Deutsch-luxemburgisches Filmabkommen

Babelsberg geht nach Luxemburg

d'Lëtzebuerger Land du 11.06.2002

Das deutsche Fernsehen ist schon lange da. Nun kommt auch der deutsche Film. Nach Luxemburg. Damit dabei alles seine Ordnung hat, unterzeichneten der deutsche Staatsminister Julian Nida-Rümelin, Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheit der Kultur und der Medien, sowie François Biltgen, luxemburgischer Kommunikationsminister, am vergangenen Freitag in Berlin ein Abkommen, das die Beziehungen im audiovisuellen Sektor, vor allem im Filmbereich, regelt. Nach Vereinbarungen Luxemburgs mit Quebec, Kanada und Frankreich ist diese die vierte ihrer Art.

In erster Linie sollen Koproduktionen zwischen Filmschaffenden beider Länder erleichtert und intensiviert werden. Deutsche und luxemburgische Produzenten können in Zukunft gemeinsame Filme herstellen, die jeweils als nationale Filme gewertet werden. Sie kommen da-mit in den Genuss aller Vergünstigungen, die die filmwirtschaftlichen Bestimmungen beider Staaten vorsehen. Einzige Voraussetzung ist, dass die Beteiligung des jeweiligen Produzenten an einer Koproduktion zwischen 20 und 80 Prozent der Gesamtkosten des Films betragen muss. Darüberhinaus soll nach den Maßgaben des Abkommens eine Gemischte Kommission aus Vertretern Deutschlands und Luxemburgs eingerichtet werden, die in regelmäßigen Abständen prüft, ob bei den von beiden Ländern gewährten künstlerischen, technischen und finanziellen Vergünstigungen ein Gleichgewicht besteht. Schließlich will der Goliath Bundesrepublik nicht den großherzoglichen David dominieren und seiner kulturellen Hegemonie unterordnen.

Doch diese Angst ist unbegründet: Der deutsche Film hat seine Glanzzeiten längst hinter sich gelassen. Die Zwanzigerjahre taugen nur noch für Themenabende auf Arte. Das Aufflackern des deutschen Autorenfilms in den späten 70-ern und frühen 80-ern gibt es zu nachtschlafener TV-Zeit, um keine werberelevante Zielgruppe zu verschre-cken. Fassbinder ist seit 20 Jahren tot und seitdem die Diskussion verstummt, ob eine deutsche Schauspielerin in Cannes mit Gold ausgezeichnet wird. Überhaupt spielen deutsche Filme auf internationalen Festivals, gar auf internationalen Leinwänden, keine Rolle mehr - von Ausnahmen, wie etwa Tom Tykwers Lola rennt, einmal abgesehen, dessen Nachfolgeproduktion aber nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen konnte. Seit Jahren verödet die deutsche Filmwirtschaft in Klamaukproduktionen, die kaum den Sprung über die Landesgrenzen schaffen, da unverständlich, unübersetzbar und unkomisch. Hin und wieder wagen sich deutsche Filmproduzenten auch an Großproduktionen im internationalen Format - etwa Bernd Eichinger mit der Verfilmung von Isabell Allendes Geisterhaus -, doch das sind und bleiben bislang die Ausnahmen, ansonsten werden alle Hoffnungen des deutschen Films nach Hollywood ausgeliehen.

Nun hofft Kulturstaatsminister Nida-Rümelin mit dem deutsch-luxemburgischen Abkommen der darniederliegenden Filmindustrie der Bundesrepublik wieder auf die Beine zu helfen, denn Filmproduktionen sind im Großherzogtum günstiger zu realisieren als in Deutschland. Dies bekräftigte der Kulturbeauftragte bei der Unterzeichnung. Dass Luxemburg in den letzten Jahren ein interessanter Partner für deutsche Produzenten, insbesondere auch für solche aus der Region Nordrhein-Westfalen, geworden sei, liege nicht nur an der räumlichen Nähe, sondern auch an den vorteilhaften Produktionsbedingungen in Luxemburg. Doch Produktionen in den nordrhein-westfälischen Medienmetropolen Hürth und Köln, dem Sitz von RTL, beschränken sich im Wesentlichen auf das Medium Fernsehen. Kinofilme werden meist auf dem früheren Ufa-Gelände in Potsdam-Babelsberg oder in den Bavaria-Studios vor den Toren Münchens gedreht - und hier gilt es, sich der Konkurrenz aus Luxemburg zu erwehren.

Biltgen zeigte sich zufrieden, dass nach mehreren frankophonen Ländern nun endlich auch ein Abkommen mit Deutschland abgeschlos-sen werden konnte. Zumal Koproduktionen mit deutschen Partnern in letzter Zeit zugenommen hätten. Er verwies auf die Kassenknüller The Musketeer und George and the Dragon. Luxemburg erhoffe sich nicht nur eine zahlenmäßige Steigerung von Gemeinschaftsproduktionen, sondern auch einen größeren gegenseitigen Austausch in den Bereichen Promotion, Weiterbildung und Verleih. Dennoch, und darin seien sich Biltgen und Nida-Rümelin einig, stärke das Abkommen die bilateralen Beziehungen im Filmbereich in Westeuropa und leiste so einen we-sentlichen Beitrag für das europäische Kino - das von Großbritannien und Frankreich dominiert wird. Hinzu komme, dass es auch zur Verbreitung der deutschen Sprache und damit der deutschen Kultur in Luxemburg beitragen werde. Und darauf hat das Großherzogtum sehnsüchtig gewartet. Ob es ein Vice-versa geben wird, ließen beide offen.

 

Martin Theobald
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