Steckel, Margret: Die Schauspielerin und ich

Wehmut als Würze

d'Lëtzebuerger Land vom 11.12.2003

Die Schauspielerin und ich heißt der neue Roman von Margret Steckel, eine fiktive Autobiografie. Während die Figur der Schauspielerin mich an Nachkriegsstars wie Liselotte Pulver oder Doris Day erinnerte, fand ich die Figur des "Ich" konturlos. 

Von der ersten Seite an macht die Ich-Erzählerin allerdings deutlich, dass es ihr in dem Rückblick auf ihr Leben nicht um sich als Individuum geht, nicht um dessen Erlebnisse in der Zeit, sondern um eine Figur, die von ihrem Wunsch nach einer Rechtfertigung getrieben ist. Sie hatte in jungen Jahren ihre Verlobung gelöst, und nun, gut 25 Jahre später, erfährt sie vom Tod des einstigen Bräutigams. An dieser Stelle beginnt der Roman. Der Bräutigam lebte und starb als Landarzt. Sie aber, die Braut, hatte der Zufall damals vor eine Filmkamera geführt. Die Chance einer Filmkarriere ließ sie nicht mehr los. Tatsächlich trat sie bald darauf erfolgreich in Filmen und in Bühnenstücken auf. Der Arzt nahm sich eine andere Frau. 

Der Roman beginnt mit den Schuldgefühlen der Ich-Erzählerin. Auf Zuraten ihrer mütterlichen Schauspiellehrerin fängt sie an, ihre Geschichte niederzuschreiben. Warum nur ist sie nicht Arztgattin geworden? Vielleicht beschäftigt sie die Frage, welche Identität ihr als Ehefrau auf dem Lande zugewachsen wäre, und teilt deshalb ihre Figur in ein „Ich" und in eine "Schauspielerin" auf? Es ist mir nicht klar geworden, denn einer solchen Ehefrau vermag sie selbst überhaupt keine Individualität zuzuerkennen.

Die Entwicklung zur professionellen Schauspielerin wird von innen her beschrieben, nach dem Muster, wie man im Actors' Studio, nach der Stanislawski-Methode die Wahrhaftigkeit darzustellen lernt: indem man sich auf eigene, private Gefühle bezieht und diese in die Rolle hineinholt. Die Darstellung gewinnt dadurch an ganz persönlicher Lebendigkeit. Margret Steckel hat das Prinzip für ihren Roman umgedreht: die verschiedenen Rollen entsprechen dieversen Liebesgeschichten der Protagonistin, und die sind der eigentliche Inhalt der Geschichte. 

Nicht: ein junges Mädchen flieht aus der Provinz in die Großstadt und macht dort mit Hilfe ihrer Schönheit und durch Unterstützung geeigneter Männer eine Karriere in Film und Theater. Nein. Eine entlaufene Kleinstadtbraut muss auch nach einem Vierteljahrhundert Erfolgsleben noch forschen, warum sie nicht die Gattin eines Landarztes werden wollte. Sie schreibt alles nieder, aber sie findet die Antwort nicht. Sie ergibt sich in einen Schicksalsglauben. Und da sie letzten Endes den "richtigen" Ehemann gefunden hat, kann sie damals, das ist ihre Schlußfolgerung, keine "falsche" Entscheidung getroffen haben.

Genau genommen, hat nicht sie die Verlobung beendigt, sondern der Bräutigam gab die Braut auf, nachdem sie für den Film "entdeckt" wurde und sich drauf einließ. Sie hatte nur die Wahl zwischen der Filmrolle und dem Bräutigam. Diskutiert wurde nicht.

Bei der Filmarbeit tat sie immer, was man ihr sagte. Anscheinend bestand ihre Stärke in den Augen der beteiligten Männer darin, dass sie nichts Eigenes dachte. Sogar ihre Kleidung kaufte sie immer nach den Wünschen der Männer. Sie empfand das nicht als Gängelei, sondern als ein An-die-Hand-genommen-Werden. Ihre Mutter starb früh, ihr Vater isolierte sich. Das ist der "Subtext" der Geschichte: sie findet im Filmmilieu neue Eltern, zunächst die ideale Schauspiellehrerin voll mütterlicher Zuwendung und professioneller Perfektion, dann diverse Väter, allesamt Regisseure, von denen sie sich zuletzt den sanftesten als den endgültigen Ehemann aussucht.

Nur einer in der Reihe von Männern, die ihr etwas bedeuten, ist Schauspieler, und in der Beziehung zu ihm brandet Konkurrenzdenken auf. Jeder Schauspieler will den größten Beifall. Die Autorin lässt jedoch dieses Liebesverhältnis nicht an Rivalität scheitern, an der beide ihren Anteil gehabt hätten, sondern sie erklärt diesen Mann zum "Juden", von dem alle, ausnahmslos alle, sagen, er sei bloß an seiner Karriere interessiert. Als Leserin aber sehe ich, dass jeder in der Branche dem Karrieredenken verfallen ist, auch unsere Hauptperson; hier im Buch wird das nur dem Juden übel ausgelegt. Als einziger konkreter Zeitbezug wird seinetwegen das Attentat auf die isrealische Olympiamannschaft erwähnt (1972) - sonst erfährt der Leser nur, dass der Roman nach dem Zweiten Weltkrieg unter Deutschen in Deutschland spielt. Eiserner Vorhang, Studentenaufstand etc. kommen nicht vor. Allein diese leise Welle von traditionellem Antisemitismus.

"Ich setzte mich auf die Rasenkante, die Sonne trank den Tau von den welkenden Blüten, die keinen Tau mehr tranken," so beschreibt sie das Grab des einstigen Bräutigams. Es sind die kurzen, immer wieder überraschenden und wohltuenden Naturbeschreibungen, die dem Roman Charme verleihen, ihn in der Realität verwurzeln; geschickt werden sie nur als einzelne Sätze eingebaut. Das Stirb und Werde von Mutter Natur dient hier als Subtext. Gleichzeitig sorgt es für eine Präzisierung der jeweiligen Szene im Leben der Darstellerin, genau wie sie ihre Gefühle - "Wehmut als Würze" - zur Ausgestaltung einer Rolle benutzt. Die Vermengung von Wahrhaftigkeit und Als-ob ist der Autorin glänzend gelungen. Der Zeichnung eines verantwortungsvollen Ichs konnte sie damit ausweichen. Der Roman endet mit liebevoller Schelte vom Ehemann-Vater.

 

Margret Steckel: Die Schauspielerin und ich, Roman; Editions Phi 2003, Luxemburg, 392 Seiten; 21 Euro.

 

 

 

Barbara Höhfeld
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