Das Theaterkollektiv Glossy Pain beeindruckt mit einer radikal modernisierten Inszenierung des Woyzeck im Kapuzinertheater

Wo „Liebe“ Gewalt ist

d'Lëtzebuerger Land vom 13.02.2026

Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass einem neue Erkenntnisse rund um die Epstein-Files Übelkeit bescheren. Die Täter weilen auch unter uns. Das wusste schon Georg Büchner. Er entdeckte den Stoff für sein Drama in gerichtsmedizinischen Gutachten über einen Mordfall: Am 21. Juni 1821 hatte in Leipzig der Friseur Woyzeck seine Geliebte, die Witwe eines Chirurgen, erstochen.

In Büchners unvollendetem Textfragment erscheint Woyzeck als ein Mensch, den Eifersucht, Misshandlung durch seinen Vorgesetzten und moralisch verwerfliche Versuche eines Arztes, der die materielle Not des Patienten ausnutzt, sukzessive in den Wahnsinn und dann zum Mord seiner Freundin treibt. Gerade das Fragmentarische bietet Freiheiten, den für viele Schulklassen zur Pflicht gewordenen Text auszulegen und „anders“ zu interpretieren.

Das mehrsprachige Berliner Theaterkollektiv Glossy Pain liefert einen erfrischenden, radikal modernisierten Woyzeck, der die bei Büchner greifbaren wirtschaftlichen Nöte allerdings ausspart. Die Neufassung, inszeniert von Regisseurin Katharina Stoll, ist eine Auftragsarbeit für das Theater an der Ruhr. Sie reduziert auf nur drei Figuren, reflektiert und überzeugt sowohl textlich wie auch durch die solide Regiearbeit und ein kraftvolles Spiel des Ensembles.

Marie (Amanda Babaei Vieira) und Margret (Riah Knight) teilen als beste Freundinnen eine Wohnung und somit ihren Alltag. Irgendwann platzt ihr Nachbar, Franz Woyzeck (Joshua Zilinske) in ihr harmonisches Leben, ja drängt sich mit Wucht hinein, weil er sich in Marie verliebt wähnt.

Allmählich verschiebt sich etwas im Gefüge, denn Woyzeck ist nicht der Gentleman, der er vorgibt zu sein, in dem er frische Sonnenblumen und frisch gebackenes Brot in die WG schleppt. Seine Liebe ist besitzergreifend. Er ist auf Kontrolle aus und will Marie nur für sich.

Bereits das Bühnenbild (Wicke Naujoks), bestehend aus einer modernen Einbauküche in weiß, steht im Kontrast zum zeitlosen Drama von 1836/37. Die beiden jungen Frauen haben sich in der Studierenden-WG, in der leere Weinflaschen neben der Spüle noch von fröhlichen Abenden künden, bequem eingerichtet. In ihrem Nest schlurfen sie mit plüschigen Tier-Hausschuhen herum.

Marie lümmelt anfangs auf dem Sofa, wühlt verliebt in Woyzecks schütter werdender Haarpracht und versichert ihm während des Haareschneidens, er sei ein guter Mensch, denke nur zu viel.

Mitbewohnerin Margret ist inmitten der frisch Verliebten ein bisschen das fünfte Rad am Wagen, weiß diese Position jedoch durch melancholische Gitarrensongs auszugleichen. Dass sie Englisch spricht, während Marie und Woyzeck auf Deutsch kommunizieren, stört nicht, sondern erhöht den Reiz der Inszenierung.

Wir befinden uns in einer Expat-WG im heute, wo Marie Yoga macht und Margret über ihrem Einbürgerungstest grübelt oder von Abenden erzählt, wo junge Frauen ihre Abtreibungen verarbeiten, erzählt. Anfangs ist die Welt noch hell, fast grell – Sonnenblumen werden auf die aseptisch weißen Bühnenwände projiziert. Dieses zu oft gebrauchte technische Mittel ist hier sinnvoll eingesetzt, um die Stimmungen zu verstärken.

Marie hat ein Date mit Franz Woyzeck. Er kommt zum Essen und es liegt der Zauber des Neuanfangs in der Luft. Ein Knistern. Vorsichtshalber fragt Marie ihre Mitbewohnerin Margret nach ihrer Playlist, um sicherzugehen, weniger „sexy“ und aufdringlich zu wirken.

