Die kleine Zeitzeugin

Die Wehmut des Claus Peymann

d'Lëtzebuerger Land du 24.09.2021

Sie ist eine Art Wunder, sagt Claus Peymann. Eine merkwürdige Jeanne d’Arc der Politik. Ein Engel, er steigert sich. Die Heldin, von der er redet entstammt keiner Goethe’schen oder Shakespeare’schen Tragödie. Sie heißt Angela Merkel und wird vermutlich unspektakulär von der Weltbühne abtreten. Ein ältlicher Engel, fügt Peymann noch liebevoll hinzu. Der in verwegenen, weit geschlitzten Roben in seinem Berliner Theater auftauchte.

Die Verklärung des Regisseurs Claus Peymann, vor langer Zeit der Gottseibeiuns des Wiener Burgtheaters, findet vor der ORF-Kamera statt. Damals tischte der aus Bochum dahergelaufene Regisseur, der schauderhafte Ausdrücke wie Schangse verwendete, dem Wiener Publikum wüsteste Österreichbeschimpfungen von Bernhard, Jelinek, sanfter getarnte von Handke auf. Ihm wurde eine Fuhre Mist vor dem Burgtheater aufgetischt.

Sie leuchtet! Claus Peymann ist betört wie einst Konstantin Wecker, als er das Lächeln seiner Kanzlerin besang. Trostlos nennt er hingegen das Schauspiel um die drei Möchtegernkanzler_innen, die derzeit ihre Runden drehen, in der Manege stehen, Frage und Antwort stehen. Die immer gleichen Fragen und Antworten, mal mit einem Schuss Rotem, aber nicht allzu viel, grün gewürzt, bitte gern. Aber ohne Scharf. Im kreislaufschonendsten Zirkus der Welt, statt zur Elefant*innenrunde trifft man sich zahm zum Triell.

Ein sanfter Schlaf befällt die Zuschauer*innen, sehr angenehm. Dass sie wegdösen, weg, aus der undurchschaubaren maskierten Wirklichkeit. Das Beste überhaupt. Weil überall Teufelinnen an der Wand, sie sind schon in den vier Wänden. Sanft weg dösen… war das nicht auch das Spezialerfolgsrezept der Kanzlerin, der Zauber der Langeweile, wer konnte sich dem entziehen? Warum soll man auch mitgerissen werden wollen, in diesen Zeiten? Wo das Gas teurer wird und der Wolf im Vorgarten steht, nachts erscheint Karl Lauterbach. Auf dem Arbeitslosenmarkt sich nicht so anstellen, sich bloßstellen um ein Arbeitslos. Bitte eine Narkose! Während die Schere aufgeht, weiter und weiter, und Einschnitte vorgenommen werden. Schmerzhafte, wird ehrlich gesagt.

Wer will da einen frischen Wind? Die gnadenlose Quietschvergnügtheit, das pausbackige Herumposaunen der jungen Kandidatin schrillte schon in den Ohren, als Kandidatin Frischer Wind die Herren neben sich noch alt und weiß aussehen ließ. Jetzt will niemand so eine Angeberin, wie das auf altmodisch heißt, als Kanzlerin. Die sich bei so kindischem Kram erwischen lässt, die ist nicht nur grün hinter den Ohren, sie hat es einfach nicht faustdick genug dahinter. Wie soll so eine in der großen Politik mithalten? Wo es richtig erwachsen korrupt vorgeht, da sind keine Debütant*innen am Werk.

Da spricht schon eine andere Schläue aus den Augen der beiden Konkurrenten. Wie blitzschnell die Augen-Blicke des CDU-lers wechseln können, Froh- zu Scharfsinn, dann eine mathematische Kälte. Warum musste er sich auch am falschen Ort, vor Ort, vor Lachen ausschütten? Und der andere, der plötzlich der Eine ist, der Letzte in Frage Kommende als Erster. Scholz Zug gibt es zwar keinen, er muss nicht viel mehr tun als nichts. Keinen Charme versprühen, sich nicht von frisch bekehrten, jungen Follower*innen anhimmeln lassen. Floskeln mit knappem Mund wiederholen reicht schon, mit diesem sparsam schlau kontrollierten Finanzminister-Blick. Ein Ruhenordpol, dabei den Stoizismus eines Buddha-Buchhalters absondern, eine Aura braucht keiner. Noch schlimmer, Charisma, bloß kein Charisma! Bei Charisma sofort die Flucht antreten! warnt der Tiroler Kriminologe Haller. Was das angeht ist der deutsche Wahlkampf sehr ungefährlich.

Würde Angela Merkel in eine Tragödie passen? Damit kann Claus Peymann wenig anfangen. Was soll auch tragisch sein an einer Frau, die uns bald den Rücken zukehren und in ihrem Reihenhaus Kartoffeln schälen wird, ein Hobby von ihr? Oder in ihrem Anorak herum stapfen wird, durch eine Natur? Über ihre Geheimnislosigkeit kann dann gerätselt werden. Ich mag sie, sagt Claus Peymann.

Michèle Thoma
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