Zur Verbesserung der Bauqualität finanzierte der Luxemburger Staat einst Charles Arendt das Architekturstudium. Zum seinem 200. Geburtstag ist nun eine Ausstellung dem Erbe des ersten Staatsarchitekten gewidmet

Große Erwartungen

d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2025

Es mag überraschend klingen, doch ohne Charles Arendt hätte Luxemburg-Stadt heute mit Sicherheit ein ganz anderes Antlitz. Steht man in der aktuellen Ausstellung vor dem Stadtplan, auf dem sämtliche Projekte Arendts verzeichnet sind, kann man über die schiere Fülle der Aufträge nur staunen: 126 Projekte allein auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg; 329 im ganzen Land. Eine geradezu ungeheuerliche Leistung. Als erster Staatsarchitekt hatte Charles Arendt maßgeblich Anteil am Aufbau nationaler Institutionen für den noch jungen Luxemburger Staat. Er half mit, die Weichen für die Zukunft einer ganzen Gesellschaft zu stellen, und lieferte gleichzeitig seine Vision von einer Nation, zu deren neuer Oberschicht er in sich später selbst zählen durfte. Die Ausstellung im Clausener Luca vermittelt davon ein eindrucksvolles, wenn auch recht allgemeines Panorama. Wie so oft hierzulande tut man gut daran, auch den Ausstellungskatalog zu erwerben.

Geboren 1825, vier Jahre nach Napoleon Bonapartes Tod auf St. Helena, ist Arendts Karriere eng mit den Geschicken seiner Zeit und der Geschichte Luxemburgs im Besonderen verwoben. Aufgewachsen als Sohn eines Bürgermeisters und Gerichtsvollziehers in Vianden, verbringt er seine Kindheit und Jugend in den turbulenten Jahrzehnten der Restauration, als die Siegermächte von Waterloo die Rückkehr der Monarchie gegen liberale oder nationale Bestrebungen durchsetzen und nebenher die Ländergrenzen neu ziehen.

1815 entschieden die europäischen Großmächte auf dem Wiener Kongress, Luxemburg als Großherzogtum zu schaffen und es Wilhelm I. von den Niederlanden zu überlassen, wodurch es zunächst fremdbestimmt blieb. 1839 legte der Londoner Vertrag nach jahrelangen Konflikten mit Belgien erstmals klare Grenzen fest. Luxemburg muss mehr als die Hälfte seines Territoriums an Belgien abtreten; im Gegenzug wird es ein eigenständiges Territorium. Arendt ist damals gerade vierzehn. Das Land, in dem er lebt, ist bitterarm, die Bevölkerung hungert und hat noch die letzte Cholera-Epidemie in den Knochen.

Arendt besucht das Progymnasium in Diekirch und ab 1840 das Athenäum in der Hauptstadt. Er brilliert in Mathematik und erhält Zeichenunterricht bei Jean-Baptiste Fresez, dem Porträt- und Landschaftsmaler, zu dessen Günstlingen er zählt (als Staatsarchitekt wird er später den Dachstuhl zu einem hellen Zeichenraum ausbauen). Mit achtzehn absolviert Arendt ein Praktikum bei Travaux Publics, der erst kurz zuvor zur Verbesserung der Bauqualität gegründeten staatlichen Bautenverwaltung. 1845 wird er dort aide temporaire und überwacht erste Baustellen. Arendts herausragende Kenntnisse bleiben nicht lange unbemerkt. Manch einer setzt bereits große Hoffnungen in den jungen Burschen. Im gleichen Jahr wird ihm per ministeriellem Dekret ein Stipendium für ein Architekturstudium zuerkannt: Ein äußerst seltenes, wenn auch für diese Jahre nicht ungewöhnliches Privileg. Aber ein finanzieller Kraftakt für den jungen Staat, dessen Bevölkerung gerade wieder einmal wegen der Kartoffelfäule hungert. Viele werden in die Auswanderung getrieben.

Nach Abschluss lseines Staatsexamens studiert Arendt in den Jahren 1846 bis1849 Architektur in Brüssel und München. Den Übergang seines Landes von einer absolutistischen zu einer konstitutionellen Monarchie erlebt der Luxemburger aus der Ferne: Er ist dreiundzwanzig, als seine Landsleute 1848 mit liberalen Bewegungen eine eigene Verfassung durchsetzen, die dem Land ein Parlament und politische Mitbestimmung geben. Als Arendt 1850 nach Luxemburg zurückkehrt, wird er Distriktsarchitekt in Grevenmacher. Vier Jahre später heiratet er, mit neunundzwanzig Jahren, die acht Jahre jüngere Barbara Lessel aus Grevenmacher.

