Unverdrossen hält der Bildungsminister daran fest: Schulen seien keine Corona-Hotspots. Aber darum geht es gar nicht (mehr)

Unsere Schulen sind keine Inseln

Auch wenn Schutz- auflagen besser eingehalten werden: Schulen sind nicht abgeschottet von der Gesamt- gesellschaft
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 20.11.2020

Es war ein ungewöhnliches Angebot, dass der Bildungsminister während der Pressekonferenz am vergangenen Freitag den anwesenden Journalisten machte: Wer wolle, könne die Corona-Daten zu den jeweiligen Schulen einsehen. Er wolle nur „kein Ranking“ und keine Namen der Schulen nennen, so Claude Meisch, um Stigmatisierung oder Schlagzeilen einzelner zu vermeiden.

Das Land ließ sich das nicht zweimal sagen und traf sich am Montag, zusammen mit der Bildungsredakteurin vom Luxemburger Wort, mit Pressereferentin Myriam Bamberg und dem Zuständigen für die Corona-Statistiken, Andrew Hoffmann, im großen Sitzungssaal im Ministerium in der Rue Aldringen nahe der ehemaligen Post. Neugierig waren die Journalistinnen unter anderem darauf: Die Wochenberichte zu den Corona-Fällen an Grund- und Sekundarschulen enthalten bisher nur die absoluten Zahlen zu den wöchentlichen Neuinfektionen und erlauben keinen Einblick über den Verlauf und die Entwicklung von Infektionen an einer bestimmten Schule oder in einer Klasse.

Der Minister hatte in seinem 35-seitigen vorvergangenen Freitag vorgelegten Analysebericht Zur Situation von Covid-19 in den Schulen zwei von insgesamt 37 Lyzeen im Land herausgegriffen: Ein „gemischtes“ im Süden mit Classique und Générale-Klassen und rund 1 600 Schüler/innen, an dem die Eindämmung des Virus durch rasches Durchgreifen mittels Quarantäne gelungen sei, und ein weiteres gemischtes in der Hauptstadt, ebenfalls mit 1 600 Schüler/innen, wo sich zwei weitere Schüler ansteckten, bevor das Virus gestoppt werden konnte. Man habe die Schulen ausgesucht, um transparent zu sein, hieß es.

Was die beiden Beispiele aber nicht erlaubten, war nachzuvollziehen, wie häufig es den Schulen insgesamt gelang, das Coronavirus einzugrenzen, und warum. Auch war nicht klar ersichtlich, wie viele Schüler/innen in der Woche im Vergleich zur Normalbevölkerung getestet wurden.

Die Daten, die das Land einsehen konnte, die der Beamte auf die Leinwand projizierte (blaue Balken pro Schule und Fall), zeigten für die vorvergangene Woche, zwischen dem 9. und 15. November insgesamt elf Sekundarschulklassen im sogenannten vierten Szenario. Je nach Klasse lag die Zahl der Covid-19 positiv getesteten Lehrer und Schüler zwischen drei und sieben Personen. Das Land hat einen Screenshot davon. Im Gegensatz dazu hält der am Mittwoch vom Ministerium verschickte Wochenbericht über denselben Zeitraum fest, es seien keine neuen Infektionsketten aufgetreten, weder an den Sekundar- noch an den Grundschulen. Was zwei Schlüsse nahelegt: Entweder ist der aktuelle Wochenbericht falsch und unvollständig, oder die den Journalistinnen vorgelegte Statistik ist fehlerhaft. Beides stärkt nicht gerade das Vertrauen in die beschwichtigende ministerielle Corona-Berichterstattung.

Am Mittwoch hatte das Land zudem eine anonyme Mitteilung mit dem Hinweis erhalten, in der Gemeinde Steinsel seien an einer Grundschule von vier Zyklen drei komplett geschlossen worden, zusammen 24 Klassen, wie RTL-Radio etwas später meldete. Hintergrund waren acht Lehrer und zwei Schüler, die positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getestet worden waren. Ob das Virus in der Schule weitergestreut wurde, ist unklar. Weil nicht mehr ausreichend Lehrpersonal vorhanden war, um nach Plan zu unterrichten, waren insgesamt 375 Kinder und 37 Lehrer präventiv nach Hause in Quarantäne geschickt worden.

