Theater

Horny Eichhörnchen

d'Lëtzebuerger Land vom 20.11.2020

Locker-leicht lockt die Neufassung des Jugendstücks Was heißt hier Liebe? im Escher Theater und füllt selbst in Zeiten von Corona die Reihen. Wenig ist allerdings von dem einst subversiven Charakter des Aufklärungsstücks übriggeblieben, das Mitte der 70er Jahre für einen Tabubruch sorgte. 1976 wurde das Stück vom Theater Rote Grütze uraufgeführt, 2002 von Holger Franke überarbeitet; nun hat der Autor Samuel Hamen das Kultstück in die Gegenwart versetzt und für ein Luxemburer Publikum adaptiert. Die Jugendlichen sind längst Digital Natives. Ohne Handy-Kurznachrichten und Chats sind sie aufgeschmissen. In einer Zeit, in der das Nachdenken über die Wahl des passenden Emojis eine Tagesbeschäftigung ist und das Versenden einer Aubergine zum Eklat führt, erscheint die WLAN-Verbindung überlebenswichtig. Bricht das Universum der sozialen Medien zusammen, gerät auch die Welt der Jugendlichen aus den Fugen.

Auf dieses fragile Universum der Echtzeit-Klicks setzt Hamen in seiner Textfassung. „Es gibt keine Gebrauchsanleitung für die Liebe“, ist sich der Autor freilich bewusst, „Die Liebe ist ein Schlachtfeld.“ Der pädagogische Charakter des Stücks wird gewahrt. Die Botschaft erscheint klar: die Scham überwinden und seinen eigenen Körper akzeptieren, „Body positivity“ lautet das Leitmotiv. Nickel Bösenberg (Regie) setzt nach eigenen Aussagen auf den Revue-Charakter des Stücks.

So erinnert der schrille Musical-Einstieg an Produktionen des Grips-Theaters: Die Figuren rauschen auf die Bühne und reflektieren über das Stück: „Spielen wir hier Kabale und Liebe?“ Irrtum! Wie bei einer Boulevard-Show annonciert ein DJ: „Liebe Leute, um Liebe geht es heute!“ – Becketts Endspiel für Anfänger?

Das Bühnenbild (Anouk Schilz) erweist sich in seiner Schlichtheit als wandelbar: ein großes Haus, auf das Chats projiziert werden, eine Skater-Rampe aus Holz, nebst einem Mischpult. Unmittelbar wird der Zuschauer mit den Sorgen der Jugendlichen konfrontiert. „Wie bekomm ich Muskeln?“, fragen sich die Jungs, „Ab wann sind meine Oberschenkel zu fett?“, sind Fragen, die die jungen Frauen umtreiben. Peinlich sind jedem in der Pubertät die Eltern. „Ich hab auch mit 13 angefangen, Pornos zu gucken“, erklärt der Vater seinem Sohn Tim unbeholfen: „Was in den Pornofilmen passiert, ist reine Fantasie!“

Und während die Jungs cool auf der Skater-Rampe sitzen und verklemmt zu den Mädchen aufschauen, sind die längst ein paar Schritte weiter. Nach außen hin sind Paul (Konstantin Rommelfangen) und Tim (Timo Wagner) viel zu cool für diese Welt, in ihnen aber schlummern die Unsicherheiten.

Irgendwann wird es unvermittelt aus Timo Wagner herausbrechen: „Schwuchtel, Schokostecher, Schwanzlutscher, Homo-Monster! Findet ihr das lustig?“ Vorübergehend fällt die Maske, und er brüllt: „Das war der Grund, weshalb ich mich so spät geoutet habe.“ Unabhängig davon, wie konstruiert dieser Bühnenmoment ist: ein ergreifender Augenblick!

Wirbelnd geht es weiter. Paula und Paulo, um deren erste Verliebtheit sich das Stück dreht, nähern sich an und stoßen sich wieder ab. Eine Party bei Rodrigo wird eingeläutet durch den DJ, der die Annäherungen kommentiert wie ein Radio-Moderator ein Fußballspiel. Das Heulen der Sirenen läutet das Ende ein. – Kein Stück kommt wohl heute mehr ohne Bezug zur Pandemie aus. „Drück du doch den Knopf, der ist voller Viren!“, flirtet Paula so etwa Paulo bei einer gemeinsamen Busfahrt an und räumt verlegen ein: „Keine Ahnung, wo wir hinfahren – notfalls fahren wir im Kreis.“

Im unbeholfenen Beschnuppern der zwei geht es angeblich ums Lernen, tatsächlich kreisen sie umeinander wie zwei Turteltauben: „Lass uns deklinieren!“, ruft Paula bestimmt. Dass Mädchen in dem Alter reifer sind, transportieren der Text und die beiden Schauspielerinnen (Katharina Bintz und Anne Klein) vortrefflich. Die Unreife der sich selbst überschätzenden Jungs mimt Timo Wagner perfekt, wenn er checkerhaft raushaut: „Ich weiß doch voll, was ich machen soll.“

Der Rest sind neckische Spielchen: Es wird Schnick-Schnack-Schnuck gemacht, um auszuloten, wer wen zuerst küsst. Gelungen die Schattenspiele in der Laube und das Simulieren des „ersten Mal“, gefolgt von einem Streit, denn beim Gossip unter Jungs wird Tim Paula und Paul als „horny Eichhörnchen“ bezeichnen. Drei Wochen lang werden beide sich unbeholfen Fotos von ihren Müslischüsseln zuschicken ... Die Gefahren von Social Media – Achtung vor geleakten Nacktfotos! – werden einem mitunter etwas zu pädagogisch eingebläut. Irgendwann wird eine Schaukel auf die Bühne schweben, auf der Paula melancholisch kauern kann, versunken in die Ängste, als „Schlampe“ gebrandmarkt zu werden.

Obwohl ein Spannungsbogen fehlt, ist Bösenbergs Inszenierung von Was heißt hier Liebe? kurzweilig und Hamens Textfassung besticht durch klugen Wortwitz. – Ein erfrischendes Gegenstück zur drögen Sexualaufklärung, denn es konfrontiert Jugendliche ungezwungen mit ihren Ängsten und zeigt: Körperscham und Unsicherheiten sind ganz normal..

Was heißt hier Liebe? Textbearbeitung: Samuel Hamen; Regie: Nickel Bösenberg; Regieassistenz: Daliah Kentges; Komposition und Live-Musik: Pol Belardi

Anina Valle Thiele
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