1853 gewinnt Arendt seinen ersten Wettbewerb: In Clausen entwirft er die Cunigundis-Kirche, die allerdings erst Jahre später im neogotischen Stil errichtet werden soll. 1855 wirkt er an der Vergrößerung des früheren Gouverneurspalastes (dem heutigen großherzoglichen Palais) mit. 1858, Arendt ist bereits Vater zweier Kinder, wird er provisorisch zum Staatsarchitekten ernannt. Er ist gerade mal dreiunddreißig und sein unverschämtes Glück stößt auf wenig Gegenliebe. Anfangs soll Arendt Neid und Missgunst ertragen haben. „Zum Brückenbauen nach Diekirch hat man ihn geschickt“, weiß der Diplom-Restaurator und Bauforscher Thomas Lutgen, der vor Kurzem zu Arendt promoviert hat.

Beim Betreten der Ausstellung durch einen historistischen Portalrahmen gelangt der Besucher unmittelbar zu einem quer gestellten Panel mit der Aufschrift „Charles Arendt 1825–1910: Staatsarchitekt“. In vier thematischen Kapiteln (Darstellung der Macht; öffentliche Einrichtungen; „pierres de foi“ und private Aufträge) präsentiert die Ausstellung ausgewählte Projekte Arendts. Vorgestellt werden unter anderem Zeichnungen und Pläne zum Umbau des großherzoglichen Palasts und der Neugestaltung der Fassade des alten Justizpalasts (dem heutigen Außenministerium) im Neorenaissance-Stil. „Au XIXe siècle, le Luxembourg, jeune monarchie constitutionnelle cherche à se doter d’édifices capables d’incarner ses institutions“, liest man auf der Tafel Charles Arendt et la représentation du pouvoir. Kenntnis des historischen Kontextes wird vorausgesetzt.

1858 entsteht mit der Chambre des Députés erstmals seit langem ein neues Gebäude im historischen Stadtkern. Architekt ist der Ingenieur Antoine Hartmann, ein Konkurrent Arendts. Aus dieser Zeit stammt auch die in der Ausstellung erwähnte École Normale des Institutrices in Wiltz (1860), für die Arendt gekonnt das frühere Refugium der Grafen von Wiltz für moderne Zwecke umbaute. Ebenso der Entwurf für ein Tor zu Ehren von Prince Henri am Eingang der Passerelle-Brücke von 1861.

Die politische Lage ist zu jener Zeit geprägt von einer Mischung aus Restaurationsordnung, wachsender liberaler Bewegung und internationaler Unsicherheit, während die Luxemburger auf „de gudde Prënz Hary“ vertrauen, den Bruder von König Wilhelm III. der Niederlande, der als lieutenant im Schloss Walferdingen weilt, als Vermittler zwischen der Regierung und seinem Bruder auftritt und dessen Gemahlin, Prinzessin Amélie, sich 1867 für die Neutralität Luxemburgs ausspricht. Während der sogenannten Luxemburg-Krise verhindern die Großmächte den Verkauf des Landes an Frankreich und erklären Luxemburg im zweiten Londoner Vertrag für völkerrechtlich unabhängig und dauerhaft neutral, was den Abzug fremder Truppen einschließt.

Vier Jahre lang ist Arendt Staatsarchitekt faisant fonction, bis 1862 die endgültige Ernennung erfolgt. Dabei ist Staatsarchitekt noch nicht einmal mit einer festen Anstellung verbunden. Zeit seines Lebens wird Arendt als freiberuflicher Architekt neben seiner Tätigkeit für den öffentlichen Dienst arbeiten. Einerseits sparte der Staat dadurch Geld und förderte den Wettbewerb unter den Architekten, andererseits erlaubte es Arendt, sich nebenher als Privatarchitekt, beispielsweise in den Diensten des Großherzogs, zu betätigen und international eine Karriere aufzubauen.

