Nicht nur seit der Pandemie ist Vereinsamung in Luxemburg Thema. Einsamkeit ist auf sozialen Plattformen wie Reddit anzutreffen und spielt auch für Städteplanung eine Rolle

„All the lonely people“

d'Lëtzebuerger Land vom 24.09.2021

Die Gruppe r/Luxembourg zählt rund 16 800 Mitglieder auf Reddit, einem Aggregatoren für social news. Vor einem Jahre sorgte der Post eines Mitglieds für Aufsehen. Die Frage: „Hat sonst noch jemand mit Einsamkeit zu kämpfen?“

Auf den Post folgten 51 Kommentare. Nach Ansicht des Users, verschanzen sich die Menschen in Luxemburg in ihren Milieus. Anschluss ist nur schwer zu finden. In seinem Post schreibt er: „Wenn du völlig fremd bist und es nicht gerade schaffst, der größte soziale Schmetterling zu sein, ohne einen einzigen Makel in deinen sozialen Fähigkeiten, (...), dann wirst du es schwer haben.“

Die Chancen auf Geselligkeit sind in der Hauptstadt und in Esch/Alzette andere als im Rest des Landes, so ein anschließender Kommentar. Es kommt auch auf die Nationalität der Menschen an, mit denen Freundschaften geschlossen werden, heißt es weiter. Denn „Luxemburger gehen an ihre Plätze, Ausländer an die übrigen.“ Andernfalls blieben nur noch Expats-Gruppen, die sich um Sportaktivitäten oder Hobbies drehen.

Während der Pandemie hat die Uni Luxemburg. Vereinsamung in der Gesellschaft analysiert. Anfang Mai 2020 hatte ein Forscherteam um die Professoren Claus Vögele und Conchita d‘Ambrosio Menschen über die Auswirkungen der Isolationsmaßnahmen und ihr Befinden befragt. Die Ergebnisse flossen in den ersten Come-Here-Bericht ein.

Für die internationale Studie wurden Teilnehmer/innen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Schweden und Luxemburg befragt. Im Vergleich hatten Studienteilnehmer/innen aus Italien und Luxemburg am meisten mit Einsamkeit zu kämpfen. Während jedoch in Italien die soziale Unterstützung am niedrigsten empfunden wird, wird soziale Betreuung in Luxemburg am höchsten eingeschätzt. Ein Paradox, denn der Bericht stellt fest, dass ein Mensch sich in Luxemburg – trotz eines intakten, sozialen Netzes – „einsam fühlen kann“.

Professor Vögele antwortete dem Land schriftlich auf die Frage, ob die Pandemie die Nachbarschaft und lokale Partizipation beeinflusste. Das Forscherteam nahm zwar keine Frage über das Nachbarschaftsleben in die Umfrage auf, aber sie befragten die Teilnehmer/innen, ob sie sich um ihre Nachbarn Sorgen machen („worry about neighbours“). Noch im April-Mai 2021 teilten 51,7 Prozent der Befragten mit, dass sie sich „nie“ um ihre Nachbarn sorgen. Die Nachbarn kamen 27,8 Prozent „fast nie“ und 16,3 Prozent nur „manchmal“ in den Sinn. Einzig 2,2 Prozent machten sich „ziemlich oft“ oder „sehr oft“ über ihre Nachbarn Gedanken. Dabei blieben diese Umfragewerte seit April 2020 mit minimalen Abweichungen konstant.

In der Diskussion auf Reddit ging es auch um Nachbarschaft. Ein weiterer User berichtet, dass vor Kurzem zwei seiner Freunde in die Schweiz umgezogen waren und sich bereits mit den meisten Nachbarn angefreundet hatten, gemeinsam Dinge unternahmen und sich unterstützten. Der Reddit-User und seine Nachbarn begnügen sich hingegen gelegentlich mit einem „Moien“. Doch woran liegt das?

Nach Einschätzung des Architekten Tom Leufen hängt das Phänomen der Vereinsamung mit dem hohen Anteil an Expats und Grenzpendlern in Luxemburg zusammen. Im Großherzogtum leben Arbeitskolleg/innen oft nicht am selben Ort. Nach getaner Arbeit zieht es viele gleich wieder über die Grenzen zurück nach Hause. Frei nach dem 2005er Song Big City Life des Duos Mattafix, wo es heißt: „Soon our work is done / All of us one by one / (...)/ Don’t you ever get lonely / from time to time?“

Laut Leufen fehlt es an öffentlichen Räumen, die nicht an kommerzielle Zwecke gebunden sind und somit Platz schaffen für Begegnung und Austausch. Auch das studentische Milieu prägt das städtische Leben nicht auf dieselbe Weise mit, wie dies etwa in deutscher Universitätsstädten der Fall ist. Entsprechend gebe es verschiedene Gemeinschaften, die zwar für sich funktionieren, aber sich nicht überlappen. Leufen ist der Auffassung, dass viele Probleme sich lösen ließen, wenn Menschen, die in Luxemburg arbeiten, auch dort wohnen würden.

2020 veröffentlichte Noreena Hertz ihren internationalen Bestseller The Lonely Century, mit der Unterschrift „A Call to Reconnect“. Hertz ist Ökonomin und Honorarprofessorin am Institute for Global Prosperity des University College London. Für sie ist Einsamkeit weit mehr als nur ein Mangel an Zuneigung und Intimität. Einsamkeit beschränkt sich daher nicht auf fehlende Beachtung seitens der Familie, der Nachbarn, des Freundeskreises oder der Arbeitskollegen. Vielmehr fühlen Menschen sich abgeschnitten von Mitbürgern, Arbeitgebern, Volksvertretern oder dem Staatswesen. Ein Gefühl, getrennt zu sein von den Sphären des öffentlichen Lebens, ja sogar von einem selbst.

