Die Menschheit kämpft gegen einen unsichtbaren Feind: Warum die richtigen Worte dabei eine wichtige Rolle spielen können

Kriege, Viren und Sport

d'Lëtzebuerger Land du 20.11.2020

Wie denken Sie über den Umgang mit dem Coronavirus nach? Nicht: „Was denken Sie über die konkreten Maßnahmen oder Enscheidungsträger“, sondern ganz spezifisch: „Wie denken Sie über das Virus und die Maßnahmen nach, wie konzeptualisieren Sie die Situation?“ Mit welchen Worten, in welchen Gedankenbildern? Welche Form nimmt diese abstrakte Idee des Virus in ihren Gedanken an? Sie können sich ein paar Assoziationen an den Rand des Artikels schreiben, bevor Sie weiterlesen.

Denken sie instinktiv eher an das von Emmanuel Macron immer wieder widerholte Bild der „guerre sanitaire“? Sind Sie eher in der Schule Angela Merkels? Die weniger martialisch von einer „schweren Prüfung“ spricht, in der wir „lernfähig bleiben“ müssten und in der „geteiltes Wissen“ erlaube, diese „historische Aufgabe“ zu bewältigen? Eventuell wandern die Gedanken zu Xavier Bettels unlängst getweetetem kollektiven „Marathon“, mit steilen Bergen und Verschnaufpausen, den „Anstrengungen“ und dem „Durchhalten“. In der Pressekonferenz vergangenen Dienstag sprach LSAP-Gesundheitsministerin Paulette Lenert von einem Virus, „das nicht müde wird, sich zu verbreiten“, das noch „seine ganze Energie“ habe und sich „seinen Weg extrem schnell durch die Gesellschaft“ , sich „weiterbewegt“ und „seinen Tribut fordert“.

Sprachbilder. Das Coronavirus kann selbstverständlich weder eine Armee mobilisieren, Prüfungen erstellen, noch Marathonläufer verfolgen oder aktiv auf der Pirsch sein. Solche Metaphorik ist aber nicht nur in politischen Reden, sondern auch in der Alltagssprache allgegenwärtig. Genau deshalb wird sie oft überhört — und fließt gleichzeitig unbewusst in das Entscheidungsverhalten des Zuhörers ein.

Nur Metaphern? Diese Formulatierungen sind mehr als rhetorischer Schmuck, sondern selbst ein wichtiger Teil der Nachricht: Eine gut – oder schlecht – gewählte Metapher kann das Zünglein an der Wage sein, wenn es darum geht, einem Zuhörer ein Weltbild zu suggerieren und damit einhergehende Schlüsse, bis hin zu Vorstellungen darüber, wie ein Problem zu lösen sei. Um die Reichweite der sprachlichen Ausdrücke zu verdeutlichen, ist ein kurzer Exkurs nach Stanford nötig, in die Welt der Erforschung des sprachlichen framing – der Gedankenwelt, die durch Wortwahl geöffnet werden kann. In Standford wurden Testpersonen mit einer ähnlichen Frage konfrontiert, wie aktuell die gesamte Gesellschaft: „Was sind die nötigen Schritte, um einer akuten Gefahr entgegenzutreten?“ In dem untersuchten Beispiel war diese Gefahr eine in einer fiktiven Stadt alarmierend steigende Kriminalitätsrate, vorgestellt in einem gleichermaßen fiktiven Zeitungsartikel. Was tun, um der Kriminalität entgegenzuwirken? Grundsätzlich sind auf zweierlei Weise: präventiv oder punitiv. Sind als härteres Durchgreifen der Polizei und strengere Strafen nötig, oder Maßnahmen, die den sozialen und ökonomischen Hintergründen von Kriminalität systematisch entgegenwirken? Oder beides? Die Antwort hängt von einem komplexen Geflecht sozialer, politischer und moralischer Vorstellungen ab. Und anscheinend von der Metapher, mit der über das Thema geredet wird, legen die Forscher/innen nahe. 

Gedankenrahmen Den Testpersonen in dem Versuch wurden in zwei ähnlichen Zeitungsartikeln identische Zahlen vorgelegt, die aber durch zwei Sätze leicht unterschiedlich „geframed“ wurden: Einmal war die Rede von Kriminalität als „wildem Biest, das Jagd macht und auf der Pirsch ist“, und einmal von Kriminalität als „Virus, das die Stadt befallen hat“ und eine „Plage“ für die Einwohner sei. Je nachdem welche Metapher verwendet wurde, um über das Problem zu sprechen, wurden signifikant unterschiedliche Schlüsse gezogen: Jene Personen, die über die Kriminalität als Raubtier informiert worden waren, sprachen sich eher für härtere Strafen aus als die Mitglieder der Gruppe, denen von einem „Virus“ berichtet worden war. Diese Gruppe war vergleichsweise stärker an sozialer Reform interessiert. Generell überwog die Präferenz für härtere Strafen bei allen, aber die Virus-Metapher hatte eindeutig dazu bewogen – und das trotz der gleichen Zahlen –, das Problem eher präventiv an der Wurzel zu packen, statt nachher zu strafen. Wieso?

