Kriegsbriefe in der Forschung und die Nutzung von digitalen Werkzeugen

Verbindung zur Heimat

d'Lëtzebuerger Land vom 30.09.2022

Briefe und persönliche Dokumente von Individuen sind für das Studium persönlicher Geschichten und Kriegserlebnisse unerlässlich. Das Projekt „Warlux“ an der Universität Luxemburg hat sich zum Ziel gesetzt, die persönlichen Kriegserlebnisse von Männern und Frauen zu sammeln, die während des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg von der NS-Besatzungsverwaltung zum Arbeits- und/oder Wehrdienst eingezogen wurden. Um die individuelle Perspektive und die persönlichen Auswirkungen des Krieges an der Front, in den Arbeitslagern und zu Hause darzustellen, haben wir im Jahr 2021 über 5 000 Briefe und etwa 20 Tagebücher von den betroffenen Familien über einen Spendenaufruf gesammelt. Die Briefe müssen alle geordnet, strukturiert und gelesen werden. Digitale Hilfsmittel wie Scanner und Texterkennung helfen den Historikern, die Briefe für die Analyse aufzubereiten.

Die Einberufung junger Luxemburger ist zumeist in offiziellen Dokumenten festgehalten, angefangen bei den Einberufungslisten der regionalen Behörden und Akten der Wehrmacht. Doch die individuellen Geschichten bestehen nicht nur aus Listen und Wehrdienstausweisen. Was waren ihre individuellen Vorlieben, Eigenschaften, Beziehungen zu Freunden und Familie? Um diese Aspekte zu berücksichtigen, haben die Briefe und persönlichen Stimmen aus dieser Zeit einen einzigartigen Wert für die Geschichtswissenschaft.

Während des Krieges wurden Familien und Freunde getrennt. Die Verbindung zur Heimat war nur über Briefe und Pakete möglich; ein Kommunikationsnetz der Verbreitung von Nachrichten und Grüßen und Lebenszeichen. Dennoch unterscheiden sich die Erlebnisse in einem entscheidenden Punkt voneinander. Während die Familien zu Hause an Nahrung, Logistik, Naziterror denken mussten und in den Überlebensmodus schalteten, litten die jungen Männer und Frauen im Ausland unter Heimweh und Angst und der Hoffnung auf das Kriegsende. Die Briefe stellen eine Brücke in die Heimat dar. Wenn die Briefe erhalten sind, können sie einen interessanten individuellen Einblick in die Dynamik des Lebens der betroffenen Menschen geben.

Der Krieg war ein einschneidender Einschnitt in das Leben aller Menschen in Europa. Diese entscheidende Epoche veränderte das Leben eines ganzen Landes und raubte den betroffenen Menschen ihre Träume und ihr Leben. Die Briefe und andere Ego-Dokumente stellen einen Einschnitt in ihrem Leben dar, geschrieben aus fernen Orten, weit weg von zu Hause und den geliebten Menschen, verzweifelt, traurig und verängstigt. Briefe drücken die Eigendynamik des Erlebten, die Gefühle und Gedanken aus. Briefe geben nur einen kurzen Einblick in das Alltagsleben. Man muss auch beachten, dass der Inhalt und der Stil des Dokuments von seinem Empfänger abhängen. Eine Mutter erhält ein Lebenszeichen von ihrem Sohn (alles in Ordnung, ich habe genug zu essen und es geht mir gut), während Briefe an einen Freund vielleicht eine andere Geschichte über das Leben an der Front enthalten. Es sollte berücksichtigt werden, welche Informationen die Schreiber den anderen mitteilen wollten, was für sie wesentlich war und was der andere wissen muss.

Die Kriegsbriefe wurden unter anormalen Bedingungen geschrieben. Manches blieb unausgesprochen, manche Absender integrierten leichtfertig den Schrecken des Kriegsalltags in ihre Briefe. Die Realität des Krieges spiegelt sich also nicht immer in solchen Dokumenten wider.

