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Warten auf Befreiung

d'Lëtzebuerger Land vom 09.09.2022

Eigentlich ist das Tham-Luang Höhlensystem in Thailand ungefährlich, bei Trockenheit lässt es sich sogar ganz unbeschwert durchqueren. Nicht so aber bei starken Regenschauern, dem Monsun, der die thailändische Berglandschaft in regelmäßigen Abständen heimsucht. 2018 wurde das zwölf Kindern und deren Fußballtrainer, der die Gruppe führte, schmerzlich bewusst, als sie bereits etliche Meter in das Tunnelsystem vorgedrungen waren. Durch den Starkregen, der die Grotte überflutete, waren sie dem sicheren Tod ausgeliefert. Durch eine großangelegte Rettungsaktion, die die Welt während rund achtzehn Tagen den Atem anhalten ließ, schrieb das Unglück der Tham-Luang-Höhle schnell Geschichte und hat mit The Cave (2019), 13 Lost: The Untold Story of The Thai Cave Rescue (2020) und The Rescue (2021) kurzerhand bereits drei Aneignungen durch den Film gefunden.

Mit Thirteen Lives unter der Regie von Ron Howard hat sich nun ein routinierter Hollywood-Filmemacher des Stoffes angenommen und erzählt das Rettungsdrama aus der Erlebniswelt der britischen Taucher Rick Stanton (Viggo Mortensen), John Volanthen (Colin Farrell) und dem australischen Anästhesisten Richard Harris (Joel Edgerton), die freiwillig an dem Bergungsversuch teilnahmen. Dass der Vorfall sich als Hollywoodfilm besonders eignet, dürfte freilich nicht überraschen, wird hier doch von der großen Wirkungsmacht der kollektiven Geste, der Befreiung durch die gemeinsame Tat, erzählt. Doch bevor es soweit ist, vergeht erstmal viel Zeit. Anstatt dem allesentscheidenden Rettungsmoment entgegen zu hasten, nimmt sich Ron Howard viel Zeit, die Vorbereitungsarbeiten für die Mission zu schildern und die unterschiedlichen Sichtweisen und Gefühlslagen gegenüberzustellen. Die Rettungsaktion, die Thirteen Lives abbildet, ist von einem seltsamen Ineinander von Zögern und Pragmatik, Zweifel und Kreativität geprägt. Über allem aber lastet die Unabwendbarkeit des Zwangs. Mortensen trägt die Last dieses Verantwortungsbewusstseins und damit den Film ganz eindrücklich auf seinen Schultern – eine schauspielerische Tour de Force. Freilich unterdrückt der Film die Lesart des White savior-Narrativs indem er immer wieder die Diversität der Beteiligten einschließt. So arbeitet etwa ein Wassertechniker aus Bangkok zusammen mit einem naturverbundenen Ortskundigen an einem lebensrettenden Abflusssystem. Daraus wird ersichtlich, dass es hier nicht so sehr um die Behauptung von Helden geht, sondern um die entschlossene Hingabe, die in eine geradezu wahnwitzige Entschlusskraft mündet.

Thirteen Lives mag so als einer der gelungensten Versuche eines Dialogs zwischen amerikanisch-hollywoodschen Befindlichkeiten und realen Gegebenheiten gelten, nicht nur was die filmsprachlichen Aspekte anbelangt. Ron Howard hat seinen Film ganz bewusst mit Respekt gegenüber dem Realvorfall angelegt; er will, im Gegensatz zur gewohnten Mainstream-Verarbeitung, die realen Ereignisse nicht verfälschen, ersetzen, zuspitzen, ja dramatisch überschreiben, sondern vielmehr erinnernd bearbeiten und dabei auch in die Kontinuität der eigenen Arbeit stellen. Die Kontinuität in seinem eigenen Werk wird vor allem durch die Extremsituation gestiftet. Apollo 13 (1995), Cinderella Man (2005) oder Rush (2013) basieren auf realen, einschneidenden Ereignissen, die Menschen in Extremsituationen zeigen. Da wie hier macht die Aufrechterhaltung der Spannungskurve die filmische Intensität aus. Was Thirteen Lives in seiner beklemmenden Wirkung aber in besonderem Maße prägt, ist die Reduktion des filmischen Raumes auf wenige Sets und die Kulmination der Handlung an dem immergleichen Ort der Grotte. Das macht die filmische Stärke aus, nicht zuletzt, weil der Film das Breitbildformat der Kinoleinwand eindrucksvoll für sich zu nutzen weiß. Thirteen Lives zeigt eine klaustrophobe Welt, in der es keine vertikale Flucht geben kann, nur die Horizontale bleibt, ganz direkt die Durchquerung der Schächte. Das Ausdehnen der Aktion in der Breite wird da spürbar – ein Eindruck, den Heimmedien nur bedingt wiedergeben können. Dass Thirteen Lives überwiegend auf dem Streamingdienst Amazon Prime zu sehen ist, spricht generell nicht für Streamingdienste.

Marc Trappendreher
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