Wie gewaltige Eichenkronen erheben sich die rot- und ockerfarbenen Gewölbe über zwei Säulen und gliedern die dreischiffige Pfarrkirche in zwei Joche. Das vordere wird von einem einfachen Kreuzgewölbe überspannt, das hintere von einem komplexen Netz aus Liernen und Tiercerons, jenen diagonal verlaufenden Rippen, die in der Gotik zu kunstvollen Stern- und Netzgewölben führen. Die Gewölbe ziehen sich wie ein filigranes System über den gesamten Raum und lenken den Blick immer wieder auf die Schlusssteine, die mit einer Pietà, einem heiligen Bartholomäus, einem Sonnengesicht oder einem Menschenkopf geschmückt sind.
An den Seiten fallen die Bögen auf Schlussfiguren, von denen einige, darunter ein Sankt Hubertus, noch erhalten sind. Mittig münden sie in die Säulen, deren Kapitelle besondere Geschichten erzählen: Das rechte zeigt eine rätselhafte Maskenszene. Ein Ritter und ein Mönch ziehen einer Maske die gespaltene Zunge heraus. Wahrscheinlich ein Hinweis auf den Ordnungsanspruch durch weltliche und geistliche Macht. Das linke Kapitell stellt den heiligen Hubertus auf der Hirschjagd dar, das Tier mit dem Kreuz im Geweih.
Plötzlich erlöschen die Scheinwerfer erneut, bereits nach wenigen Minuten. Der Bestechungsversuch mit einer Zwei-Euro-Münze am Zeitschalter bleibt offenbar wirkungslos. Wie die göttliche Gnade ist auch das Licht in Rindschleiden eine Seltenheit. Im Halbdunkel der Kirche versuchen wir dennoch, uns einen Eindruck von den eben noch leuchtenden Fresken zu verschaffen, die nun wieder ins Dämmerlicht zurückgetreten sind.
Im Dezember 1952 wurden sie zufällig wiederentdeckt: Bei Renovierungsarbeiten kratzten Maler den Putz von den Innenwänden und stießen auf Farbschichten. Die knapp 170 Quadratmeter umfassenden Malereien bilden das größte zusammenhängende Freskenensemble Luxemburgs. Zunächst traten an der Turmwand Reste eines Abendmahls zutage sowie Einzelszenen in den Gewölbefeldern, darunter der heilige Willibrord, alttestamentarische Szenen wie die Auferstehung Lazarus’, ein Zyklus von Legenden von Joachim und Anna, das Manna in der Wüste und Heiligenfiguren wie die Diakone Stephanus und Laurentius im Chor.
Pfarrer Alois Herber alarmierte sofort die Behörden, und Fachrestaurator Edmond Goergen aus dem Staatsmuseum machte sich umgehend auf den Weg nach Rindschleiden. Der Archäologe Ernst Rink und Bischofskoadjutor Léon Lommel gehörten ebenfalls zu den ersten, die die Fresken untersuchten. Die Bedeutung des Fundes war sofort klar: Hier hatte man ein seltenes mittelalterliches Zeugnis wiederentdeckt, wie es in Luxemburg sonst kaum zu finden ist.
Überraschenderweise sind die Fresken im Chor zugleich das älteste und wertvollste Zeugnis der Kirche. Im 15. Jahrhundert war der Chor, ebenfalls mit einem einfachen Kreuzrippengewölbe versehen, bis zum Boden vollständig ausgemalt. Große Teile der Malereien gingen jedoch im 18. Jahrhundert und bei einer Renovierung im Jahr 1936 verloren. Um die Fenster zu vergrößern, riss man das mittlere Register unwiederbringlich auf. Vermutlich waren die Wände bereits damals weiß übertüncht, denn im Barock wurden helle, klare Kirchenräume bevorzugt.
