Landstraßen bieten Fahrgenuss. Aber sie sind nicht ungefährlich, wie die Statistik zeigt

„Eng Rei Accidenter uechter d’Land“

d'Lëtzebuerger Land du 23.01.2026

Langsam rollt der Renault Clio zum Stoppschild an der Parkplatz-Ausfahrt des Pallcenter an diesem dritten Samstag im Januar. Nicht wenige Autos sind auf der Dorfstraße unterwegs; nicht nur, weil Oberpallen für seine Größe einen überdimensionierten Supermarkt beherbergt, sondern auch, weil das 430-Seelen-Dorf an der Grenze zu Belgien gleich drei Tankstellen zählt. Mit zwanzig Stundenkilometer fahre ich zum Kreisverkehr vor – vorsichtig, denn über den davorgelegenen Zebrastreifen schieben Kunden ihre Einkaufswagen zu einem Parkplatz. Nun geht es die zweite Ausfahrt Richtung Ell; die Aufmerksamkeit lässt leicht nach – nur eine Hand hält das Lenkrad, die Erwartung, dass Menschen die Straße überqueren wollen, schrumpft. Ein dunkel gekleideter Rennradfahrer taucht am Seitenrand auf. Also doch: Aufpassen.

Am Straßenschild mit der 50-km/h-Beschränkung vorbeigefahren, schießt der Tacho auf 90 hoch. Angefeuchtet durch Tau leuchten die Wiesen saftig grün, der Himmel ist klar. Ich wähne mich sicher – was kann schon passieren? Nur wenige Autos sind unterwegs. Das Verhältnis zwischen Straße, Auto und mir verschmilzt zusehends; schnell ist nicht das Auto, das bin ich. Hinter dem Lenkrad sitzen, heißt frei sein – und so sinke auch ich in dieses verführerische und vollkommen trügerische Gefühl. Eine verkörperte Illusion. Bukolisch steht die Levelinger Bushaltestelle einen Kilometer außerhalb des Dorfrands an der Landstraße. Ein weißer Mercedes Break fährt nun dicht auf. Der Tacho steigt weiter. Kurz vor der Eller Dorfeinfahrt setzt der Mercedes zum Überholen an; dabei ist die Sicht nun durch Bewaldung und Kurven versperrt. Er rast mit weit mehr als 100 Stundenkilometer an mir vorbei. Es scheint, als seien die subjektive Einschätzung des Mercedes-Fahrers und die objektiven Gegebenheiten nicht stimmig.

Und wahrscheinlich ist diese Unstimmigkeit nicht selten an Unfällen beteiligt. Zwischen 2018 und 2024 starben im Schnitt 26 Menschen pro Jahr an Verkehrsunfällen (insgesamt 181), wie es in einem Synthesebericht des Mobilitätsministeriums und Statec heißt. Zumeist ereignen sich tödliche Unfälle auf Landstraßen, in dem untersuchten Zeitraum waren es 47 von 125 Verkehrstoten (Motorradfahrer ausgenommen). Auch kleinere sogenannte CR-Straßen, die zwei Ortschaften miteinander verbinden, tauchen vorne in der Statistik auf, dort starben 43 Autoinsassen. Und auf den hiesigen Autobahnen starben vergleichsweise wenige, insgesamt 19. Die Hauptursachen tödlicher Unfälle sind überhöhte Geschwindigkeit, Trunkenheit am Steuer und Zerstreutheit. An Tagen, an denen die Sonne den Asphalt in ein helleres Grau verwandelt, scheint es allgemein mehr Unfälle zu geben; so dokumentierte das Statec im Frühjahr 2024 105 Unfälle, im Winter zuvor waren es halb so viele. Statistikexperten warnen jedoch vor voreiligen Schlüssen: Zwar werden in absoluten Zahlen im Frühjahr und Sommer mehr Unfälle registriert, doch in diesen Jahreszeiten werden in der Regel auch deutlich mehr Kilometer zurückgelegt.

In den Jahren 2018 bis 2024 fällt zudem eine eindeutige Geschlechterdifferenz auf: Männer starben mehr als doppelt so häufig bei Autounfällen wie Frauen, bei Motorradunfällen sogar viermal so häufig. In den Nachbarländern zeigen sich ähnliche Verhältnisse. Das österreichische Momentum-Institut hat ermittelt, dass Männer zwar rund ein Viertel mehr Kilometer fahren als Frauen; rechne man diese Mehrkilometer heraus, verursachten sie dennoch anderthalbmal häufiger Unfälle, da sie risikofreudiger unterwegs sind.