Feldpostbriefe unterscheiden sich deutlich von „normalen“ Briefen in Friedenszeiten. Bei der Feldpost kann man von Beförderungszeiten zwischen 6 und 30 Tagen ausgehen, sofern der Versand nicht durch eine Postsperre oder Verlust verhindert wird. Die zeitliche Verzögerung hat den Effekt, dass insbesondere im Krieg mit seinen schnellen Veränderungen eine Nachricht veraltet sein kann, bevor sie den Empfänger erreicht. Dennoch war die Feldpost ein Kommunikationsmittel zur Festigung persönlicher Beziehungen und zum Austausch von Nachrichten, Emotionen und Erfahrungen. Diese Dokumente spielen eine entscheidende Rolle bei der Erforschung von Einzelpersonen und ihren persönlichen Geschichten; allerdings gibt es auch Grenzen bei der Analyse. Die Zensur verbot es den Soldaten, ihre Position preiszugeben oder Einzelheiten über Kämpfer oder Einheiten anzugeben, falls die Dokumente vom Feind abgefangen würden. Neben den offiziellen Armeevorschriften verschwiegen die Soldaten Tatsachen oder andere traumatische Ereignisse, entweder um die Angehörigen nicht zu beunruhigen oder weil sie nicht in der Lage waren, die Schrecken und den Tod auszudrücken, die sie im Kampf ertragen mussten. Die Briefe geben nur einen gefilterten und ausgewählten Eindruck der Kriegserlebnisse wieder, sind aber dennoch wertvoll für die Erforschung einzelner Geschichten.

Die luxemburgischen Rekrutierten wurden während ihres Arbeits- und Armeedienstes von ihren Familien getrennt, sie wurden aus ihrem Freundeskreis und ihrem sozialen Umfeld herausgerissen. Briefe versprachen eine Möglichkeit der Kommunikation. Der Inhalt, wie die Menge, hing davon ab, wer schrieb, wo er oder sie stationiert war und an wen der Brief gerichtet war. Doch eines hatten alle Briefabsender gemeinsam: Auch an der Front in Russland oder Afrika bleiben die jungen Rekruten Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern. Sie teilten ihre Ängste, ihre Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende oder schrieben einfach nur über die täglichen Ereignisse (Marschieren, Schlafen, Details über Lebensmittel) und Wünsche und Bedürfnisse nach warmer Kleidung, Lebensmitteln und Zigaretten. Die jungen Männer erzählten von Kontakten mit Einheimischen in Russland und in Polen, vom Kampf gegen den Widerstand (Partisanen), von der Sehnsucht nach Intimität mit Frauen oder Freundschaft, vom Aufschieben von Hoffnungen und Wünschen und von Zukunftsplänen. Dennoch boten die Briefe die Möglichkeit, Gedanken und Erinnerungen an bessere Zeiten, Hoffnungen und Zukunftspläne auszutauschen und sich nach dem Stand der Dinge in der Hémecht zu erkundigen. Neben der Situation an der Front oder in ausländischen Arbeitsdienstlagern erlebten die Daheimgebliebenen auch schwierige und beängstigende Situationen, wie Einschüchterungen durch die nationalsozialistischen Besatzungsbehörden, Luftangriffe (ab 1944), Hunger und allgemein die Ungewissheit, wie es weitergehen wird.

Alle 5 000 Briefe können nicht mit dem menschlichen Auge gelesen werden. Hinzu kommen teilweise schwierige Handschriften und ein schlechter Zustand durch Lagerung und Alter der Dokumente (verwischte Tinte, mechanische Beschädigungen wie eingerissene Ecken). Auch der Inhalt der Briefe ist nicht immer einfach zu entschlüsseln: Wer schreibt an wen? Worauf beziehen sich die Korrespondenten? Das Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) an der Universität Luxemburg setzt auf neue Methoden und Werkzeuge für die historischen Forschung. Technologische Hilfsmittel werden auch für die Briefe der luxemburgischen Rekruten verwendet.

Alle im Rahmen der Briefsammlung gesammelten Briefe wurden auf dem Campus mit einem Hochleistungs-Scanner und einem papiersparenden Verfahren digitalisiert. In einem zweiten Schritt wurden die digitalen Kopien der Briefe gespeichert und indexiert. Um die Lesbarkeit zu gewährleisten und den Inhalt zu erfassen, setzt das Warlux-Team digitale Techniken wie die automatische Texterkennung ein. Für handschriftliche Dokumente wird die so genannte Handschriftenerkennung („Handwritten Text Recognition“, HTR) verwendet, während die automatische Texterkennung für gedruckte Texte (OCR, „Optical Character Recognition“) zum Standard geworden ist.