Steinsel ist kein Einzelfall: Die Corona-Datenlage, die sich dem Land im Ministerium präsentierte, belegt im Zeitverlauf seit der Rentrée Mitte September für viele Grundschulen eine Verdopplung, wenn nicht gar eine Vervielfachung der positiven Fälle. Offensichtlich zirkuliert das gefährliche Virus heftiger als zuvor – was nicht erstaunt, betrachtet man den Verlauf der Neuinfektionen in der Gesamtbevölkerung, die, wie Staatsminister Xavier Bettel am Dienstag einräumte, „auf hohem Niveau“ gehalten werden konnten, aber immer noch enorm hoch waren mit bis Mittwoch über 500 neuen Fällen täglich.

Was sich aus den Schul-Corona-Daten allerdings weiterhin nicht ablesen lässt, ist, wie sich die Infektionen in den Schulen und die damit verbundenen Szenarien über den Wochenverlauf hinaus entwickeln: So liegen dem Land Berichte vor, wonach eine Grundschule im Norden binnen 14 Tagen zunächst zwei Fälle, dann drei und mit der Lehrerin sogar vier positive Fälle verzeichnete. Ist das eine Infek-
tionskette, wie sie das Bildungsministerium definiert? Trotz politischer Versprechen auf Besserung und mobilen Test-Teams für die Schulen warten immer noch Eltern von Kindern, in deren Klasse ein positiver Fall aufgetreten ist, mehr als sechs Tage auf ein amtliches Testrezept.

Die mittlere Inkubationszeit beträgt zwischen fünf und sechs Tagen: Ein Virus kann eine ganze Zeit in einer Klasse streuen, wird er nicht rechtzeitig entdeckt. Weil die Wochenberichte nur absolute Zahlen enthalten, und diese zudem nicht nach Schulen und Klassen aufgeschlüsselt, lässt sich beispielsweise nicht nachvollziehen, ob und wie viele Schulen, die zunächst im Szenario 2 mit zwei Fällen pro Klasse eingestuft wurden, über die Zeit ins Szenario 3 oder sogar 4 wechseln. Leider konnte diese Kenntnislücke mit der exklusiven Dateneinsicht nicht geschlossen werden: Mit der Erweiterung des Stufenmodells um ein viertes Szenario seien die Daten über den Verlauf nicht mehr ohne Weiteres vergleichbar, erklärte Andrew Hoffmann.

Noch etwas fiel auf: Die Corona-Datenbank des Schulministeriums besteht aus vielen Excel-Tabellen und Diagrammen mit aggregierten absoluten Zahlen, die wenig Details und Aufschluss über den Schulzweig einer Schule, wo ein Fall aufgetreten ist, hinaus erlauben. Zwar werden die Daten laut Ministerium regelmäßig aktualisiert, sobald neue Informationen von den Gesundheitsbehörden respektive den Schul- und Regionaldirektionen gemeldet werden, aber zumindest die Diagramme, die das Land vorgelegt bekam, lieferten über die Klasse, Namen und Typ der Schule hinaus keine zusätzlichen Informationen, etwa zum Schulprofil, zur Region oder anderen Aspekten.

So war nicht zu klären, ob es Schulen gibt, die wiederholt durch eine Vielzahl Covid-19-Positiver auffallen. Das ist nicht unwichtig, so ließe sich Ursachenforschung über das reine Contact Tracing hinaus betreiben. Denkbar wäre zum Beispiel, dass eine schlechte Belüftung in einer Schule oder einem Klassensaal eine Verbreitung der Aerosole und somit des Virus erleichtert. Ob über Umkleidekabinen ohne Fenster im Keller, in denen Schüler sich auf wenige Quadratmeter zusammengepfercht für den Sportunterricht umziehen oder nicht zu öffnende Fenster. Auch existieren alte Schulgebäude, in denen sich Schüler und Lehrer in Schlangen aufstellen müssen, um ihr Mittagessen zu erhalten, weil der Raum kein Abstandnehmen erlaubt. Ein Ansteckungsweg, das belegen Studien, ist über die Atemluft: Der Musik- und der Sportunterricht, wo gesungen oder verstärkt ein- und ausgeatmet wird, oder Kantinen, wo Schüler ohne Masken beieinander sitzen, sind potenzielle Corona-Übertragungsorte. Aus den Daten des Ministeriums ist dazu nichts zu erfahren.

Auf Nachfrage der Journalistinnen erklärte Andrew Hoffmann wohl, dass aus der Koordinationsgruppe im Ministerium regelmäßig Beamte in jene Schulen gehen, aus denen Infektionsketten gemeldet wurden, um dort gemeinsam mit den Direktionen zu schauen, welche zusätzlichen Schutzmaßnahmen nötig sind. Ab dem Szenario 3 schaue man sich die Schule „im Detail an“, beteuerte Hoffmann. Leider konnten aber weder er noch die Pressereferentin Erläuterungen zu diesen Kontrollvisiten geben.

