„Konfusion“

d'Lëtzebuerger Land vom 27.02.2026

Es ist wahrlich noch ein weiter Weg, bis der Fahrradfahrer als legitimer Verkehrsteilnehmer im Bewusstsein aller ankommt. Das zeigt ein Vorfall, der sich während der letzten Critical Mass, eines Korsos des Fahrrandverbands ProVelo, ereignete: Als die 30 Teilnehmer durch die Fahrradstraße Rue des Trévires in Bonneweg fuhren, kam es zu einem Unfall. Ein Autofahrer überholte einen Radler, der anschließend stürzte. Die Polizei wurde verständigt. Doch als die Patrouille eintraf, zeigten sie dem Presseschreiben von ProVelo nach zuerst viel Verständnis für den Autofahrer. Die Schuldzuweisung sei rapide gewesen. Dem Code de la Route nach ist ein Überholen eines Fahrradfahrers auf einer rue cyclable rechtswidrig und wird theoretisch mit 145 Euro und möglicherweise zwei Punktabzügen bestraft; sogar ein „Stören“ des Radlers wird mit 49 Euro sanktioniert. Davon hätten die Beamten jedoch nichts gewusst. Ein Anruf in die Zentrale brachte nichts, dort sei die Falschinformation bestätigt worden, sagt ProVelo.

Auf Nachfrage des Land bestätigt die Polizei, sie sei am 13. Februar vor Ort gewesen. Die Antwort der Polizei beinhaltet kopierte Auszüge aus dem Code de la Route, sowohl was das Überholen von Fahrrädern in rue cyclables als auch das Nebeneinander-Herfahren angeht. Letzteres ist dort gestattet, vorausgesetzt, die Radler bleiben auf der rechten Seite. „Wie bei jeder Intervention muss sich die Polizei erst einen Überblick verschaffen. In diesem Fall kam es zu einer Konfusion punkto ‚rue cyclable‘. Danach wurde ein Unfallbericht ausgefüllt“, erklärt die Polizei. Kennt sie den Code de la Route etwa nicht?

Für diesen Teilnehmer ging es glimpflich aus. Wie das Tageblatt berichtete, sei nur sein Fahrrad stark beschädigt worden – ins Krankenhaus musste der Fahrer nicht. „Es kann nicht sein, dass ein Radfahrer die Einhaltung des Code de la Route einfordern muss“, sagt Mara Stieber, Sprecherin von ProVelo. Sie erkennt in den Fahrradstraßen „enormes Konfliktpotenzial“. In der direkten Nachbarschaft wüssten die wenigsten Bescheid, dass es sich bei der Rue des Trévires um eine Fahrradstraße handelt – geschweige denn, welche Regeln dort einzuhalten wären. Ähnliches ist immer wieder auf den elf Straßen der Hauptstadt, die als Fahrradstraßen ausgewiesen wurden, zu beobachten. Autofahrer drängeln sich vorbei, überholen regelmäßig. Das Zeichen E18 a, das die Fahrradstraßen ausweist, ist leicht zu übersehen. Die großen Fahrräder, die auf die Straßen gezeichnet wurden, sind zwar evokativ – das Konzept funktioniert trotzdem kaum.

Beim City Breakfast präsentierte Mobilitätsschöffe Patrick Goldschmidt (DP) am Mittwochmorgen neun Konzepte für Orte, an denen die Verkehrssicherheit in der Hauptstadt verbessert werden soll. In der Rue Pescatore, in der Rue de Merl, dem Boulevard F.D Roosevelt werden neue Fahrradwege Teil der Straße. Auf den Boulevards Marcel Cahen und Grande-Duchesse Joséphine Charlotte kommt es zum Good Design: Der Radweg wird physisch durch Park- und Grünstreifen von der Fahrbahn abgetrennt. Auch in Cents, auf dem Boulevard Verdun und am Eingang der Rue de Clausen wird die Radinfrastruktur verbessert. Von Muttwëll ist all das nicht. Seit etwa drei Jahren steigt die Zahl der schwerverletzten Radfahrer/innen, 2024 waren es 43.

Überholungsmanöver waren 2024 der Hauptgrund für Unfälle mit Schwerverletzten. Außerhalb der Städte und Dörfer ist die Lage schlecht: Auf Landstraßen passieren die meisten der Unfälle mit tödlichem Ausgang (72 Prozent in 2024), und die Hälfte jener mit schweren Verletzungen.

Auf der Landstraße zwischen Alzingen und Hassel entsteht die PC11, ein chemin cyclable nach dem Vorbild der Niederlande , wo sich dieser Ansatz „bewährt“ habe, wie das Transportministerium auf Nachfrage mitteilt. Die Fahrbahn wird nicht erweitert, sondern auf beiden Seiten werden eineinhalb Meter breite rote Streifen auf die 3,4 Kilometer lange Strecke aufgezeichnet, es gilt Tempolimit 50 für die Autofahrer. Diese sollen sich nur über die roten Streifen ausweichen dürfen, wenn keine Radler dort unterwegs sind – ansonsten hat das Fahrrad Vorrang. „L’objectif consiste à séparer de manière conséquente le trafic motorisé et la mobilité douce“, heißt es im Pressedossier. Trotzdem bleibt es Farbe auf dem Boden einer eher gefährlichen Strecke.

Diese Art des Fahrradweges eigne sich besonders für Landstraßen mit wenig Verkehr, sagt das Transportministerium. Eigentlich sei geplant gewesen, die Straße komplett für den Autoverkehr zu sperren, doch die Nachbargemeinden seien nicht einverstanden gewesen, weil sie Angst hatten, der Verkehr werde dann auf andere Straßen umgeleitet und dadurch entständen „Belästigungen“ für die Anwohner/innen.

Sarah Pepin
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