Von 1944 bis 1967 war die Wehrpflicht ein politisches Dauerthema – bis der CSV-Abgeordnete Jean Spautz ihr zur Abschaffung verhalf. Eine Ausstellung im Militärmuseum in Diekirch geht auf die Anfangsjahre der Armee ein.

„Keng Milliounen fir Kanounen“

d'Lëtzebuerger Land vom 27.02.2026

Im zweiten Stockwerk des Nationalen Militärhistorischen Museums steht ein kakigrünes Matchless-Motorrad, das die britische Armee im Zweiten Weltkrieg für Kurierfahrten entwickelt hatte. Die luxemburgische Armee benutzte es noch bis in die 1960er-Jahre. Es steht zwischen einem Thompson-Maschinengewehr, Fotos, Uniformen und Stoffabzeichen mit dem Siegel des „Jhang de Blannen“ (1962 eingeführt, um der Armee etwas mehr Prestige zu verleihen). In Diekirch beleuchtet die Ausstellung Ons Arméi um Härebierg die Anfangsjahre der Nachkriegsarmee bis heute; der Fokus liegt jedoch auf jener Zeitspanne, als die Armee den obligatorischen Militärdienst organisierte.

Wer nachlesen will, wie die parlamentarischen Debatten über die Einführung der Wehrpflicht verliefen, wird nicht fündig werden. Die Wehrpflicht wurde nämlich im November 1944, noch vor Kriegsende, per großherzoglichem Dekret beschlossen. 14 Tage zuvor hatte Staatsminister Pierre Dupong während einer Pressekonferenz im Londoner Exil Luxemburgs Neutralität aufgehoben. Rückblickend lobte Lieutenant-Colonel Erny Thiel 1996 in der Warte diesen Schritt: „In einem Augenblick, da fast alle Völker Europas noch unter den Waffen standen, wäre es auch für ein kleines Land wie Luxemburg unverantwortlich gewesen, nichts zur eigenen Sicherheit beizutragen und der Zukunft gleichgültig gegenüberstehen zu wollen.“ Es habe die „einhellige Überzeugung“ vorgeherrscht, „die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht entspreche einer Notwendigkeit“. Tatsächlich wurde Luxemburg von einer Welle des Patriotismus erfasst, die darin mündete, dass sich alsbald Tausende Freiwillige einschrieben. Allerdings krankte der Aufbau der Streitkräfte an einem Mangel an erfahrenen Instruktoren; die Armee agierte überstürzt und improvisiert, es fehlte an Ausrüstung und klaren Anweisungen, wie der Historiker Felix Streicher festhält (d'Land 18.2.2022). Das blieb nicht unbemerkt; ein britischer Offizier urteilte 1947, es sei eine „force of no military value“.

Ein zentraler Teil der Ausstellung in der ehemaligen Brauerei, in der sich heute das Museum befindet, geht auf die Jahre nach 1945 ein, als Luxemburg unter dem Kommando Frankreichs an der Saar und im Kreis Bitburg Besatzungsmacht wurde. Damals bezog die hiesige Armee die ehemalige Wehrmachtskaserne in Bitburg, in der die Luxemburger bis 1955 blieben. Ein rot-weiß-blau bemaltes Wachhäuschen aus jener Zeit wurde im Museum nachgebaut. Der Katalog zur Ausstellung gibt weitere Informationen: So seien die luxemburgischen Soldaten zunächst stolz in Uniform und mit Gewehr herummarschiert, um zu zeigen, dass man Besatzungsmacht war. Sie wollten den Spieß umdrehen: Wie zuvor die Luxemburger als Besetzte vor der nationalsozialistischen Fahne, mussten nun die Deutschen einen Gruß vor der luxemburgischen Fahne vollziehen. Wer sich weigerte, wurde zuweilen misshandelt. In einer Bataillonszeitschrift aus jener Zeit hieß es überdies, dass manche darauf brannten, „dem Preiss den Hals ömzedre'en“. Die ersten Besatzer brachten höchst unterschiedliche Kriegserfahrungen mit: „Hier trafen ehemalige Widerstandskämpfer auf Zwangsrekrutierte, KZ-Überlebende auf alliierte Befreiungskämpfer sowie Veteranen der Fremdenlegion auf blutjunge Aspiranten", schreibt Felix Streicher (d’Land 18.2.2022). Ein zuweilen explosives Potpourri an Profilen mit ihren ganz eigenen Traumata.

