Schulrentrée 2005/06

Sturm im Herbst?

d'Lëtzebuerger Land du 15.09.2005

Der erste Eindruck zählt. Diese Lebensweisheit hat sich Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres offenbar zu Herzen genommen: Gut gelaunt, in gelbem Kostüm und mit zackig kurz geschnittenen Haaren präsentierte sie am vergangenen Mittwoch ihre Schwerpunkte zur Schul-"Rentrée" 2005/2006. Deren diesjähriges Motto lautet: "Gerechtegkeet an Efficacitéit an eiser Schoul". Dahinter verbirgt sich eine ganzes Bündel von bereits begonnenen und neuen Maßnahmen, die laut Ministerium vor allem eines zum Ziel haben: bestehende Ungleichheiten und Ungleichheiten des Luxemburger Schulsystems allmählich zu kor-rigieren und allen Schülerinnen und Schülern eine Qualifikation "entsprechend ihren Fähigkeiten" zu ermöglichen. Wie groß der Druck ist, der derzeit auf der öffentlichen Schule lastet, zeigen nicht nur Pisa und rezente Zahlen über die zahlreichen Sitzenbleiber. Eine weitere interne Studie des Ministeriums hat ergeben, das von 1 200 Schulabbrechern 322, also fast ein Viertel, weder arbeitet, noch sich weiterqualifiziert. Verbesserte - und kontrollierte - Qualität im Unterricht, verbindliche Bildungsstandards für sämtliche Fächer und Schulzweige, aber auch alternative Schulprojekte mit anderen Unterrichtsmethoden wie das "Neie Lycée", das mit einem Tag der Offenen Tür am Mittwoch ebenfalls seinen Start feierte, sollen beim bereits unter Ex-Ministerin Anne Brasseur (DP) erklärten Kampf gegen den Échec scolaire helfen. Auch die geänderten Promotionskriterien, das betonte Delvaux-Stehres insbesondere in Richtung Lehrerschaft, seien als ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit zu verstehen. Die beiden Lehrergewerkschaften Apess und SEW hatten ein entsprechendes Reglement grand-ducal vom Sommer, das die Kompensation von schlechten Noten durch gute vorsieht und in diesem Schuljahr erstmals Anwendung findet, scharf kritisiert, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Die beiden größten Würfe dürften jedoch die geplante Reform des Primärunterrichts und die Analyse der Sprachensituation sein. Bereits im November/Dezember wird die provisorische Version einer vom Europarat angefertigte Sprachenstudie über Luxemburg der Öffentlichkeit vorliegen. Diese soll als Grundlage dienen, um die Sprachdiskussion neu aufzurollen. Dabei geht es insbesondere darum, zu bestimmen, ob und wie gut die Schüler tatsächlich die Mehrsprachigkeit mit Deutsch, Französisch, Luxemburgisch und Englisch bewältigen und gegebenenfalls sprachliche Lehrinhalte zu modifizieren. Viele Französischlehrer diskutieren schon jetzt aufgeregt über mögliche Veränderungen. Sie sorgen sich um einen weiteren Abbau ihres Faches. Sollte die für 2006 geplante, in Vortests bereits erfolgreich vorbereitete Pirls-Lesestudie (Progress in international reading literacy study) bei den Neun- und Zehnjährigen tatsächlich kommen - die Finanzierung ist abhängig vom Budget 2006 -, dürften auch die Grundschullehrer im nächsten Jahr reichlich Gesprächsstoff  haben. Insider unken bereits, dass die Pirls-Ergebnisse ähnlich katastrophal wie die erste Pisa-Studie ausfallen könnten. Für die Ministerin bedeutet das, sich für die kommende Jahreszeit warm anzuziehen. Nach den heftigen Auslassungen vor allem der traditionalistischen Gewerkschaft Apess gegenüber den Vorgaben bezüglich der Hausaufgaben (d’Land vom 6. Mai 2005) und der Modellschule Neie Lycée, zeigt die erneute Aufregung um die Promotionskriterien: Die Lehrergewerkschaften beäugen die Bildungsbaustellen misstrauisch und zunehmend sogar skeptisch. Ohne die Mehrheit der Lehrerschaft aber ist, auf lange Sicht, jegliche Reform wirkungslos.

Ines Kurschat
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