Le troisième œil

Bonnie & Clyde in Bonneweg

d'Lëtzebuerger Land vom 14.02.2002

Warum lässt ein belgischer Regisseur seinen Protagonisten von Belgien nach Luxemburg reisen und dort den grössten Teil der Story absolvieren? Weil es so im Drehbuch steht, natürlich. Vielleicht aber auch, weil internationale Koproduktionen, denen Luxemburg als Drehort dient, sich staatlicher Zuschüsse aus dem Tax Shelter erfreuen dürfen? Le troisième oeil heisst die belgisch-luxemburgisch-französische Koproduktion (mit Samsa Film) unter der Regie des Lüttichers Christophe Fraipont, sein Protagonist heisst Michael und ist Anfang 20. Man sieht ihn zu Beginn mit Handschellen um die Gelenke auf einem Begräbnis stehen, danach führen ihn zwei belgische Polizisten zu einem Zug, der unschwer als einer der CFL zu erkennen ist, auf einem Bahnhof, der ein Luxemburger ist; anscheinend soll die Reise von Luxemburg in ein belgisches Gefängnis führen. Unterwegs gelingt es dem Jungen, seine Bewacher zu überwältigen; er springt aus dem Zug, schlägt sich durch einen Wald, gelangt zu einer Tankstelle, klaut dort ein Auto und fährt damit - man sieht es an der Grenzmarkierung - nach Luxemburg.

Nun dürften Luxemburger Bilder den meisten Zuschauern der Berlinale, wo Le troisième oeil am Sonntag seine Weltpremiere feierte, zu wenig geläufig sein, um Fragen nach dem Woher und Wohin der Geschichte aufzuwerfen. Ausserdem ist die Flucht des Jungen zu gut inszeniert und weckt genügend viele Erwartungen an einen spannungsvollen Fortgang, als dass man sich in Detailbetrachtungen verlieren will. Aber das ändert sich bald, denn der Film bleibt nicht spannend.

Eigentlich meint Fraipont es gut mit seinem Helden. Nicht nur erkennt man in Michaels Darsteller erfreut Jérémie Renier wieder, den blonden Jungen aus La Promesse (1995) von den Brüdern Dardenne, der mit dem Moped durch Lüttich fuhr und einer afrikanischen Asylantenfamilie helfen wollte. Le troisième oeil soll nicht glauben machen, dass Michael als der schwere Junge geboren wurde, als den sein Strafregister ihn ausweist: Raub, Autodiebstahl, Körperverletzung steht darin. 

Fraipont lässt Michael seinen Vater suchen, von dem die Mutter sich trennte, als der Junge ein Jahr alt war, und mit dem Michael vorläufig nur die Zuckerkrankheit verbindet, von der er meint, er habe sie geerbt. Zur Seite steht ihm bei der Suche die Marokkanerin Malika (Nozha Khouadra), die Kellnerin in einer Stater Pizzeria ist und Michael bei sich versteckt. Auch sie hat Besonderes geerbt: das "dritte Auge", die Gabe, Unheil vorherzusehen, und zwar von ihrer Mutter.

Sozialpädagogik kommt dabei ins Spiel; die Frage wird gestellt, was Elternliebe ist und was Eltern ihren Kindern auf dem Weg ins Leben mitgeben sollten und was nicht. Fraipont, der für seinen Film auch das Drehbuch schrieb, erklärt allerdings nicht, weshalb Michael und Malika wie Bonnie und Clyde losziehen zum  Mazda-Autohaus von Michaels Vater in Bonneweg. Die Idee, dem Jungen eine schwere Kindheit anzuhängen und ihn Liebe suchen zu lassen, verfängt nicht. Michael tritt nie anders in Erscheinung als ein unreifes Arschloch, das seinem Alten Geld aus der Tasche ziehen will, und dass sich Malika für ihn interessiert, kann man sich mit psychologischer Phantasie zwar zusammenreimen: Hier könnte eine Liebe als Sucht wachsen, weil er wie sie gerettet werden will. Träumen beide doch davon, abzuhauen nach Barcelona. Aber beider Gefühle füreinander werden nur behauptet, nie sichtbar, und im Grunde haben Malika und Michael nichts anderes zu tun, als vor der Polizei zu fliehen: ein Paar, dem man nicht zu nahe kommen kann. Nur Michaels Vater wird vor ein  echtes moralisches Dilemma gestellt: Einerseits droht die Polizei ihm, er würde sich der Beihilfe schuldig machen, falls er seinem Sohn helfe, andererseits fühlt er sich diesem verbunden. Prompt wird die Nebenrolle des Vaters zur interessantesten des ganzen Films. Wie leider oft in Films made in Luxembourg, wurde auch hier der Erfolg bereits mit einem unausgegorenen Drehbuch verspielt.

 

 

 

 

 

Peter Feist
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