Ausfahrt Redingen Richtung Reicheldingen. Die Konzentration aufs Fahren nimmt ab; ich kenne die Strecke, keine Bäume säumen die Straße, keine steilen Kurven werden mich überraschen. Durch die Lautsprecher singen die Dum Dum Girls: „Take me out tonight / Where there’s music and there’s people / And the young are alive.“ Wie so oft – der Songtext passt weder zur Landschaft noch zur Tageszeit. Die Gedanken driften ab, reisen in die Vergangenheit, in die Zukunft; das Autofahren eröffnet einen imaginären Raum voller Erinnerungen und Zukunftsprojektionen: Wäre es nicht sinnvoll … und überhaupt … habe ich nicht vergessen … man müsste mal nachlesen … aber das ist ja erst nächsten Freitag … was hatte er noch mal geantwortet, als … In seiner Blechkapsel bewegt man sich durch Gedankenlandschaften – geschützt vor der Außenwelt, während man diese zugleich aus sicherer Distanz an sich vorbeiziehen sieht.

Irgendwo zwischen mentaler Alltagsplanung und Tagträumerei befand sich vermutlich die 77-Jährige, die am Donnerstag zwischen Büderscheid und Heiderscheid unterwegs war. Es sollte das letzte Mal sein. Am Abend leuchtete auf der RTL-Webseite das Bild eines roten Kleinwagens auf: Die Front ist zerfleddert, eine Unzahl zerquetschter Blechteile umgibt das Auto. Der weiße Airbag hängt schlaff am Lenkrad. „77-jährige Frau stirbt nach Frontalzusammenstoß“, titelt das Nachrichtenportal. Der Anblick des Fotos stimmt nachdenklich – man ahnt, was sich dahinter verbirgt: Die letzten Sekunden einer alten Frau enden in Angst und Schrecken, möglicherweise auch in qualvollen Schmerzen. Andere Beispiele finden sich im Synthesebericht des Verkehrsministeriums. Dort wird für Juli 2024 nüchtern festgehalten: „Ein Kleinwagen war auf der CR119 zwischen Imbringen und Altlinster unterwegs.“ Der Fahrer „verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug“ und „prallte gegen einen Baum“. Er „starb noch am Unfallort“. Zwei Monate später heißt es: Ein Kleinwagen fuhr auf der N13 zwischen Fennange und Bettembourg. In einer Linkskurve geriet das Fahrzeug aus seiner Bahn „und kollidierte mit einem SUV“. Und erneut starb der Insasse am Unfallort.

Ob Automobilisten viele Unfälle verursachen und wie diese einzuordnen seien – darüber wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert. Im Februar 1912 kam es in der Kammer zu einer heftigen Auseinandersetzung, wie der Historiker Paul Spang in einer Artikelserie zur Verkehrsgeschichte nachzeichnete. Der Abgeordnete Eugène Steichen beklagte, dass es ständig zu Unfällen komme, was der Textilunternehmer und Abgeordnete Nicolas Ludovicy nicht gelten ließ – es würden lediglich ein paar Straßenhähne zu Tode kommen. Der Echternacher Abgeordnete Joseph Brincour meinte seinerseits, dass man beim Publikum gut ankomme, wenn man eine Rede gegen das Automobil halte, wie Spang wiedergab. Andere Kammerabgeordnete verteidigten das Auto wiederum als Fortschrittsversprechen, etwa der Notar und Abgeordnete Henri Knepper. Dieser war der Ansicht, die „ausländische Skandalpresse“ würde Verkehrsunfälle hochjazzen; es gehe eine unbegründete Furcht um, im Großherzogtum würden in jedem Augenblick Personen, und Tiere überfahren.

