„Kritisch hinterfragen“ ist das Mantra modernen Medienkonsums – doch was tun, wenn die gute Absicht über das Ziel hinausschießt?

Es irrt der Mensch solang er lebt

d'Lëtzebuerger Land vom 27.11.2020

Nun sag, wie hast du’s mit der Internetsicherheit? Es ist die Gretchenfrage unserer Zeit: Durch das Internet ist die Menschheit vernetzt, wie noch nie — und polarisierter den je. Besonders die Isolation des Jahres 2020 lässt Menschen, in Ermangelung von Alternativen, soviel Zeit online verbringen, wie wohl noch nie vorher. Und damit soviel Informationen und Desinformation aufzunehmen, wie nie zuvor. Es ist nicht einfach, das Problem festzunageln: Schon an der Definition von Desinformation stößt man auf Schwierigkeiten, denn es existieren viele. Unter ihrem Deckmantel fallen, je nach Gesprächspartner, alles von Kritik an Meinungen, die Personen als Wahrheit verstehen und tatsächlich Schattierung einer objektiv messbaren Wahrheit sind, versehentlichen Zeitungsenten, über den inflationär benutzten all-verneinenden Ausdruck „Fake news“, bis hin zu gezielter Propaganda. „Wann es sich schlussendlich um Fehlinformationen handelt, ist oft eine subjektive Frage“, sagt Romain Schroeder, Verantwortlicher für Kommunikation, Weiterbildungen und Projektmanager am Zentrum für Politische Bildung (ZPB).

Der Versuch der EU, das wandelbare Phänomen definitorisch festzumachen, nennt Desinformation „nachweislich falsche oder fehlleitende Information, die Zwecks ökonomischen Gewinnes oder mit Täuschungsziel erstellt und verteilt wird“. Im Folgenden wird sich auf diese Definition gestützt. Doch selbst wenn eine Gruppe sich auf eine einheitliche Definition einigt, bleibt es schwierig das Phänomen empirisch greifbar zu machen und an harte, belegbare Daten zu kommen. Vor allem, wenn mehr als ein kleiner Teil des Internets untersucht werden soll: Zu groß, zu intransparent sind die verwinkelten Pfade des Netzes, zu unübersichtlich die Flut an „Content“, die jeden Tag veröffentlicht wird. Alleine auf Youtube wurden vergangenes Jahr jede einzelne Minute durchschnittlich rund 500 Stunden Videomaterial hochgeladen. Wieviel potenziell gefährliches Material sich zwischen Katzenvideos und Lip-Sync-Covers verstecken, weiß wohl niemand.

Echocambers: ein faustischer Pakt Welchen Teil dieser Unmenge an Informationen eine einzelne Person überhaupt zu sehen bekommt, entscheidet „der Algorithmus“ – ein Wort, das mittlerweile in den Köpfen vieler Leute mit einem einem Donnerschlag, Orgelmusik und dramatischem Zoom verbunden ist. Kein Mensch ist eine Insel, aber im Internet steckt jeder, hinter der Fassade des Vernetztseins, in einer höchst individualisierten Filterblase, erklärt Romain Schroeder. Soziale Medien sind darauf spezialisiert, einzelnen Personen für sie maßgeschneiderte Informationen zukommen zu lassen: Mit jedem Klick verrät man den Social-Media-Titanen mehr über sich selbst und über die Informationen, die man aufnehmen möchte. Jeder Like eines Posts verrät dem Anbieter: Diese Person will mehr hiervon. Und Unternehmen, deren Geschäftsmodell primär darauf basiert, Benutzer so viel Content wie möglich konsumieren zu lassen, damit er so lange wie möglich auf der Internetseite aktiv bleibt, sind sehr effizient darin geworden, herauszufinden, wie das geht. Die Internet-Nutzer sind oft unwissentlich selbst an diesem Unterfangen beteiligt: „Confirmation bias“ beschreibt laut Jeff Kaufmann, der als Projektmanager bei Bee Secure arbeitet, die menschliche Tendenz, Informationen aufzusuchen, die bereits bestehende Überzeugungen untermauern. Informationen, die einem Besucher nicht gefallen, werden hingegen mental und digital weggeklickt. Was dem Algorithmus nicht entgeht: Informationen, die den Besucher offenbar verscheuchen, werden nächstes Mal gar nicht erst angezeigt.