1863 schlug Arendt eine neugotische Fassade vor, um Palast und Parlament „dans l’esprit du renouveau médiéval d’un Viollet-le-Duc“ zu vereinen, wie es im Austellungskatalog heißt. Der französische Architekturtheoretiker stand für die Wiederbelebung und Idealisierung mittelalterlicher Architektur. Unter anderem propagierte er die Idee, dass Funktion und Struktur sichtbar sein sollten. Sein Ansatz verband wissenschaftliche Genauigkeit mit künstlerischer Freiheit. Der Austausch, als Mitglied von zwei Dutzenden Vereinen, mit intellektuellen Größen seiner Zeit wie den oben erwähnten Viollet-le-Duc, aber auch Victor Hugo förderte Arendts künstlerische und architektonische Entwicklung. Von Letzterem ist ein Eintrag ins Besucherbuch des Viandener Schlosses erhalten, in dem sich der französische Schriftsteller über eine seines Erachtens misslungene Renovierung der Schlosskapelle beschwert und deren sofortige Zerstörung verlangt. Tatsächlich wird daraufhin Charles Arendt mit der Neugestaltung beauftragt, ganz zur Zufriedenheit Hugos, der sich schriftlich bei Arendt bedankt.

Nach Abzug der deutschen Garnison überwacht Arendt die Restaurierung des Hôtel Saint-Maximin, des zukünftigen Regierungssitzes. Neben den öffentlichen Bauprojekten sind eine Sitzgruppe für das Hôtel Saint-Maximin (heute Staatsministerium) sowie Arendts Entwurf für die Anklagebank im neuen Justizpalast ausgestellt. Vom unermüdlichen Kirchenbauer Arendt (rund 80 Gotteshäuser) haben die Kuratoren die Kirche Sainte-Cunégonde in Clausen und den Entwurf für eine monumentale Kathedrale im neogotischen Stil in der Achse der Avenue de la Porte-Neuve mit dem Glacis zurückbehalten. Sowie das nie realisierte Nationalmuseum auf dem Grundstück des heutigen Arbed-Gebäudes. Als Luxemburger Viollet-le-Duc zeichnete Charles Arendt aber auch für das heutigen Aussehen der Sankt-Quirinus-Kapelle im Petrusstal verantwortlich.

In der Ausstellung finden sich auch eine einige Funktionsgebäude (Lehrerinnenschule in Wiltz, erstes Archivgebäude, Postgebäude im Bahnhofsviertel) sowie einige der wenigen Privathäuser, die Charles Arendt konzipierte. Amüsant ist der ausgestellte Plan zu Arendts ventilierten Latrinen im Hof des hauptstädtischen Athenäums, der unweigerlich an den WC-Wind in den Schließfachräumen der alten Nationalbibliothek erinnert.

1886 wird Arendt mit dem Umbau und der Neugestaltung des Palais Mansfeld (heute Außenministerium) beauftragt. Dies gilt gemeinhin als sein repräsentativstes Werk. Dem klobigen Renaissance-Bunker, von dem aus einst Gouverneur Peter von Mansfeld die spanischen Niederlande vertrat, setzt Arendt eine Neorenaissance-Fassade vor, mit klarer Gliederung, hohen Rechteckfenstern und reich verzierten Fensterrahmen aus hellem Naturstein. Der mittlere Risalit wird durch ornamentale Giebel, Pilaster und plastischen Bauschmuck betont und verleiht dem Bau eine staatstragende, monumentale Wirkung. Die steilen Mansarddächer und die ausgewogene Proportionierung unterstreichen den repräsentativen Charakter.

1890 endet durch die Thronfolgefrage die Personalunion mit den Niederlanden, und mit Adolf von Nassau erhält Luxemburg erstmals einen eigenen Großherzog, womit die staatliche Unabhängigkeit auch praktisch vollendet wird. Arendt, der rund vierzig Jahre lang den Titel des Staatsarchitekten bis zu seiner Pensionierung im Alter von 73 Jahren innehatte, war für den Bau einer beträchtlichen Zahl von Gebäuden verantwortlich. Neben dem Bau und der Umgestaltung religiöser Bauwerke im In- und Ausland beinhaltet sein kolossales Erbe auch die Restaurierung öffentlicher Gebäude und Denkmäler. Charles Arendt starb 1910 im Alter von 85 Jahren.

Die Ausstellung Charles Arendt 1825–1910: Staatsarchitekt (Comité Alstad & LUCA – Luxembourg Center for Architecture) ist noch diesen Freitag sowie vom 5. bis 31. Januar geöffnet. Der Katalog, verfasst von Isabelle Becker, ist in allen gut sortierten Buchhandlungen erhältlich

Frédéric Braun
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