Einsamkeit wird dabei auch Gegenstand der öffentlichen Gesundheit: Sie geht sprichwörtlich „unter die Haut“, wie Hertz im Kapitel „Loneliness Kills“ darlegt. Mit Vereinsamung steigt die Wahrscheinlichkeit, verfrüht zu sterben, um rund 30 Prozent. Zugleich begegnen einsame Menschen einem erhöhten Risiko für koronare Herzerkrankung (29%), Schlaganfall (32%) oder Demenz (64%).

Hertz bezeichnet Einsamkeit daher „as both an internal state and an existential one – personal, societal, economic and political.“ Covid, demographischer Wandel, Verstädterung und technologische Umwälzung sind einige der Faktoren, die Einsamkeit antreiben. Sich vom Gemeinwesen getrennt zu fühlen, gehört dabei ebenso sehr dazu, wie sich selbst als unsichtbar und stimmlos anzusehen. Dabei geht es auch um das Bedürfnis, Handlungsfähigkeit zu besitzen und mitgestalten zu können, so Hertz.

Für Winfried Heidrich, Präsident der gemeinnützigen Vereinigung eis Stad, hängt die Tendenz zur Vereinsamung auch mit öffentlicher Teilnahme und dem Luxemburger Gesellschaftsmodell zusammen. Laut Website von eis Stad war die Biergerinitiativ Areler Stroos von 2019 Vorläufer der heutigen Vereinigung, die sich „für bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum auf dem Gelände des Stade Josy Barthel“ stark macht. Darüber hinaus engagiert sie sich „für Formen institutionalisierter Bürgerbeteiligung in der Stadt Luxemburg.“

Nach Heidrich braucht es einen gesellschaftlichen Diskurs, wie wir miteinander leben wollen. Es bedürfe neuer Formen der Partizipation und einer Erreichbarkeit für Bürger/innen. Bestenfalls eine institutionalisierte, wie im Falle des Amts für Bürgerbeteiligung der Stadt Würzburg. In der Stadt Luxemburg sei die öffentliche Teilnahme bis dato beliebig, formlos und unverbindlich. Ferner seien etliche bürgerschaftliche Netzwerke Corona zum Opfer gefallen, so Heidrich.

Bereits 2017 betrug der durchschnittliche Mindestaufenthalt in Luxemburg-Stadt 6,3 Jahre. 10 Jahre weniger als noch 2007 (d’Land, 05.05.2017). Für viele junge Berufstätige und Praktikant/innen ist das Großherzogtum nur ein Zwischenstopp. Angesichts diesem zentrifugalen Beschäftigungskarussell stellt Heidrich sich die Frage, wie das Nachbarschaftliche und Solidarische gefördert werden können. Die Fliehkräfte müssten im Blick behalten werden, die dem ökonomisch ausgerichtete Gesellschaftsmodell Luxemburgs zugrunde liegen und das Land auseinanderdriften lassen. Sonst finde „Stadtentwicklung unter der Überschrift ‚Kommen und Gehen‘“ statt.

Am vergangenen Montag lud das Ministerium für Energie und Raumentwicklung, das OAI und die Cellule Nationale d’Information pour la Politique Urbaine (CIPU) zur Konferenz „La vie urbaine post-Covid“ ein. Im Vordergrund stand das „Zusammenleben in Vierteln und im öffentlichen Raum“ sowie die „Wiederbelebung der Stadtzentren“. Neben Bürgerbeteiligung und Versteppung der Innenstadt wurde auch das Thema Vereinsamung gestreift.

In seiner Begrüßungsrede blickt der grüne Minister Claude Turmes auf den status quo. Klar sei, dass Covid unsere Gewohnheiten auf den Kopf gestellt und Spuren hinterlassen hat. Schon vor dem Ausbruch des Virus sei Vereinsamung ein Thema gewesen, nach Covid sei es umso „mehr auf dem Radar“. Auch der öffentliche Raum müsse dieser Tendenz Rechnung tragen.

Laut Turmes ist der Mensch „ein geselliges Tier“ und benötige ein gesellschaftliches Zusammenleben. Vielleicht ein Fingerzeig an Aristoteles‘ Figur des Zoon politikon, des politischen Lebewesens. Bei ihrer Definition von Einsamkeit orientiert sich Hertz unter anderem an der Denkerin Hannah Arendt, die eine Zeit lang staatenlos war. Die Gefühle von Ohnmacht und Marginalisierung sind für beide Kernelemente der Einsamkeit.

In ihrem Werk Menschen in finsteren Zeiten kommt Arendt 1968 auch auf Aristoteles und dessen Verständnis von Freundschaft zu sprechen. Begreift man Freundschaft wie heute üblich als reines „Phänomen der Intimität“, verliert sie ihre politische Bedeutung. Für den griechischen Philosophen sei Freundschaft unter Bürgern weit mehr als das Ausbleiben von Konflikten, sondern „eines der Grunderfordernisse des gesunden Gemeinwesens“. Im Grunde war Freundschaft für die antiken Griechen Gespräch. Sie hegten die Auffassung, „daß das dauernde Miteinander-Sprechen erst die Bürger zu einer Polis vereinige.“

Jeff Simon
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