Die gezeigten Excel-Daten unterscheiden nicht nach Schüler/innen oder Lehrkräften, die Ausgangspunkt einer Ansteckungsreihe in einer Klasse waren, und jenen, die erst durch das Testen der gesamten Klasse aufgespürt wurden. Zur Erinnerung: Laut Stufenmodell wird ein positiv getesteter Schüler oder Lehrer in Quarantäne geschickt und die Mitschüler/innen werden sodann ebenfalls getestet. Die so entdeckten Infektionen müssen aber nichts mit dem ersten Verdachtsfall zu tun gehabt haben; die Jugendlichen könnten sich auch in der Familie oder Freizeit angesteckt haben. Es ist Aufgabe des Tracing-Teams den Ansteckungsweg herauszufinden; das kann auch schon mal einige Tage dauern. Laut Gesundheitsinspektion können aber weiterhin bis zu 40 Prozent der Infektionen keiner Quelle zugeordnet werden. Diese Daten könnten Aufschluss geben über ein zweites Phänomen, das Wissenschaftler/innen Kopfzerbrechen bereitet: die Dunkelziffer. Viele Covid-19-positive Kinder zeigen keine oder nur milde Symptome, fallen daher nicht auf und können so unbemerkt das Virus weitertragen. Wie groß diese Dunkelziffer ist, ist auch der zweiten Corona-Schulanalyse nicht zu entnehmen. Bisher existieren in Luxemburg diesbezüglich weder zu den Erwachsenen noch zu den Kindern verlässliche Schätzungen.

Einer Antikörper-Studie in München zufolge hatten während der erstenWelle von 5 300 Menschen 1,8 Prozent Antikörper gegen das Sars-CoV-2 Virus entwickelt. Damit lag der Anteil der Menschen mit nachgewiesenen Antikörpern etwa viermal so hoch wie der Anteil der bis dahin offiziell registrierten Covid-19-Fälle in der bayrischen Landeshauptstadt. Eine Gurgeltest-Studie eines Konsor-
tiums der Universität Wien, der Medizinischen Hochschulen Graz und Innsbruck sowie der Medizinischen Fakultät in Linz fand bei 10 400 Schüler/innen und Lehrer/innen 0,4 Prozent Covid-positive Schüler und Lehrer. Kinder unter zehn Jahren waren genauso häufig infiziert wie die älteren. Insofern scheint etwas dran zu sein an den Zweifeln, die das Land von Anfang an (24.04.20; 30.10.20) gegenüber Meischs Behauptung äußerte, es gebe kaum Ansteckungen innerhalb der Schulen: Dass viele asymptomatische Kinder möglicherweise nicht erfasst werden und deshalb Vorsicht geboten ist gegenüber allzu optimistischen wie auch pessimistischen Zahlen-Interpretationen.

Die österreichische Studie ergab noch etwas: An Schulen mit hoher oder sehr hoher sozialer Benachteiligung war die Ansteckungshäufigkeit mit 0,81 Prozent Prävalenz deutlich höher als an Schulen mit geringer oder moderater sozialer Benachteiligung (0,23 Prozent). Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, eine Covid-19-positive Person an einer Brennpunktschule anzutreffen, lag 3,5 Mal höher. Die Daten stammen von Anfang Oktober, also noch bevor die Infektionen in Österreich neue Rekordhöhen erreichten. Studienkoordinator Michael Wagner von der Uni Wien sagte gegenüber der österreichischen Zeitung Standard: „Bitte hören wir auf mit der Diskussion, die Kinder unter zehn Jahren würden keine Rolle spielen. An den Schulen findet relevantes Infektionsgeschehen statt und dieses wird auch aus den Schulen in die Familien getragen.“ Wagners Forderung lautet daher: „Symptomatische Kinder, die ja viele Kontakte in der Schule haben, muss man unabhängig vom Alter genauso testen wie andere Altersgruppen.“ In Luxemburg ist das nicht der Fall: Jüngere Kinder werden deutlich seltener getestet als Jugendliche, wie eine Grafik in der ministeriellen Corona-Analyse zeigt, die übrigens auf Datensätzen der Gesundheitsinspektion beruht, aber dieses Mal nicht von Wissenschaftlern der Research Taskforce mitgeschrieben wurde. Die hätten so selbstsichere Sätze wie „L,école (…) est moins touchée par le coronavirus que les autres secteurs de la société“ (S.16) vermutlich so nicht geschrieben. Aus der Analyse und den Berichten ausgeklammert bleiben übrigens weiterhin Angaben zum Infektionsgeschehen in den Kindergärten und -krippen, obwohl diese Woche rund 1 500 Eltern Meisch in einem offenen Brief aufforderten, auch diese Daten offenzulegen. Sie verlangen neben nach Schulen und Kindergärten aufgeschlüsselten Infektionszahlen zusätzliche Maßnahmen, wie eine Maskenpflicht für alle Kinder ab sechs Jahren, klare Vorgaben zur Belüftung, mehr Aktivitäten draußen sowie häufigeres Testen des Betreuungs- und Schulpersonals.