Framing öffnet Gedankenwelten Eine mögliche Erklärung der Forscher: Auch Ausdrücke, die „nur“ Metaphern sind, eröffnen Gedankenwelten in unserem Kopf. Ein metaphorisches Raubtier und ein Virus werden vom Gehirn interpretativ verarbeitet wie ein echtes Raubtier und ein echtes Virus. Ein Virus kann jedoch nicht bestraft werden, sondern fordert im Umgang Prävention, systematisches Eindämmen sowie Genesung. Gegen ein aggressives Raubtier sind konkretere Maßnahmen nötig, ein Gewehr etwa. In einem Fall stellt sich eher die Frage nach „kriminellen“ Raubtieren und dem Umgang mit ihnen, im anderen die Frage nach „Kriminalität“ als Symptom und dem System, das sie hervorbringt oder unterdrückt. Welche Form eine abstrakte Idee einnimmt, und die Assoziationen, die damit verbunden sind, ist für die Art und Weise, wie wir sie angehen, von zentraler Bedeutung.

Dieses Phänomene gehen über das Beantworten abstrakter Fragen hinaus: Personen, die Wörter lesen oder hören, welche Altern beschreiben, bewegen sich danach eine Zeit lang deutlich langsamer, als Leute, die Wörter lesen, die man mit dem Konzept der Jugend verbindet. Texte, in denen Straßen beschrieben werden, die steinig und steil sind, werden deutlich langsamer gelesen als Texte, in denen von einer Schnellstraße die Rede ist, selbst wenn die Worte gleich lang und gleich kompliziert sind. Die richtigen Wörter im richtigen Moment sind also in der Lage, unser Verhalten zumindest grob in eine bestimmte Richtung zu drücken. Und jedes der Worte, die von Politiker/innen in Ansprachen benutzt werden, so sehr sie sich auch bemühen, spontan zu klingen, kommen direkt von der Goldwaage. Sie verraten nicht nur, wie Politiker/innen und ihre Redenschreiber/innen selbst über die Situation denken, sondern vor allem, wie sie wollen, dass die Zuhörer/innen über die Situation denken. In welcher Gedankenwelt sie die Situation ansiedeln und welche Lösungen damit einhergehen. Der gemeinsame Nenner der oben genannten Metaphern ist der frame des Kampfes, des kollektiven Durchhaltens. Während Macrons Kriegs-Metapher – mit dem „unsichtbaren, vorrückenden Gegner“, gegen den eine „Generalmobilmachung“ nötig sei – die unmittelbarste Auslegung dieser Idee ist, scheint sie in allen Reden durch. Marathonläufer/innen und Student/innen müssen ebenfalls Ausdauer und Disziplin beweisen, wollen sie ihre Herausforderungen bestehen.

Die Idee des „Kampfes“ gegen Krankheiten ist weit verbreitet, und gegen keine Krankheit wird so viel, so hart gekämpft wie gegen Krebs. Richard Nixon erklärte Krebs 1971sogar offiziell den „Krieg“. Diese Metapher hat ihre Kritiker. Sie führt bei Patient/innen nicht nur zu zusätzlichem Stress, sondern stellt sie bei Verschlechterung ihrer gesundheitlichen Situation vor die Frage, ob sie nicht „hart genug gekämpft“ hätten, ob sie mehr hätten tun können. Sie vermittelt Handlungsmacht, wo es manchmal keine mehr gibt; Verantwortung über etwas, was außerhalb der Kontrolle des Menschen liegt. Die Kritik an der Metapher im Kontext der Krebsbehandlung wird im Umkehrschluss zur impliziten Begründung für ihre Benutzung im Diskurs über das Corona-Virus. Denn ebendie Verantwortung, die Krebs den Patienten entzieht, spielt beim Eindämmen der Pandemie die zentrale Rolle, wie Entscheidungsträger nicht müde werden zu betonen, explizit und implizit. Macron macht die Franzosen zu Soldaten, Merkel die Deutschen zu Studenten, Bettel die Luxemburger zu Marathonläufern. Gemeinsam ist alle diesen, dass sie ihren Herausforderungen nicht passiv ausgesetzt sind, sondern aktiv auf ein Ziel hinarbeiten. „Das Virus verbreitet sich nicht von alleine, wir sind es, die das ermöglichen – und umgekehrt können wir es auch verhindern“, schreibt Premier Bettel auf Twitter und erkennt damit dem Virus jede Entscheidungsmacht ab. Also noch einmal die Frage: Wie denken Sie über das Virus nach, welches Bild zeichnet die kleine Liste am Rand des Artikels? Wieviel Entscheidungsmacht schreiben Sie sich selbst in Ihrer Gedankenwelt zu? Ist das Virus selbst aktiv oder passiv? Sind wir Beutetiere oder Krieger/innen?.

Misch Pautsch
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