ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Ein Register aller Unterthanen

d'Lëtzebuerger Land vom 08.01.2021

Alle zehn Jahre wird das Volk auf dem Stand vom 31. Januar gezählt. 2021 ist ein Volkszählungsjahr. Wenn Covid-19 keinen Strich durch die Rechnung macht.

Volkszählungen sind ein beliebtes Herrschaftsinstrument. Davon berichtete schon der Evangelist Lukas (2,1-5). Nach ihm „befahl Kaiser August einen Register zu machen von allen seinen Unterthanen in der ganzen Welt“. So Pfarrer Christoph Salzmann 1770 in der Luxemburgische[n] Handbibel (S. 179). Wegen der Volkszählung mussten Josef und Maria in ihre Geburtsstadt Betlehem reisen.

Die Beliebtheit des Herrschaftsinstruments zeigt sich daran, dass dieses Jahr zum 37. Mal das Staatsvolk gezählt werden soll. Das macht seit 1839 durchschnittlich eine Volkszählung alle fünf Jahre aus. In einem Zwergstaat ist Demographie eine Panikwissenschaft.

1991 hatten die Grünen zum Boykott der Volkszählung aufgerufen. Denn sie ebne den Weg in den „totalen Überwachungsstaat“. Das hatten sie bei der deutschen Mutterpartei gelesen. Der Aufruf blieb unbeachtet. Bei den nächsten Volkszählungen riefen die Grünen nicht mehr zum Boykott auf. Sie bewarben sich lieber für die Regierung des Überwachungsstaats.

Um der Kritik zuvorzukommen, redet das Statec seine Volkszählung klein und kürzt seine Fragebogen. Dieses Jahr greift es auf das Nationale Register der natürlichen Personen, die Versichertenliste der Generalinspektion der sozialen Sicherheit und das Register der Gebäude und Wohnungen zurück. Dann kann es sich manche Fragen selbst beantworten.

Nur mit dem Register der Steuerverwaltung wird die Volkszählung nicht abgeglichen: Die Vermögenden lassen sich nicht zum einfachen Volk zählen. Dabei diente die Volkszählung zuerst der Erhebung der Herdfeuer, das heißt der Steuerhaushalte. Bis 2012 veranstaltete die Steuerverwaltung jeden Herbst ihr eigenes Recensement fiscal.

Heute ist die Volkszählung ein Instrument der „Gouvernementalität“, der technokratischen Herrschaft durch allumfassenden sanften Zwang. Oberstes Ziel der Volkszählung ist die Konstruktion eines Volks. Die wichtigste Grundrechenart dabei ist die Division. Mit ihr wird die Gesellschaft in essenzialisierte Luxemburger und Ausländer dividiert, Erstere wiederum in Eingeborene und Eingebürgerte, Letztere wiederum in Ansässige und Grenzpendler und so fort. Die entsprechende Herrschaftsmaxime soll auf Philipp II. von Makedonien zurückgehen.

Das Volk muss gezählt und verrechnet werden, um es berechenbar zu machen. Jeder Einzelne muss in Blockschrift eine aus Herkunft, Familienverhältnissen, Bildung, Beruf, Wohnbedingungen und Konsumverhalten standardisierte Identität konstruieren und der Verwaltung melden. Diese löscht Wörter für soziale Wirklichkeiten wie „ouvriers“ oder „pauvres“ aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zuwiderhandlungen kosten bis zu 2 500 Euro.

Zur Verwaltung des Volks müssen Statec und Eurostat endlos Zahlen produzieren. So können in einer Warengesellschaft, in der alles einen Preis hat, auch politische Entscheidungen quantifiziert, modelliert und gebenchmarkt werden. Die Verwissen-
schaftlichung der Entscheidungen bis zwei Stellen hinter dem Komma soll die sozialen und wirtschaftlichen Interessen verschleiern. Sie sollen zum Sachzwang objektiviert und somit unangreifbar werden. Anschließend bilanzieren die Volkszählungen den langfristigen Erfolg dieser Entscheidungen.

Die Gezählten bekommen Volkszählungen damit schmackhaft gemacht, dass sie in ihrem eigenen Interesse lägen. Die Veranstaltung soll ihre Bedürfnisse präziser ermitteln und planen helfen, heißt es in der Werbung des Statec. Das passt nicht in das vorherrschende liberale Weltbild, das statt Planwirtschaft die gnadenlose Unfehlbarkeit des Marktes feiert. Stimmtes es, müsste nach inzwischen 36 Volkszählungen Wohnraum für alle verfügbar sein, dürfte es keine Arbeitslosen und keine Schulcontainer, keine überfüllten Autobahnen und Züge geben, wäre nie jemand auf die Idee gekommen, die Zahl der Krankenhausbetten zu verringern.

Romain Hilgert
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