Minister Meisch will indes auf seinen Corona-Stufenplan, den er als „einzigartig in Europa“ anpreist, weiterhin nichts kommen lassen, obwohl sich mit jedem weiteren Tag vor allem eine Gewissheit bestätigt: dass nämlich das Infektionsgeschehen in der Schule nicht losgelöst betrachtet werden kann von dem in der Gesamtbevölkerung. Die jüngsten Fälle in Steinsel beweisen es. Selbst wenn, wie bereits kolportiert wird, die dortigen Lehrer/innen auch privat Kontakt hatten und die Ansteckungen nicht im Schulgebäude selbst stattgefunden hätten, ist diese Unterscheidung letztlich irrelevant: Die Schulen sind keine Inseln, die losgelöst von der Restgesellschaft stehen, sondern Schüler gehen nach Hause, Lehrer treffen sich zur Teambesprechung oder zum Umtrunk nach der Arbeit – und geben so das Virus weiter.

Am Dienstag folgte denn auch indirekt das Eingeständnis, dass die bisherige Strategie des Hinhaltens und Abwartens nicht fruchtet und inzwischen sogar die Gesundheitsversorgung an ihr Limit bringt: Sollten die Neuinfektionen weiterhin so hoch bleiben, schloss Staatsminister Xavier Bettel (DP) weiterreichende Maßnahmen nicht länger aus und kündigte zudem Änderungen für die Schulen und Kindergärten an: Die Rückkehr zu A- und B-Gruppen, also zum teilweisen Fernunterricht in Abwechslung mit Präsenzunterricht, auf der Sekundarstufe sei in Vorbereitung, die Besucherzahl der Schulkantinen soll weiter gesenkt werden, um so das Übertragungsrisiko zu drosseln. Stand der Neuinfektionen am Mittwoch: Bei 14 247 durchgeführten Tests waren 891 positiv, zudem gab es acht weitere Corona-Tote zu vermelden.

Erweitertes Stufenmodell

Auf der Pressekonferenz am 12. November kündigte Bildungsminister Claude Meisch einen um ein Szenario erweiterten Stufenplan an: Statt wie bisher drei soll es künftig vier Szenarien zur Einordnung von Covid-19-Fällen an Schulen geben, dies nach Kritik unter anderem des Land, das bisherige zweite Szenario (maximal zwei Fälle in einer Klasse mit uneindeutigem Übertragungsweg oder wahrscheinlich außerhalb der Klasse) sei nicht präzise genug. Die neuen gültigen Szenarien sind:

Szenario 1: Ein isolierter Fall in einer Klasse, bei dem die Ansteckungsquelle außerhalb der Schule liegt.

Szenario 2: Zwei positiv getestete Fälle in einer Klasse ohne Unterscheidung nach der Ansteckungsquelle. Eine Infektion zwischen zwei Schülern oder Lehrern, die enge Beziehungen unterhalten, so dass es nicht möglich ist, mit Sicherheit zu sagen, ob die Ansteckung in der Klasse stattfand.

Szenario 3: Mehr als zwei positiv getestete Fälle in einer Klasse bis zu maximal fünf, die allerdings unter Kontrolle gehalten werden konnten. Das heißt, die Personen wurden im Rahmen von Quarantänemaßnahmen positiv getestet.

Szenario 4: Mehrere positiv getestete Personen in einer Schule, die miteinander in Verbindung stehen und mehrere Klassen betreffen. Mehr als fünf in einer Klasse. Diese Fälle werden durch die Steuerungsgruppe Covid-19 & Education nachverfolgt.

Laut aktuellem Wochenbericht vom 9. bis 15. November waren insgesamt 579 positive Fälle dem Szenario 1, 116 dem Szenario 2, 24 positive Fälle dem Szenario 3 und keine neuen Fälle dem Szenario 4 zugeordnet. Zum Vergleich: In der Woche vom 26. Oktober bis 1. November waren laut Ministerium 388 positive Fälle im Szenario 1, 171 im Szenario 2, 75 psoitive Fälle im Szenario 3 und 27 im Szenario 4.

Ines Kurschat
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