Leo Folschette (1958–2025) stand für Zuversicht im jungen Luxemburger Film. Als autodidaktischer Charakterdarsteller spielte er sich neben Vicky Krieps in die erste Reihe. Ein Nachruf

Der stille Magnet

d'Lëtzebuerger Land du 16.01.2026

„Scheiße … leck mech am Arsch … mir mussen dat do elo nach eng Kéier machen, Kand!“ Leo Folschette ist genervt, aber nicht wirklich böse. Es ist das dritte Mal, dass er die Ansage seiner Tochter Lisa unterbrechen muss. Sie steht im improvisierten Studio der heimischen Garage vor einem Blue Screen. Draußen läuten die Kirchenglocken, kurz darauf ertönt die Bahnschranke für den vorbeifahrenden Zug. Schließlich bemerkt Leo, dass das Funksignal des kabellosen Mikrofons gar nicht eingeschaltet ist.

So beginnt LeoLisa, Govinda Van Maeles einfühlsames Porträt der Vater-Tochter-Beziehung, das 2020 für die RTL-Reihe routwäissgro entstand. Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag zeigt der Film Folschette in seinem hauptberuflichen Alltag als Produzent von Mamer TV und Televisioun Steesel. Bereits 2018 hatte Folschette als Bauer Arno Kleyer in Van Maeles Gutland vor der Kamera gestanden.

„Ech hunn de Leo kennegeléiert a sengem éischte Liewen als Vendeur beim Sichel“, erinnert sich Maurice Molitor, Journalist bei 100,7 und Gründer von .dok – den oppene Kanal. Seit 2005 produzierte Folschette mit Televisioun Steesel den ersten Gemeindesender Luxemburgs, aufgebaut „aus dem Nichts“, aus seiner Garage heraus. Mit Talkshows wie Ballaballa: drei Kameras, selbst geschnitten. Molitor erkannte den jovialen Mann mit der markanten Nase, der belegten Stimme und dem gutmütigen Blick sofort wieder. Er bot ihm an, sein Programm auch über .dok auszustrahlen. „De Calcul war, datt dann och aner Gemengen eng Lokaltelevisioun maache géifen.“

Zwanzig Jahre blieb Folschette ein treuer Partner des Senders. Später engagierte er sich stärker, bis Molitor ihm schließlich, in enger Abstimmung, die Geschäftsführung übertrug. Er habe sich stets „extrem loyal“ verhalten. Als 2023 die Entscheidung fiel, .dok einzustellen, sei Folschette einer der einzigen gewesen, die „bis zum bitteren Ende“ mitgemacht hätten, wie Molitor anerkennend unterstreicht.

Geboren 1958 in Grevenmacher, wuchs Leo Folschette in einfachen Verhältnissen auf. Er hatte eine wilde Jugend und kämpfte länger mit Alkoholabhängigkeit. Irgendwann ging er zu Fuß in die Klinik in Eich, machte einen Entzug, und rührte danach keinen Tropfen mehr an. Was blieb, war ein Traum: Filme machen. Davor war er zeitweilig im Umfeld von Cool Feet aktiv und arbeitete als Musikmanager. So kam er beispielsweise mit den Scorpions in Kontakt, die damals dank Roland Nilles (Kultopolis) von Luxemburg aus ihre internationale Karriere lancierten.

Jahre später ließ sich Gitarrist Rudolf Schenker von Folschette auf dem Sofa interviewen und an alte Zeiten erinnern. „Du bist immer sehr cool geblieben“, sagt Folschette. „Du hast immer gesagt: ‚Das kommt schon, das alles ergibt sich.‘“ Dazu meint Schenker, die meisten Menschen würden sich durch ihre übertriebene Selbstkritik selbst die „Energie abzapfen“ und sich anstelle auf eine Sache, auf viele stürzen, sodass sich die positive Energie niemals irgendwo kanalisieren könne.

