Die Kleine Zeitzeugin

Nachrichten aus dem Zwischenreich

d'Lëtzebuerger Land du 26.08.2022

Es sind 35 Grad, und die Politiker/innen sagen, wir müssten uns warm anziehen. Jahrelang haben wir gelernt, Hände zu waschen. Jetzt neue Anweisungen: kalt, eher kurz. Waschlappen benutzen und keine sein, schon gar keine Warmduscher/innen. Es wird empfohlen, mit Deckel auf dem Topf zu kochen.

Wir fahren durch interessante Landschaften, sie sind sehr nah und doch eigentümlich fremd. Das Fell ist räudig, kleine Steppen sind entstanden. Spannende kleine Tiere und große Pflanzen werden gesichtet, sie sind erst vor kurzem eingezogen. Ab und zu steht eine verwirrte analoge Kuh herum. An den Straßenrändern verbrannte Wedel. Wenn der Himmel offen wird und weit und leer, ist er plötzlich besetzt. Eingenommen. Als hätten unsere Weltraumfreunde, die Alienas, freundlich übernommen. Mit konstruktiven Ideen. Der Himmel wird fleißig umgerührt, er wird sogar gerädert. Nicht mal der Himmel hat seine Ruhe, denken die Bornierten, die Unflexiblen.

Es ist sechs Monate her, dass Annalena Bärinziege uns eines Morgens mitteilte, dass wir in einer anderen Welt aufgewacht seien. Jetzt hat der Krieg schon Geburtstag. Er ist ein halbes Jahr alt und es gibt Retrospektiven wie bei einer Institution oder einer guten, alten Tradition. Ein deutsches Medium lässt seine Leser/innen abstimmen, ob es in Saporischja zu einem Supergau kommt. Supergau Ja oder Nein. Der deutsche Kanzler drückt Klinken. Winter: Das klingt jetzt wie in der Urzeit. Als Höhlenmenschlein noch angststarr vor der immer schwärzeren Tiefe, der immer tieferen Schwärze, vor diesem Schwarzen Loch sich auf die Knie schmiss und sich vorstotterte bis zum Gebet.

Die Menschen sind plötzlich auch andere geworden, obwohl die ersten Post-Covid-Diagnosen diesbezüglich alles andere als ermutigend waren. In dieser langen Zeit ohne alles, ohne alle, in der sie vorwiegend mit sich selber sprachen und jede/r sich um sich selber drehte, scheinen ein paar Grundgewissheiten abhanden gekommen zu sein. Zum Beispiel die, dass man in aller gottlosen Frühe das Haus zu verlassen hat, um sich am Abend ein Stück aufgewärmte Pappe, von Positivdenker/innen Pizza geheißen, in den Rachen zu schieben. Um am Abend die Familie, die man mit dieser Fron ernährt, gründlich zu hassen. Dazwischen etwas, wovon die meisten am liebsten nicht reden. Etwas, wo das einzig Gute dran ist, dass es ab und zu aufhört. Es hat mit ihnen nichts zu tun. Sie tun es nur.

Anscheinend sind die Menschen nicht mehr arbeitsmoralisch. Sie reißen sich nicht mehr darum, in einem Großraumbüro unterzukommen, sich für Sieche aufzuopfern, kleine Kinder auszuhalten oder in Großküchen, in denen der Chef ihnen die Hölle noch heißer macht, Leichenteile aufzupeppen. Plötzlich haben alle keine Lust mehr. Das große Null Bock hat weite Teile der Bevölkerung erfasst, nicht mehr nur die, die früher mit Stacheln auf der Glatze und friedlichen Hunden in Fußgängerzonen lagerten. Wirtschaft und Politik grübeln und suchen nach einem Rezept, wie man die störrischen Nutzmenschen wieder in die Anbindehaltung bringt. Von den Roboter/innen, von denen man sich noch vor nicht allzu langer Zeit vieles, beinahe alles erwartete, ist überhaupt nicht mehr die Rede. Während manche Philosoph/innen größtes Verständnis zeigen, manche gar die Befreiung in Aussicht stellen.

Work-Life-Balance galt doch noch vor kurzem als fortschrittliches Lebenskonzept. Wenn jetzt aber der Lagerarbeiter und die WC-Anlagenmanagerin auch darauf kommen, dass mit dem Hund spazieren zu gehen oder Kunstwerke am Fluss anzuschauen oder solche Kunstwerke selber zu erschaffen mindestens ebenso schön ist wie das Schaffengehen, ist Schluss mit Lustig! Die Leute werden immer unverschämter.

Zugleich immer rücksichtsvoller. Während wir uns bei Tropentemperaturen unter Novemberbäumen bewegen, während analoge Kriege in der Nachbarschaft stattfinden, werden wir immer sensibler; es ist sehr kräftezehrend. Hochsensibel, sogar der Anblick eines Zopfes auf einem Kopf kann uns Unwohlsein verschaffen.

Präsident Macron verkündet das Ende der fetten Jahre. Noch schlimmer, der Sorglosigkeit.

Michèle Thoma
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