Mit der Zeit aber fand ein reger Austausch mit der pfälzischen Bevölkerung statt – obwohl ein Fraternisierungsverbot herrschte. Erleichtert wurde die Annäherung durch Gemeinsamkeiten, die beiden vertraut waren, wie ein marial geprägter Katholizismus und der moselfränkische Sprachhintergrund. Die allgemeine Warenknappheit und der daraus entstehende Schwarzmarkt taten ihr Übriges. Der Katalog hält die Erinnerungen einer Eifelerin fest, deren Vater mit einem luxemburgischen Nichtraucher Zigaretten gegen Leder tauschte; es bahnte sich eine Freundschaft an, die bis zum Tod des ehemaligen Besatzers hielt. Man tanzte zuweilen in derselben Gaststätte, die Bitburger besuchten die auf Luxemburgisch abgehaltene Messe; auf 3 800 verbliebene Einwohner kamen rund 1 000 Luxemburger. Der Normalisierungsschub setzte sich fort, als Wehrdienstabsolventen ankamen, die den Zweiten Weltkrieg nicht an der Front miterlebt hatten. Da es in Luxemburg noch keine Ausbildungsstätte gab, übernahm die Kaserne in Bitburg diese Aufgabe.

Ähnlich heterogen aufgestellt wie die erste Besatzergeneration, war die Brigade Piron. Neu aufgenommen hat das Museum eine Originaljacke des Funkers Jean-Pierre Bour der besagten Brigade. In ihr kämpften während des Zweiten Weltkriegs 126 Luxemburger in der insgesamt 2 300 Mann starken Truppe, vor allem in der Normandie und in Belgien. Die Luxemburger waren entweder Teil einer Aufklärungseinheit oder der Artilleriebrigade. Nur ein Luxemburger der Brigade kam während des Krieges ums Leben, „allerdings nicht in einem Gefecht, sondern bei einem Unfall, wahrscheinlich einem Autounfall“, präzisiert der Museumsdirektor Benoit Niederkorn auf Nachfrage des Land. Der Name der Brigade geht auf den belgischen Generalleutnant Jean-Baptiste Piron zurück, der 1942 in Großbritannien eine Exilarmee aufstellte. Viele der luxemburgischen Kämpfer „brachten als erfahrene Veteranen ihr Wissen in die luxemburgische Nachkriegsarmee ein, was auch die engen Beziehungen zur belgischen Armee stärkte“, hält der Katalog fest. Die Aufarbeitung des Archivmaterials zur Brigade Piron ist das nächste große Forschungsprojekt des Militärmuseums. „Schätzungsweise 200 Dossiers liegen noch in Belgien, die wollen wir uns dieses Jahr ansehen“, erklärt Niederkorn. Man versuche zudem, die Familien der ehemaligen Soldaten zu kontaktieren, um weiteres Material wie Tagebücher zu sammeln. „Das könnte es uns erlauben, den Krieg aus der Innenperspektive der Soldaten nachzuzeichnen.“ Die Historiker des Museums wollen darüber hinaus erfahren, wie das Leben der Soldaten weiterging – ob sie der Armee verbunden blieben oder sich traumatisiert von ihr abwandten. Verwaltet wird das Militärmuseum von einer Vereinsstruktur, das eine Konvention mit der Armee, dem Kulturministerium und der Gemeinde Diekirch hat. Gefährdet ein solcher Rahmen nicht die Forschungsfreiheit? Niederkorn versichert, er und sein Team dürften frei Hand nach akademischen Standards arbeiten.

