Die kleine Zeitzeugin

Winteraufsatz

d'Lëtzebuerger Land du 16.01.2026

Der Schnee ist weiß wie Schnee. Krk macht er beim Stapfen, im Schnee wird bekanntlich gestapft. Krk, sagt der Schnee. Das reicht, was will man mehr hören, mehr wissen, was will man mehr? Kein Venezuela Grönland Gaza, kein Israel kein Iran, keine lächelnde junge Frau in einem Auto. Stapfstapf krk krk.

Ein Winter wie damals. Wer behauptet, einst wären die Winter gewesen wie einst? Der auch schon Anfang der Sechziger alles beherrschenden nieselnden Trübsal verwehrte die Bomi zutiefst verächtlich den Ehrentitel Winter. Und doch, hin und wieder, höchst selten brach so ein Ausnahmezustand aus. Es schneit! Alarm! Kind muss raus! Bebrillter Bücherwurm muss raus, aus wohliger Bücherhöhle hinaus ins fröhliche Leben! Weil Bewegung. Weil gesund. Weil Schnee. Weil Schnee schön! Im schönen Schnee ist es kalt, ist es finster, es kratzen die Wollmützen, es kratzen die Schals, Schneekugeln, euphemistisch -bälle genannt, pfeifen um die Ohren. Während das Kind, ungelenk in Handschuhtatzen, den Holzschlitten den vereisten Hügel hochzerrt, die Großen Bösen Buben donnern ihr entgegen. Dann liegt es im Schnee, und alles tut weh.

Es schneit! All die Schrecken, die zu einer zünftigen rotbackigen Bilderbuchwinterkindheit gehörten, mussten absolviert werden. Schlitten, Schneemann, Schneeballschlachten, wie es so unverhohlen hieß. Tristes Herumrutschen auf dem bisschen Eis, so würde ich Hans-Jürgen Bäumler nie betören! Als Abschluss-Ritual das große Eingeseiftwerden durch Großen Bruder und seine Gang.

Juhu, wir gehen rodeln! Pyjama unter der Hose. Von fetter Nässe vollgesogene Wäsche. Zwei Paar Wollsocken. Tiefgefroren, erstarrt, Eisklumpen, die in Bächen den Nacken hinunter rinnen, rote rohe Fingerknöchel, abgestorbene Zehen, werden sie amputiert? Und natürlich de Neelchen. Mit welch präzisem Wort die luxemburgische Sprache die Peinigung von von Eiseskälte genagelten Fingern beschreibt, diese subtilste Frostfolter!

Weiße Hölle Bullerbü. Und bei all dem jauchzen! Das einzig Schöne sind die weißen Sterne in den Haaren.

Und manche können nicht mehr aufhören, selbst im Erwachsenenalter machen sie weiter, freiwillig, adäquat aufgerüstet, in der gerade aktuellen Montur, versehen mit allen Attributen und Bestecken mit denen man wehrlosen Bergrücken zu Leibe rücken kann. Suchen sg. Schigebiete heim, kaufen sich Schnee, teuren echten oder teuren künstlichen, steigen auf Bretter, brettern runter, steigen auf Berge, nein, natürlich nicht, lassen sich hochziehen hochhieven hängen im Nichts, zahlen viel, und das Ganze noch mal und noch mal und noch mal. Und die Hänge der Berge sind gespickt von schrillen Schreckgespenstern, dem grellen Spuk des Winters. Stauen sich in Hütten, die aus Beton sind, kippen sich Promille in den Schlund bis sie den Schreihals aushalten, der dauernd plärrt, er sei der Anton aus Tirol. Seit Jahrzehnten plärrt er das. Und ab und zu kommt eine Lawine, und Ruhe ist.

Und irgendwo geht Menschenkind gemessenen Schrittes durch den Schnee, schreitet durch den Schnee, stapft durch den Schnee. Er ist schneeweiß. Er fällt in fetten Flocken, er ist sanft und tröstlich und all das, was Schnee sein soll, wie wir ihn wollen und bestellen und buchen für unser inneres Weihnachten, für unser inneres Kind. Und er ist der Schnee allen Schnees, er ist so Schnee, er hört nicht auf, es hört nicht auf, krkkrk, sagt das Styropor, wie ein Leichentuch, steht es in den alten Büchern. Und die Augen sind voll Schnee, weiße Narkose.

Und es kommt so ein Robert-Walser-Moment, der verführerisch ist. Robert Walser, der Schweizer Schriftsteller, der so zart, zärtlich, wundersam eigentümlich schrieb, mit großer Liebe auch über den Schnee, starb Weihnachten vor fünfzig Jahren im Schnee. „Eine prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen im Schnee. Das ist das Beste, was du tun konntest“, schrieb er in seinem Roman Die Geschwister Tanner als junger Autor.

Vielleicht an der Zeit, nach Hause zu gehen. Mal nach Grönland sehen.

Michèle Thoma
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