Margret erzählt unbefangen von sexuellen Übergriffen in der Tram. Schon hier erweist sich Woyzeck als einfältig und wenig sensibel: „Naja, ihr seid ja auch zwei schöne Frauen!“ platzt es aus ihm heraus. Das Argument, Frauen würden durch ihre aufreizende Erscheinung Männer provozieren, scheint ein alter Schuh, der noch nicht ausgelatscht ist.

Margret steckt ihre Enttäuschung über diese Aussage zurück. „Ich hab gehört, dass Du kleine Maschinen spielst“, neckt sie Woyzeck und animiert ihn so dazu, seine Musik zu spielen.

Auf dem Höhepunkt des Verliebtseins drehen Woyzeck und Marie auf einem Volksfest im Kreis: eine Videoprojektion, die bereits von dunklen Geistern überschattet wird. Denn Marie ist frei. Sie wirft sich ins Leben. Und sie schwärmt bereits von einem Anderen, Andres, einem Freund von Woyzeck.

Bei Woyzeck schleicht sich nach und nach der Argwohn ein. Das Frühstück mit blutendem Messer wird von oben abgefilmt (wie in einem Film von Jim Jarmusch) an die Leinwand projiziert, genauso wie eine Videoinstallation in Schwarz-Weiß von Marie und Woyzeck, während sie intim miteinander sind: „Marie, ich hab manchmal so ein Unbehagen ...“

Wie man aus „Liebe“ töten kann, erinnert an den Fall Bertrand Cantat. Ist es wirklich schon 23 Jahre her, als der französische Sänger von Noir Désir seine Freundin Marie Trintignant aus Eifersucht totschlug? Entwickeln sich nur die querfeministischen Diskurse weiter, während sich Missbrauch und Femizide in der Realität zutragen, als wäre die Welt stehengeblieben?

In Katharina Stolls Inszenierung will sich Woyzeck Maries Liebe vergewissern, will wissen, woran er bei ihr ist: „Was ist das mit uns beiden?“; während sie sich bedeckt hält: „Ich will das Ganze nicht labeln.“ Verunsichert begreift er, dass sie Raum braucht ... So scheint Woyzeck in einer Nahaufnahme in den Wahnsinn abzugleiten. Alles scheint ihm zu entgleiten. Und während er in Selbstzweifeln versinkt, spielt Marie auf zwei (!) Blockflöten gleichzeitig. Das ist schon witzig; weniger subtil, wenn in der Küche ausnahmslos phallisches Gemüse ausgepackt wird.

Die Videoprojektionen werden unheimlicher: dunkle Pferdeaugen, düster-schimmernd; Perücken auf Frauenköpfen. „Der Mensch ist frei!“ Wie frei aber ist eine Frau, die die Freiheit liebt? Woyzeck wird vom charmanten Verehrer zum lästig-schizophrenen Stalker, sodass Marie im Selbstgespräch feststellen wird: „Nur mit Dir und Deiner niedergeschlagenen Sogkraft könnte ich es nie aushalten“, und dabei schon ahnt: „Wir sind umgeben von Gewalt.“

„Friert es Dich, Marie? Wenn man kalt ist, friert es einen nicht mehr“, wird der Mörder textgetreu flüsternd von sich geben, bevor der Mord auf der Bühne zum Glück nicht nachgestellt wird.

Im Flyer zur Inszenierung hat Glossy Pain ein alternatives Alphabet der Zärtlichkeit für Wort und Tat abgedruckt. „Ich fühle mich heute nicht so danach“ – heißt nein. „Vielleicht später“ – heißt nein. „Das geht mir zu weit“ – heißt nein. „Das tut mir weh“ – heißt nein. Das Mordmerkmal der Heimtücke bei Femiziden werde oft verneint, da das Opfer aufgrund der vorerlebten Gewalt stets mit einem neuen Angriff habe rechnen müssen und deshalb nicht arglos ist ...

Das wunderbare Gitarrenspiel und der Gesang von Riah Knight schließen den Kreis. Während Marie ins Publikum spricht: „Ein guter Mord. Ein schöner Mord. Totschlag aus Liebe. Jeden dritten Tag.“ Ein etwas zu pädagogischer Abschluss eines ergreifenden Theaterabends. p

Anina Valle Thiele
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