Die übertriebene Selbstkritik hatte Folschette jedenfalls bereits überwunden, als er Andy Bausch begegnete: „Zwee Joer no Troublemaker, deen op Honnerte vu Festivals gewise gouf, sot hien zu mir, hie wier de Leo, an hie géif elo och e Film maachen. Esou wéi Troublemaker, awer besser‘“, erinnert sich Andy Bausch. Folschette meinte es ernst. Kurzerhand lieh er sich Bauschs Schauspieler Thierry Van Werveke, Ender Frings und Luke Haas aus und drehte seine ersten Filme: Detektivgeschichten mit derben Sprüchen, unterlegt von viriler 80er-Jahre-Musik und derben Sprüchen, klamaukige Western, von Lost Highway inspirierte Szenen oder eine Exekutionsszene, gedreht auf einem geliehenen Friseurstuhl. Perlen handgemachter Kinomagie, die heute auf Leos YouTube-Kanälen wiederzufinden sind, neben Dorffesten, Blasmusik und Reden von Mamers Ex-Bürgermeister Gilles Roth, dessen Mann fürs mediale Feintuning Folschette war.

„Dank Leo habe auch ich meine eigenen Ängste als Filmemacher abbauen können“, sagt Govinda Van Maele, „und für mich persönlich die Grenzen zwischen Amateur- und Profikino überwunden.“ Van Maele beschreibt Folschette als „totaler Filmliebhaber“, jemanden, der den Film nicht nur als Kunstform, sondern als Lebensform verstand. Für ihn war Film ein Medium der Flucht, ein Weg, sich abends in eine andere Welt zu katapultieren. Alles, was Folschette am Film liebte, vom roten Teppich bis zum Trubel drumherum, machte ihn stolz, dabei zu sein.

Auf den Luxemburger Film schaute er nicht herab, sondern herauf. Er glaubte fest daran, dass das heimische Kino Großes leisten kann. Gleichzeitig war er kritisch: Gefiel ihm ein Film, fand er ihn genial. Immer wieder rief er Van Maele an, um dessen Meinung einzuholen: „Wat hues du da geduecht?“ Diese Dreiecksgespräche über Telefon, sei es mit Van Maele, sei es mit Paul Thiltges oder Andy Bausch endeten nicht selten in gemeinsamen Essen mit seinem jeweiligen Gesprächspartner.

„De Leo war en duerch an duerch soziale Mënsch“, erinnert sich Van Maele. „Deswegen passte .dok perfekt zu ihm.“ Dabei ging es nie um internationales Kino; welche Richtung ihn reizte, sei schwer zu sagen. Sicher ist nur: Von jedem Film verlangte er eine DVD in deutscher Fassung: ein Detail, das Van Maele an seine eigene Kindheit erinnerte, als er Filme bei den Nachbarn auf dem Sofa entdeckte. Sofort habe man sich bei ihm wohlgefühlt.

Kennengelernt hatten sich die beiden 2016. Als Govinda Van Maele Laien-Schauspieler für Gutland suchte, sei Folschette widerwillig auf Drängen seiner Töchter beim Casting aufgetaucht. Van Maele hatte von Folschette noch nie gehört; er war bereits über fünfzig und tauchte in keiner Datenbank auf. „Et war wéi wanns de giffs en Thierry Van Werveke entdecken“, erinnert sich Van Maele. „Wow, wien ass dat?“ hätten alle über den Mann gedacht, der bereits eine gewisse Selbstsicherheit mitbrachte und sich nicht scheute, so zu sein, wie er war.

„De Leo, änlech wéi de Petz Schaack, dee viru genau engem Joer gestuerwen ass, Guddebuers Jupp oder den Nazz Nazz Batteur, de Pipo Petro, hat eng Schnëss, eng Präsenz, war en éiweg treien an zouverlässegen Niewenduersteller, deen op emol a kengem Film huet dierfe feelen“, sagt auch Andy Bausch, in dessen Film Little Duke Folschette mitwirkte. Als Darsteller sei er dabei „net glat, net perfekt, an ouni iergendeng Schauspillerausbildung“ gewesen. Doch genau diese Authentizität machte ihn aus.

Leo sei ein „raue Steen“ gewesen, der sich über die Jahre verfeinert und zu einem echten Schauspieler entwickelt habe, sagt Govinda Van Maele. „De Leo hat eent vun de schéinsten an ustiechendste Lachen, wat ech kennen“, erinnert sich Vicky Krieps, die in Gutland neben Frederik Lau und Marco Lorenzini mit Folschette vor der Kamera stand. „Wann hien gelaacht huet, dann huet hien mat sengem Härz gelaacht.“ Sie habe sich daher immer gefreut, ihn zu treffen, und habe das Gefühl gehabt, dass er ehrlich sei. „An honest man with a great smile“, schlussfolgert die Hollywood-Schauspielerin.