Somit baut sich jeder auf Dauer seine kleine, individuelle Informationsblase auf, die genau das zeigt, was man sehen möchte — aber nicht unbedingt das, was man sehen sollte. Der User hat die „ideale“, bestätigende Erfahrung, der Anbieter die ideale Werbeplattform: Die „Blase“ ist der Preis dieses Teufelspakts mit dem Internet: Der fragwürdige Gewinn: ein Medien-Angebot, das Lust auf mehr macht. Und mehr hat das Internet immer zu bieten – mehr Informationen, die eigene Ideen bestätigen, und mehr Leute, mit denen man sich zusammenschließen kann, um die gleichen Ideen gegenseitig zu unterstützen. Begriffe nehmen in diesen Blasen unterschiedliche Bedeutungen an, Ereignisse werden verschieden interpretiert, Wahrheiten unterschiedlich gebildet. Ist ein Benutzer beispielsweise in einer Filterblase, die ihm nur Informationen zeigen, die seine Idee bestätigen, dass Barack Obama in Kenia geboren sein soll, kann es plötzlich sehr schwer werden, andere Meinungen zu akzeptieren oder überhaupt erst wahrzunehmen. Sie liegen jenseits des Informationshorizontes der Bubble. Es fehlt, fasst Schroeder zusammen, der nötige Kontext, der erlauben würde, alternative Blickwinkel einzunehmen und die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen.

Die Geister, die ich rief Unter den richtigen Umständen, beispielsweise während einer globalen Pandemie, die zu Verschwörungsmythen einlädt, reicht dieser Effekt bis hin zum tatsächlichen physischen Isolieren innerhalb von Gruppen, wie die „Querdenker-Demos“ in Deutschland zeigen. Für solche Bewegungen können die Sozialen Medien ein zentrales Mobilisierungswerkzeug sein. Das Resultat ist eine zunehmend zersplitterte, polarisierte Gesellschaft, in der gemeinsamer Diskurs und Austausch schwierig bis unmöglich wird, weil keine geteilte Fakenbasis nicht mehr existiert. Auf Dauer kann dies eine der Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Gesellschaft und Demokratie erodieren lassen. Ein wirkliches Zurück gibt es hier wohl nicht mehr, meint Marc Schoentgen, Direktor des ZPB: Die Diskussionen und Echo-Kammern, die heute auf Twitter- und Facebook-Profilen in Kommentaren verewigt sind, sind eigentlich nur die aktuellste Variante alter Stammtischgespräche und ähnlicher analoger Informationsblasen, die auch außerhalb des Internets existieren. Ob es sich nun um Corona, politische Extremisten oder sonstige radikale Gruppen handelt: Die Methoden und Muster seien weitgehend die gleichen. Und einen eingefleischten Verschwörungs-theoretiker aus seiner Bubble herausziehen, da sind die Experten vom ZPB sich einig, ist ein sehr schwieriger Prozess, der flächendeckend fast ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Wo also ansetzen? Während Fact-Checker, wie in Luxemburg beispielsweise die DPA, eine wichtige Rolle spielen können, problematische Inhalte zu markieren — alleine schon indem sie knapp die Blase platzen lassen, weil sie zeigen, dass andere Meinungen existieren — werden offizielle Quellen oft von Personen, die tief in ihrer Bubble sind, selbst als feindlich gesinnt angesehen. „Alles Teil der Verschwörung.“ Gleichzeitig hinken Fact-Checker produktiven Desinformations-Propagandisten, Bot-Netzerken und Troll-Farms immer hinterher: „Gish-Gallop“ bezichnet die Taktik, den Gegenüber mit so vielen Halbwahrheiten, Lügen oder unhaltbaren Behauptungen zu konfrontieren, dass es unmöglich wird, sie alle zu widerlegen. Eine Lüge ist in Sekundenbruchteilen erfunden und verbreitet, die Wahrheit hingegen braucht Zeit und Ressoucen: Primärquellen, Zitate, Beweise. Bis eine Wahrheit belegt ist, ein „Fact gecheckt“ ist, wurde er von unzähligen neuen Behauptungen ersetzt. Es ist ein Rennen, so scheint der Konsens, das nicht zu gewinnen ist. Ständig wechselnde Taktiken und Medien machen es schwer, Gesetze zu verfassen, die dem Problem entgegenwirken, ohne gleichzeitig grundlegende Rechte einzuschränken. Der Vorwurf der Zensur ist Öl ins Feuer der Propagandisten. Andere Lösungen sind nötig.