Frappierend ist, wie rasch die anfängliche Begeisterung für die Armee verpuffte. Schon nach Kriegsende kritisierten Sozialisten und Kommunisten den Wehrdienst im Parlament als zu kostspielig. Einen Höhepunkt der Armeeanfeindungen bildete die viermalige Weigerung des ehemaligen Resistenzkämpfers Henri Weinand, den Wehrdienst zu leisten – mit der Begründung, die Dupong-Schaus-Armee sei illegal, weil sie nicht auf einem Militärgesetz fuße (sondern auf einem Dekret). Weinand kam vor Gericht und wurde 1948 freigesprochen. Sein Anwalt war der LSAP-Politiker Victor Bodson, der kurioserweise zuvor von dem Journalisten Paul Cerf als „père spirituel" des luxemburgischen Wehrdienstes bezeichnet wurde. Das Escher Tageblatt berichtete nach dem Urteil, es sei der bisher „schwerste Schlag" gegen die Regierung Dupong-Schaus-Bech; ein in „stolzer Unabhängigkeit" agierendes Gericht habe der CSV-Regierung Machtmissbrauch attestiert, wovon nun das ganze Land Kenntnis genommen habe. Ordentlich nervös seien die Minister gewesen, denn sie befürchteten „einen Auszug aus dem Kasernenägypten Luxemburgs, Walferdingens und Bitburgs mit erregten Umzügen, zerschmetterten Fensterscheiben und Türen an Ministerwohnungen". Derart ausgeprägt war der Groll gegen den Wehrdienst zu jenem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Der politische Druck im Parlament aber wuchs zunehmend: Im Zeitalter der Atombombe mache eine Boots-on-the-ground-Strategie keinen Sinn, das Essen auf dem Härebierg sei schlecht, die Betten unbequem – so die Sozialisten. Und immer wieder wurde der Kostenpunkt moniert: 1954 flossen zehn Prozent des Staatshaushalts in die Verteidigungspolitik und nur die Hälfte davon ins Bildungswesen. In den Jahren 1953/54 hatte die Armee mit dem Groupement tactique régimentaire (GTR) ihre Maximalgröße von 5 119 Mann erreicht – eine Truppenstärke, die der Akzeptanz dennoch nicht zuträglich war. So veranschaulichte ein Revue-Journalist, wie schnell Luxemburg seinen männlichen Nachwuchs auslöschen könnte: „An einem einzigen Kampftag, ja an einem sonnigen Nachmittag, kann das schöne GTR vollständig von den modernen Kriegsmitteln zermahlen und vernichtet sein! Und mit ihm dann die gesamte Blüte männlichen Nachwuchses eines ganzen Volkes!“ Hinzu kamen finanzielle Gründe für den mangelnden Übergang von Rekruten zu Berufssoldaten, wie der Ausstellungskatalog festhält: „Der Alltag als Berufssoldat war hart, eintönig und – vor allem – schlecht bezahlt.“ 1949 verdiente ein Soldat 16 Franken pro Tag, ein Arbeiter im Stahlwerk hingegen 32 Franken pro Stunde. Dass die luxemburgische Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Armee hegte, hatte aber auch mit den tödlichen Unfällen im Trainingslager zu tun – wie etwa jenem von Nikolaus Karls aus Diekirch im Jahr 1954, den Roger Manderscheid in Feier a Flam literarisch verarbeitet hat: „dat joer am manower as e jonken zaldot dout leiebliwen. beim handgranategeheien. hien hat déi defensiv handgranat nët wait genuch iwert de rand vum aerdlach erausgehait a wéi hien, wéi et virgeschriwe war, wollt kucken, wouhinner se gefall wir, as s'explodéiert. (…) aus ëm krichsspill war doudeescht gin.“ Während der Beisetzung seines Sohnes habe der Vater geschrien: „wie gët mir dann elo mai jong erëm? musse mir iwerhaapt eng arméi hun?“

Der Umzug von der Kaserne in Bitburg nach Diekirch stand schließlich in den 1950er-Jahren bevor. Laut dem Historiker Ernest Breuskin wurde Luxemburg unter Druck gesetzt, eine neue Kaserne zu errichten, nachdem Präsident Truman 1948 die Truppen in Deutschland reduzieren wollte. Zunächst wollte man in der Nähe der Hauptstadt bauen, doch aus Platzgründen entschied man sich für Diekirch, das bis 1867 bereits eine Garnisonsstadt gewesen war. Der Schöffenrat stellte sich begeistert hinter diese Pläne, da – wie er in einem Revue-Interview erklärte – die Feste „durch das militärische Element intensiver werden“ würden und er sich eine Belebung der lokalen Wirtschaft durch die Ansiedlung von Armeepersonal erhoffte. Zunächst aber musste die Gemeinde ab 1949 den Ankauf von Bauparzellen organisieren, um eine neue Zufahrtsstraße zu bauen; 200 Obstbäume mit einem Entschädigungswert von 120 000 Franken wurden gefällt und ein Bauernhof abgerissen, bevor der eigentliche Kasernenbau, der sich auf 7,3 Millionen Franken belief, beginnen konnte. 1955 war er abgeschlossen. Weil Diekirch zum militärischen Mittelpunkt wurde, schälte sich hier eine andere Einstellung zur Armee heraus: Während die meisten Einwohner – Luxemburg war ein ehemals neutraler Staat – die Armee nahezu als Fremdkörper betrachteten, stellten sich in Diekirch jedoch auch Sozialisten oft ohne Wenn und Aber hinter sie, analysiert Breuskin in einer Sonderausgabe des Gemengebuet.