Natürlich sei es sein großer Traum gewesen, irgendwann Hauptrollen zu spielen, und Van Maele ist sich sicher, dass er das auch geschafft hätte. Besonders eindrücklich wurde Folschettes Talent in einer seiner letzten Rollen: als „Jean-Paul“ in Kiyan Agadjanis Kurzfilm Linda, Linda! (2024). Eine Rolle ohne einen einzigen gesprochenen Satz. Ein einfacher Luxemburger Nachbar. Ein wenig mysteriös – eine Projektionsfläche für das Publikum. „Ech sichen dës Einfachheet“, sagt uns Agadjani und Leo Folschette habe genau das verstanden. Er spielte mit Mimik, Blicken, kleinsten Gesten. Am Set sei er unkompliziert, präsent und sofort verständig gewesen. Kein Drama, kein Ego. Einfach da.

Die Wirkung dieser stillen Figur reichte weit über Luxemburg hinaus. Beim Screening im Chinese Theatre in LA Anfang August hätte der Saal immer wieder wegen Folschettes Jean-Paul gekichert. Selbst als man von seinem Ableben erfuhr, habe man sich noch an diesen Mann, der nichts sagte, und alles erzählte, erinnert, so Agadjani. Leo Folschette wusste um diesen Effekt. Und es machte ihm Freude. Er war stolz auf seine Arbeit, egal ob in einem Kurzfilm oder in einer internationalen Koproduktion.

Während der Corona-Pandemie, als öffentliche Veranstaltungen abgesagt wurden, suchte Folschette nach Sendeinhalten, da plötzlich viel Platz im Programm frei war. Dabei unterstützte ihn Van Maele mit eigenen Mittags- und Mitternachts-
programmen. Die gesamte Musikszene schickte Videos. Das Spektrum reichte von frühen Filmen von Christophe Wagner, Jacques Molitor oder Max Jacoby über nicht ganz jugendfreien kapverdischen Hip-Hop bis zu extrem experimentellen, avantgardistischen Exploitation-Horrorfilmen, wie Van Maele sich erinnert.

Ein Team von Kölner Animateuren erstellte dafür ein spezielles Intro mit Schnee- und Störsignalen, sodass es wirkte, als würde ADR-TV oder die katholische Messe gerade durch einen Militärputsch unterbrochen. Da die Inhalte oft in letzter Minute zusammengestellt und an Folschette geschickt wurden, und der nicht immer kontrollierte, sei die Sendung einmal versehentlich bereits um elf Uhr statt um Mitternacht ausgestrahlt worden. Kurz darauf klingelte das Telefon; wenig später erhielt Folschette Post von der Medienaufsicht ALIA. Die Zeitschrift LuxPrivat widmete dem Fall eine Doppelseite mit Leo, illustriert durch Screenshots von abgesprengten Köpfen und zerschossenen Beinen. Obwohl ihn die Strafzahlungen natürlich geärgert hätten, habe Leo das alles „ultrawitzeg“ gefunden, erzählt Van Maele. Besonders, zwischen Maria Teresa und Xavier Bettel in LuxPrivat aufzutauchen, fotografiert von einem Paparazzo.

Leo sei überhaupt immer positiv gewesen, meint Van Maele. Auch was seine eigene Karriere betrifft. Oft habe er angerufen und um eine Rolle gebeten. Natürlich habe er auch mal von Problemen berichtet, aber immer mit einem positiven Twist: „Hien huet mir all zwou Wochen ugeruff. A mech perséinlech ëmmer opgebaut: ‚Du muss e Film maachen.‘ Hie war e grousse Fan vu mir, mee ech och vun him.“

Leo Folschette starb kurz vor Silvester, einige Jahre nach seiner Ehefrau. Er hinterlässt drei Töchter, darunter die Fotografin und Filmemacherin Lisa Folschette. In deren Kurzfilm Haut ass den Dag empfängt Folschette als Arzt einen Alkoholkranken.

Frédéric Braun
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