Besonders schmerzlich ist der Verlust des hinteren Gewölbeteils direkt über dem Altar, der vermutlich die zentrale Darstellung (Christus oder das Heilige Lamm) zeigte. Das linke Gewölbe ist von besonderer Bedeutung, da dort der Stifter Philip von Elffingen kniend vor Petrus dargestellt ist. Darüber spannt sich, wie auf den drei übrigen erhaltenen Gewölben, ein Sternenhimmel: ein Engel mit Weihrauchschwenker, der beflügelte Evangelist Matthäus mit krausem Haar in schöner Robe und daneben der Adler des Johannes. Nur für den Priester sichtbar, verbirgt sich im hinter dem Chorbogen liegenden Gewölbe die Krönung Mariens. Rechts daneben ersticht der heilige Georg zu Ross den Drachen, während im unteren Register bruchstückhaft Kreuzstationen zu erkennen sind.
Die Kirche von Rindschleiden stammt vermutlich aus dem 10. Jahrhundert. Obwohl sie heute dem heiligen Willibrord geweiht ist, gibt es keine Belege für eine Gründung durch ihn. Frühere Patrozinien galten etwa „allen lieben Heiligen“ oder dem heiligen Christophorus. Die erste urkundliche Erwähnung datiert vom Jahr 959; ein direkter Zusammenhang mit Echternach ist damit auszuschließen. Nach heutigem Forschungsstand wurde die Kirche von den Herren von Esch-Sauer gegründet und gehörte kirchlich zum Bistum Trier. Pilgerreisen nach Echternach sind jedoch bereits im 12. Jahrhundert belegt.
Die Architektur der Kirche zeigt mehrere Bauphasen: eine ursprüngliche romanische Kirche, einen später romanischen Turm, einen spätgotischen Chor aus dem 14. Jahrhundert und die Verbreiterung zur dreischiffigen Hallenkirche im Jahr 1535 (wie ein Schlussstein belegt).
Rindschleiden selbst war nie mehr als ein kleines Dorf mit wenigen Häusern, was die prachtvollen Fresken im Innern umso erstaunlicher macht. 1431 erwarb Philip von Elffingen die Pfarrkirche und übertrug sie dem Deutschen Orden, dessen Komtur er in Luxemburg wurde. Um 1434 begann er mit dem Umbau der romanischen Kirche und ließ den gotischen Chor errichten, in dem er selbst verewigt ist. Der Rest der romanischen Apsis ist noch heute sichtbar. Elffingen war ein wohlhabender Mann, der sogar als Schuldengarant für Elisabeth von Görlitz fungierte und im Umfeld Kaiser Sigismunds in Nürnberg mit zeitgenössischer Kunst in Berührung kam. Er starb 1440. Erst rund ein Jahrhundert später ließ der Deutsche Orden Kirche und Fresken vollenden. Warum ausgerechnet hier, an einem nahezu vergessenen Ort, bleibt eines der großen Rätsel von Rindschleiden.
Der Deutsche Orden, ursprünglich im Heiligen Land gegründet, errichtete später im Baltikum einen eigenen Ordensstaat. Mit der Marienburg (Malbork) verfügte er über einen der mächtigsten Herrschaftssitze des Mittelalters. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg/Grunwald 1410 und weiteren Rückschlägen verlor der Orden zunehmend an politischem Einfluss. Schließlich zog er sich aus der weltlichen Herrschaft zurück und konzentrierte sich in anderen Regionen, darunter Luxemburg, auf kirchliche, soziale und wirtschaftliche Aufgaben. Im Luxemburger Stadtteil Grund betrieb er ein Bürgerhospital. Dennoch bleibt die Frage: Warum investierte er ausgerechnet in diesem kesselförmigen Dorf derart massiv?
Nichtsahnend drücken wir den Knopf eines Sprechautomaten neben dem rechten Seitenaltar. Unter dröhnender Orgelmusik erzählt eine erdige Stimme von vorchristlichen Menschenopfern an diesem Ort. Wir drücken auf „Stopp“. Die Erzählung stammt aus Nikolaus Gredts Sagenschatz des Luxemburger Landes, in dem die Gründung der Kirche dem heiligen Willibrord zugeschrieben wird. „Aber die Heiden lachten über seine Predigten“, heißt es dort. Willibrord habe die Götzenbilder gestürzt und seine Hand ins Feuer gehalten, worauf dieses erlosch. Und mit ihm das Licht?