Faustregeln Darum setzen die Experten vor allem auf Prävention: Medienbildung, kritisches Denken und konstruktiver Umgang mit Kontroversen. Bee Secure hat dieses Jahr unter anderem rund 300 Formationen an Gymnasiumsklassen angeboten, die aktuell unter dem Thema der Desinformation standen und den Schülern beibringen sollten, die richtigen Fragen zu stellen: Wer steckt hinter den Posts, welche Quellen gibt die Person an, und wie reden andere Medien über das Thema?

Das ZPB gibt in Weiterbildungskursen und Workshops ähnliche Ratschläge: Allein sich bewusst zu machen, dass man in einer Blase steckt, ist ein erster wichtiger Schritt. Gute Reflexe sind, sich ein paar Fragen zu stellen, wenn man mit neuen Informationen konfrontiert wird: „Appelliert diese Information stark an meine Emotionen? Arbeitet sie mit einfachen Slogans? Will sie beeinflussen, wie ich über etwas nachdenke?“ Diese Fragen, erklärt Schroeder, helfen, nicht einfach sofort den „Share“-Button zu drücken sondern einen Schritt zurück zu machen, durchzuatmen, kühl zu bleiben. Zwei einfache Web-Instrumente, die jedem zugänglich sind und helfen können, die eigene Position in den endlosen Weiten des Internets zu finden, sind filterbubble.lu und propaganda.guide.

Brücken bauen Die Polarisierung, die mit Filterblasen und Verschwörungsmythen einhergehen, haben nicht nur einen gesellschaftlichen Effekt: Sehr oft ist der Eintritt in eine Desinformationsspirale mit persönlichem Konflikt verbunden. Während vor allem Isolation fruchtbarer Grund dafür ist, kann das für Personen mit engem sozialen Umfeld bei Freunden und Familien mit dem Gefühl verbunden sein, eine vertraute Person an eine nicht nachvollziehbare Ideologie zu verlieren: Was also tun, wenn Bekannte plötzlich anfangen, an Fakten zu zweifeln, Videos brennender 5G-Antennenmasten zu teilen oder sich nicht impfen lassen, weil sie glauben, damit Mikrochips implantiert zu bekommen? „Leider, erklärt Nicolas Hirsch, ein Mitarbeiter von respect.lu, einer Organisation, die sich gegen Radikalisierung aller Formen einsetzt, existiere kein Allheilmittel. „Bemerkt man, dass eine Person radikalisiert wird, sollte man mit uns Kontakt aufnehmen. Wir arbeiten sehr therapeutisch, und die meisten Personen müssen in einem langen Prozess individuell betreut werden.“ Zentral für ihre Arbeit ist der Aufbau von Vertrauen, der Versuch, durch verständnisorientierte Gespräche Kontakt aufrecht zu erhalten. Argumentatives Streiten, erklärt Hirsch, führe hingegen zu nichts, außer einem gegenseitigen Hochschaukeln der Emotionen, was dazu führen kann, dass der Kontakt verloren geht. Stattdessen nehmen die Experten eine „verständnisswillige Haltung“ ein, stellen Fragen: „Wir hören zu, sind neugierig, ohne zu be- oder zu verurteilen. Wir fragen, woher die Meinungen kommen, was die Quellen sind. Es klingt banal, aber für Personen, die so tief im Sumpf sind, ist dieses Weltbild ihre Realität, und die kann man nicht wegargumentieren.“ Genau diese offene, verständnisswillige Haltung sollte auch im Umgang mit persönlichen Kontakten gepflegt werden, die auf die falsche Bahn geraten: „Kontakt halten ist essentiell. Das Schlimmste wäre, die Beziehung abzubrechen. Dann ist die Person weg.“ Die Fäden zur geteilten Realität reißen, und die einzigen Kontaktpersonen bleiben die Radikalen aus der Bubble, die durch den Kontaktverlust noch undurchdringlicher geworden ist. Solange jedoch Bezug zu einer „stabilen“ Person besteht, bleibt ein Zugang zur gemeinsamen Realität bestehen. Nachfragen, manchmal eventuell ein bisschen nachhaken, „woher kommst du an die Information?“ und Betroffenen viel „soziale Wärme“ spenden, seien die richtigen Gesten. So bleibt den Personen ein einfacher Weg „zurück“ nicht verwehrt. So kann jeder einzelne eine Brücke zu einer geteilten Wahrheit bleiben, die es auch in Zukunft erlaubt, gemeinsamen Grund zu finden.

Misch Pautsch
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