1965 kippte die Stimmung unter der Jugend vollends. In der Nacht vom Freitag, dem 12. Februar, auf Samstag, den 13. Februar 1965, tauchten in den Kasernen Aufkleber auf: „Keng Milliounen fir Kanounen“, „Huelt ons d'Arméi vum Pelz, schéckt d'Offizéier op d'Schmelz“. Damit nicht genug: Die Aufkleber befanden sich auch in den Straßen, in Zugabteilen, in den Fabriken von Dudelingen und Esch, in einem Pariser Universitätsinternat, in den Kneipen von Lüttich und auf dem Wachhäuschen des Soldaten, der vor dem Großherzoglichen Palast Wache stand, wie der Historiker Henri Wehenkel nachzeichnete (d'Land, 16.07.2021). Die Aktion wurde von der Studentenvereinigung Assoss koordiniert. „Die Armee hatte so oft den Tag X geprobt, an dem der Feind hinter den Hügeln auftauchen würde – und nun war der Feind in die Kasernen eingedrungen, ohne dass es jemand bemerkt hatte“, schrieb Wehenkel. Es sind diese Entwicklungen der 1960-er-Jahre sowie die Einstellung der luxemburgischen Gesellschaft zur Armee, die in der Ausstellung kaum thematisiert werden. Einerseits kann man von einer Ausstellung nicht verlangen, dass sie alle Themen abdeckt; andererseits zeigt sich hierin möglicherweise, dass das Museum Teil der Luxemburger Armee ist.

Zwei Jahre später hatte sich – die damals zahlenmäßig große – Jugend durchgesetzt. Victor Bodson, diesmal als Kammerpräsident, eröffnete im Juni 1967 eine Debatte über das Gesetz zur Abschaffung des obligatorischen Militärdienstes. Ein halbes Jahr zuvor hatte die Kammer einstimmig einen Antrag angenommen, der vom CSV-Abgeordneten Jean Spautz (Vater von Marc Spautz) eingereicht wurde und der festhielt, „unter Berücksichtigung der Entwicklung der internationalen Lage sowie der wirtschaftlichen und demografischen Schwierigkeiten unseres Landes“, solle die Regierung mit der Nato verhandeln, um ein Verteidigungskonzept vorzusehen, „das die Abschaffung der Wehrpflicht ermöglicht“, wie im Kammerarchiv nachzulesen ist. In seiner Einleitung sagte der Rapporteur Romain Fandel (LSAP), alle Gesellschaftsschichten und insbesondere die Jugend stünden hinter dem neuen Gesetz. Die CSV-geführte Regierung unter Pierre Werner war allerdings nicht überzeugt von der neuen Richtung, die die Armee einschlug; rückblickend sagte Werner dem Land, es sei ein „kruzialer Moment" seiner Regierungszeit gewesen, als sein junger Parteikollege eine Debatte über die Wehrpflicht auslöste – es sei ein „besonders schmerzhafter Augenblick“ gewesen. Ein heranwachsender CSV-Politiker stand aber eher auf der Seite des Abgeordneten Spautz; Jean-Claude Juncker sagte letztes Jahr in dieser Zeitung: „Ich war 1967 in der Septième und war froh, keinen Militärdienst absolvieren zu müssen.“ Bis 1967 absolvierten fast 35 000 Männer den Militärdienst; der letzte Jahrgang wurde 1947 geboren. Zunächst war er auf zwölf Monate festgelegt, wurde dann auf neun, schließlich auf sechs Monate verkürzt.

Vor einem Jahr hat die LSAP-Fraktion im Parlament eine Aktuelle Stunde über die „Introduction éventuelle du service militaire obligatoire“ beantragt – natürlich um sich erneut dagegen auszusprechen. Anlass war ein acht Monate zuvor erschienenes Wort-Interview mit DP-Verteidigungsministerin Yuriko Backes, in dem sie sagte, „eventuell“ komme Luxemburg „nicht daran vorbei, über einen obligatorischen Militärdienst zu diskutieren“. Im Parlament sagt sie, sie sei falsch verstanden worden, sie habe nur festgestellt, dass hierüber europaweit diskutiert werde. Für sie aber sei die Wehrpflicht „keine Lösung“. Ihre Wiedereinführung „steht nicht im Koalitionsprogramm“. Und was sagen die Jugendlichen, wenn sie mit ihrer Schuldklasse das Museum besuchen; meinen sie, der Militärdienst könnte wieder obligatorisch werden? „Nein, die politische Debatte ist nicht zu ihnen vorgedrungen, sie ziehen keine Vergleiche zu heute“, antwortet Benoit Niederkorn.

Die von Lynn Schroeder, Philippe Victor, Marc Heinrich, Laurent Mehlen und Museumsdirektor Benoit Niederkorn konzipierte Ausstellung Ons Arméi um Härebierg ist noch bis zum 15. September zu besichtigen. Der Katalog kostet 30 Euro.

Stéphanie Majerus
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