Heute beeindruckt dieser frömmelnde Ton in Rindschleiden niemanden mehr. Die Bewohner sind längst tot; als letzter starb 2016 Abbé Adolphe Goffin. Mit Diva Romaine Zieser, die ein Jahr zuvor ihr kokettes Bistrot MiRo nebenan eröffnet hatte, liegt jedoch wieder eine gewisse Spannung in der Luft. Ohne die Kirche verlöre das Café seinen Reiz; ohne das Café kämen umgekehrt viele Besucher der Fresken nie in Versuchung. Das Bistrot MiRo lebt von diesem Gegensatz: dort die dunkle Höhle des Patriarchats, hier die warme Stube einer Marlene-Verehrerin. Dort die Verführerin, hier der Versuchbare?
Ganz so einfach ist es freilich nicht. Und es ist keineswegs das erste Mal, dass Rindschleiden durch eine Frau ins Rampenlicht rückt. Die vorangegangenen Ausführungen stützen sich wesentlich auf die Studie von Blanche Weicherding-Goergen1. 1940 in Luxemburg-Stadt geboren, erlebte sie als Jugendliche die Wiederentdeckung der Fresken hautnah. Als Tochter des Restaurators, Malers und Resistenzlers Edmond Goergen prägte dieses Erlebnis sie nachhaltig. Sie studierte Archäologie und Kunstgeschichte an der École du Louvre in Paris und schloss mit einer Arbeit über die illuminierten Handschriften der Nationalbibliothek ab.
Die Idee einer Monografie über Rindschleiden beschäftigte sie lange. Zu spärlich erschienen ihr die historischen Quellen. Doch die frühe Erfahrung ließ sie nicht los: „C’est en m’emmenant dès l’âge de douze ans à Rindschleiden, en me laissant monter près de lui sur les échafaudages, qu’il m’a appris à aimer l’archéologie médiévale, l’histoire de l’art, la restauration et la conservation des monuments historiques (…)“, schreibt sie anerkennend über ihren Vater. „Ces fresques m’ont si profondément impressionnée et elles ont si sensiblement marqué la direction de mes études, qu’il était presque un devoir pour moi d’écrire cette monographie.“
Dass das im Eingangsbereich ausliegende Informationsblatt zwar aus ihrem Buch zitiert, ihren Namen jedoch verschweigt, ist ein weiteres Detail, das Romaine und ihrem nebenan gepredigten „Evangelium der Nacht“ Recht zu geben scheint. Doch entscheidender ist etwas anderes: Rindschleiden geht uns alle an. Oder anders gesagt: Die Fresken haben uns kaum noch etwas mitzuteilen, wenn wir das biblische Vokabular, das zu ihrer Entschlüsselung nötig ist, nicht mehr beherrschen.
Vielleicht liegt hierin des Rätsels Lösung. Vielleicht pflanzte jemand vor fünfhundert Jahren, als der Deutsche Orden nur noch ein Schatten seiner selbst war, bewusst ein solches Kunstwerk in die Öslinger „Wüste“. Vielleicht hat auch Dan Brown eine Theorie. Zwar ranken sich um den Deutschen Orden keine Legenden verschollener Schätze wie um die Templer – aber wer weiß: Vielleicht ist Rindschleiden Teil eines europaweiten Koordinatensystems, dessen Linien man nur verbinden muss, um den Gral zu finden...
Wir jedenfalls halten uns lieber an den kulturwissenschaftlichen Appell, der von Rindschleiden ausgeht. „La fresque est un art local par excellence“, schreibt Blanche Weicherding-Goergen. In Luxemburg ist dieses Lokale besonders fragil: Es gab (mit Ausnahme Echternachs) keine Malerwerkstätte, vieles ist verschwunden, mittelalterliche Glasfenster sind selten, Tapisserien ebenso. Fresken lassen sich nicht einfach entfernen. Oder doch: In Rollingen, wo der Deutsche Orden ebenfalls Schirmherr einer mit Fresken ausgestatteten Kirche war, wurde das Gebäude abgerissen. Umso bedeutender ist, was in Rindschleiden geblieben ist. Und umso größer ist das, was hier auf dem Spiel steht.