Die Texterkennung stellt das Team vor einige Herausforderungen: Jede Handschrift ist einzigartig, Texteinschübe und verschiedene Sprachen erschweren das Lesen für das menschliche Auge, daher wird ein spezielles Programm für die Text-
erkennung eingesetzt: Transkribus (ReadCoop) ist eine Software, die handgeschriebenen Texte entziffert und Wörter mittels einer künstlichen Intelligenz erkennt. So können die Briefe nach bestimmten Stichworten, Namen und Orten durchsucht werden. Auf diese Weise können diese Massentexte besser verarbeitet und für die Analysen der Forscher aufbereitet werden. Trotz der Digitalisierung und der maschinenlesbaren Texte dürfen natürlich die einzelnen Personen und ihre individuellen Geschichten in den Briefen nicht vergessen werden – schließlich steht jeder Brief für eine individuelle Geschichte.

Die digitale Technologie spielt in der Geschichtswissenschaft eine wichtige Rolle. Datenbanken, digitale Kataloge und auch Werkzeuge helfen Historikern heute, auf historisches Material zuzugreifen und es zu analysieren. Digitale Geisteswissenschaften oder digitale Geschichte ist auch der zentrale Schwerpunkt am C2DH in Esch/Belval. Bei Transkribus handelt es sich um ein maschinelles Lernen um Zeichen zu erkennen. Mittels einer künstlichen Intelligenz lernt der Computer Zeichenkombinationen als bestimmte Wörter zu erkennen. Das System zerlegt handgeschriebene Buchstaben in eine Gruppierung von Punkten die durch ein Wörterbuchabgleich zu Buchstaben werden.

Die Maschine wurde durch zahlreiche Texte und Experimente darauf trainiert, einzelne Zeichen zu erkennen, die dann zu Wörtern geformt werden. Das Programm liest also nicht, sondern lernt, welche Form der Zeichen zu welchem Wort gehören. Die Modelle basieren auf Sprachen und Handschriften verschiedener Epochen. So gibt es Modelle für Handschriften für die französische Sprache, oder für lateinische Urkunden aus dem Mittelalter, wie die karolingische Minuskel.

Was das „Warlux“-Projekt betrifft, so wurden die meisten Briefe und Tagebücher in deutscher oder französischer Sprache verfasst (nach dem Krieg wurde das meiste in französischer Sprache geschrieben). Wir können das Modell für handgeschriebenes Deutsch im 20. Jahrhundert verwenden. Für luxemburgische Briefe funktioniert das deutsche Modell immer noch am besten (nach Testläufen mit dem französischen und niederländischen Modell). Allerdings müssen hier weitere Korrekturen vorgenommen werden, da die bestehenden Textmodelle die luxemburgische Schriftsprache durch seine Akzente und Wortkombinationen nicht erkennen können. Ein luxemburgisches Modell in Transkribus gibt es noch nicht – wir hoffen, dass sich dies in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Computerlinguistik der Universität ändern wird.

Neben den digitalen Transkriptionen benötigen wir mehr Informationen über den Autor oder Absender und den Empfänger, die Umstände ihrer Entstehung (Datum, Ort) und die Beziehung zwischen Absender und Empfänger; mit anderen Worten, wir benötigen genügend Metadaten um den Briefinhalt voll zu erfassen. Auf Grundlage der maschinenlesbaren Briefe können nun die Briefe mit den Metadaten (insbesondere Absender/Empfänger), die im Text erwähnten Personen, Orte und Einheiten des Arbeitsdienstes und des Militärs verschlagwortet und indexiert werden.

Die automatische Texterkennung von handschriftlichen Dokumenten mit Transkribus ist noch kein hundertprozentig zuverlässiges Verfahren, sondern erfordert eine Überprüfung der Ergebnisse und Nacharbeit. Die Ergebnisse sind bei typografisch einheitlichen und sauberen Texten von höherer Qualität als bei gemischten Schriftarten und mehrsprachigen Textabschnitten. Dennoch erleichtert die HTR-Methode die Analyse von handschriftlichen Dokumenten wie den Kriegsbriefen der Luxemburgerinnen und Luxemburger. Während die Briefe für das menschliche Auge noch lesbar sind, trägt die Digitalisierung auch dazu bei, diese Briefe zu bewahren und sie für weitere Forscher und Generationen zugänglich zu machen. Auch die automatische Texterkennung hilft bei Tausenden von Buchstaben: Texte und Personen können effizienter und schneller für die gestellte Forschungsfrage gefunden werden. Sie kann also Forschern an Universitäten helfen, ist aber keine endgültige Lösung – um Korrekturen vorzunehmen und vor allem, um die luxemburgischen Textsegmente zu verstehen, braucht es immer noch ein menschliches Auge.

Nina Janz ist Historikerin am C2DH

Nina Janz
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