1903 wurden erstmals Verkehrsregeln für „Motorwagen und Fuhrwerke jeglicher Art“ festgelegt. Diese sollten fortan mit „einem Signalhorn versehen sein“, das „auf 50 Meter hörbar“ ist. Zudem sollte man auf „offener Straße“ nicht schneller als „35 Stundenkilometer“ unterwegs sein; in Ortschaften hingegen dürfe man „ein trabendes Pferd auf keinen Fall überbieten“. Eine Prüfung, um die Fahrerlaubnis zu erlangen, mustte ab 1907 abgelegt werden, jedoch ohne zuvor eine Fahrschule zu besuchen. Der erste Führerschein ging am 25. Januar 1907 an den in Niederwiltz geborenen Joseph Glesener. Erst 1955 erhielt Luxemburg eine ausgefeilte Gesetzgebung – den „Code de la Route“. Doch die Gesetze war damals noch großzügig gegenüber den motorisierten Verkehrsteilnehmern. Nachdem im Jahr 1970 auf Luxemburgs Straßen 135 Menschen ums Leben kamen, erregte diese Zahl mediales Aufsehen, wie Paul Hamelmann vor einem Jahr im Land darlegte. Die Politik reagierte nun aber und legte strengere Sanktionen fest: Dazu zählten unter anderem die Begrenzung des zulässigen Blutalkoholwertes beim Fahren auf 0,8 Promille sowie die Einführung der Anschnallpflicht auf den Vordersitzen. Für letztere Maßnahme erhielt der DP-Minister Marcel Mart sogar Morddrohungen.

Nun fahre ich durch mein Kindheitsdorf; der Kopf dreht sich nach links, steht jemand in seiner Einfahrt, seinem Garten, seinem Fenster? Der Kopf dreht sich nach rechts, hat meine Cousine ihre Pferde schon auf die Weide gebracht? Jemand hat seine Betonmaschine in die Straße vor sein Scheunentor gestellt – auf Nebenstraßen nimmt man es nicht so genau mit der Mobilitätsexklusivität auf dem Asphalt. Zwei mir bekannte Bauern mit Mist an ihren Stiefeln laufen über die Dorfstraße. Nun ganz lässig winken.

Zerstreutheit – ein Grund für Unfälle. Dabei scheint ein Faktor für tödliche Unfälle im Synthesebericht des Mobilitätsministeriums noch nicht ausreichend untersucht zu sein:Das Wort „Smartphone“ taucht darin nicht einmal auf – aber das Anklicken von Whatsapp, Spotify oder TikTok dürfte auch während Fahrten vorkommen. Wildtiere, die vor ein Auto springen, werden im Bericht ebenfalls nicht erwähnt. Aber wie kommt es, dass Fahrer trotz freier Straßen Bremsspuren hinterlassen und tödlich verunglücken? Auffällig ist zudem eine weitere Zahl in den Statistiken: 27 der Verkehrstoten waren nicht angeschnallt. Handelt es sich hierbei in einigen Fällen vielleicht um camouflierte Suizide? Diese Möglichkeit wird im Bericht nicht angesprochen.

Dennoch wurde die Smartphone-Nutzung als Gefahr im Straßenverkehr erkannt. Die Sécurité Routière plante für September – also zum Beginn des Schuljahres – eine Aufklärungskampagne. Anfang Dezember kam es zudem zu einer breiteren Debatte über die Smartphone-Nutzung, nachdem innerhalb einer Woche neun Fußgänger verletzt worden waren. Inwiefern Smartphones dabei eine Rolle spielten, etwa weil jemand eine Nachricht gelesen oder getippt hatte oder mit Kopfhörern unterwegs war, blieb unklar. Derzeit zahlt ein Fahrer mit Telefon in der Hand 250 Euro Strafe. Paul Hamelmann plädierte dafür, die Strafen demnächst auf Fußgänger auszuweiten, „op deene Plazen, wou eng Gefor fir ee besteet“, beispielsweise auf Fußgängerüberwegen.

Diese Woche ging es mit zerbeulten Autos und verletzten Insassen nahtlos weiter. „Fënnef Blesséierter bei Accidenter am Laf vun engem Méindegmoien bei enger Rei Accidenter uechter d’Land“, meldete RTL. Um Viertel vor sieben fuhr in der Ortsmitte von Reckingen ein Fahrzeug gegen einen Baum, drei Stunden später kam es zu „engem schroen Accident“ auf einer Landstraße. Während des Schreibens dieser Zeilen trifft ein Presseschreiben des CGDIS ein: Auf der N7 in der Nähe von Hoscheid-Dickt sind vier Autos kollidiert. Drei Personen wurden von den Rettungsdiensten ins Krankenhaus gebracht – „dorënner op d’mannst eng, déi schwéier blesséiert war“, kommentierte RTL im Anschluss. Bevor dieser Text in den Druck ging, meldete das CGDIS sieben weitere Unfälle und fünf Verletzte.

Stéphanie Majerus
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