeninitiative keinen Sektor ausschließen. Greenpeace möchte, dass wir in diese Richtung gehen und uns von einem Ethikrat beraten lassen. Wir antworten darauf, dass das nicht geht. Wir dürfen uns keinem Lobbying aussetzen, egal von welcher Seite. Anders wäre es, wenn im Gesetz zum FDC eine Grundlage für sektorielle Ausschlüsse geschaffen und anschließend vielleicht eine Verordnung präzisieren würde, welche Sektoren das sein sollten.

MF: Das berührt auch die EU-Taxonomie für Investitionen in „grüne Energien“. An sich ist es gut, dass es die Taxonomie nun gibt, damit existiert eine Leitlinie. Ob sie der Luxemburger Regierung gefällt oder nicht, ist nicht unser Thema. Spannend könnte es werden, wenn die Regierung, wie angekündigt, gemeinsam mit der österreichischen gegen die Taxonomie klagt. Dann könnte es für die Staatsvertreter im Verwaltungsrat des FDC ein Thema werden. Wie die Patronats- und die Salariatsvertreter das sehen würden, weiß ich nicht. Noch investiert der FDC in Gas und in Kernkraft. Dass wir an EDF beteiligt sind, ist kein Geheimnis. Um Atomkraft als Sektor auszuschließen, fehlt uns die Grundlage.

Wie ist das mit Investitionen des FDC in die heimische Wirtschaft, wofür die Arbeitnehmerkammer plädiert? Oder mit der Idee der DP im Wahlprogramm 2018, dass der FDC für die öffentliche Hand Bauland aufkaufen könnte? Sie hat es immerhin sogar ins Koalitionsprogramm geschafft.

AR: Aber das Problem ist, dass es nicht genug preiswerte Grundstücke gibt, sodass man „erschwinglich“ bauen könnte und es trotzdem rentabel wäre. Der FDC besitzt Baugrundstücke. In Nei Hollerich zum Beispiel oder auch in Teilen der Nordstad. Dort werden wir in den Wohnungsbau investieren, auch in den erschwinglichen Wohnungsbau, aber damit werden wir die nächsten zehn Jahre beschäftigt sein. Wir sind außerdem nach dem Staat der zweitgrößte Aktionär der SNHBM und haben dort eine Kapitalerhöhung mitvollzogen. Selber Wohnungsbau zu entwickeln, wäre der FDC gar nicht imstande. Unsere Mission ist letztlich die einer Pensionskasse, also Renten auszuzahlen und Renten auszurechnen. Alles andere ist ergänzend. Sonst müssten wir hier 30 Leute einstellen, Architekten und so weiter.

MF: Es ist nicht die Mission des FDC, die Wohnungskrise zu lösen. Ebenso kann es nicht seine Mission sein, Wachstumsprobleme der Luxemburger Wirtschaft zu lösen. Denn die Pensionskasse schöpft bereits ihre Beitragseinnahmen aus ihr. Es ist schlecht, in die Hand zu investieren, die dich füttert. Unser Auftrag, die Risiken des FDC zu diversifizieren, beinhaltet deshalb auch eine geografische Diversifizierung. Natürlich halten wir Beteiligungen an Luxemburger Unternehmen. Prioritär ist das aber nicht.

AR: Wir könnten in Luxemburger Start-ups investieren, vielleicht gemeinsam mit der SNCI. Auch das aber wäre konträr zum Auftrag, den wir eigentlich haben. Denn ginge es Luxemburg schlechter, könnte auch der FDC in schlechteren Tüchern sein. Deshalb hat zum Beispiel der London Stock Exchange für britische Pensionsfonds heute längst nicht mehr dieselbe Anziehungskraft wie noch vor 20 Jahren. Damals waren diese Fonds zu 50 Prozent dort investiert, heute nur noch zu drei Prozent. Die machen dasselbe Kalkül: Das Geld, das sie verdient haben, möglichst nicht im selben Markt zu investieren, sonst bringen sie es womöglich in Gefahr.

Was genau ist die Rolle des FDC im Rentensystem? Wenn ausgerechnet wird, ob der Beitragssatz noch reicht, damit die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen, spielt die Höhe der Rentenreserve keine Rolle. Selbst wenn der FDC in einem Jahr 2,6 Milliarden verdient hat.

MF: Die Rentenreserve ist ein Puffer. Ein finanzieller und auch ein politischer Puffer. Wenn in der Reserve fünf Jahresausgaben liegen, hat die Politik mehr Zeit, um Reformen zu beschließen, wenn sie nötig werden. Die Reserve ist nicht dazu da, künftige Renten zu garantieren, sondern einen smarten Übergang zu finanzieren. Und je größer die Reserve ist, desto länger kann der smarte Übergang gezogen werden.

Peter Feist
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