Wie die Nationalsozialisten 1941/42 Esch-Alzette umbauen wollten

„Deutschlands westlichste Kreisstadt“

d'Lëtzebuerger Land du 26.11.2021

Wer bei nationalsozialistischer Architektur vorrangig an die durch viele TV-Dokumentationen bekannten Großprojekte von Berlin und Nürnberg denkt, verkennt, dass das Dritte Reich als totalitärer Staat versuchte, nicht nur alle Bereich des öffentlichen Lebens zu durchdringen, sondern auch alle Regionen. Der Wille, den Städten ein neues einheitliches Erscheinungsbild zu verleihen, reichte sprichwörtlich „von der Maas bis an die Memel“. Lag das Augenmerk der nationalsozialistischen Stadtplaner anfangs nur auf den als „Gauhauptstädte“ bezeichneten Verwaltungszentren im sogenannten Altreich, folgten nach der Annexion Österreichs und des Sudetenlandes Städte in diesen – nun als deutsches Territorium angesehenen – Gebieten. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Anfangserfolgen der Wehrmacht erweiterte sich der Anspruch auf die besetzten und annektierten Länder. Diente die urbane Neugestaltung im Altreich einer Selbstvergewisserung der Macht und der öffentlichen Sichtbarmachung eines neuen Gesellschaftsmodells, so hatte die Baupolitik im besetzten Ausland darüber hinaus eine identitätsstiftende bzw. identitätsüberlagernde Funktion. Die indigene Bautradition sollte ausgelöscht und eine deutsche, nationalsozialistische Identität sollte neu implementiert werden. Zusätzlich zu den ideologischen Aufgaben hatte die Architekturpolitik der deutschen Besatzer eine nicht zu unterschätzende ökonomische Dimension. Für Osteuropa ist diese Strategie vom Kunsthistoriker Richard Nemec unlängst hervorragend untersucht worden. An der durch den Krieg ebenso verschobenen Westgrenze geschah Ähnliches.

Neben dem Elsass und Lothringen gab es im 1940 faktisch annektierten Luxemburg Bauprogramme, die den Vorgaben der Machthaber in Berlin folgten. Architektur und Stadtplanung wurden in diesem Kontext zu wichtigen Elementen im Propagandaapparat, um die Luxemburger von der nationalsozialistischen Weltanschauung zu überzeugen. Die Baupolitik der Besatzer betraf in Luxemburg mehrere Projekte, darunter weitläufige Infrastruktur-Maßnahmen, welche die Anbindung an das Reich sicherstellen sollten. Treffen mit den Behörden benachbarter deutscher Städte fanden dazu statt und die vor dem Krieg von mehreren Gesellschaften betriebenen luxemburgischen Eisenbahnen wurden der Deutschen Reichsbahn überantwortet.

Eine noch höhere Aufmerksamkeit genoss der Autobahnbau. Bereits im Oktober 1940 sah der von den Nazis in Luxemburg-Stadt installierte Bürgermeister Richard Hengst das annektierte Land als künftiges „Ausfallstor des Reichs nach dem Westen“ und hatte dabei Brüssel und Paris vor Augen. Zusätzlich setzten die Machthaber auf das Flugzeug. In der Erwartung, dass nach dem Krieg der zivile Luftverkehr erheblich zunehmen würde, wurde überlegt, wie der Großraum Luxemburg daran angeschlossen werden könnte. Ein schon vor 1939 diskutierter Flughafen Luxemburg-Trier war weiterhin im Gespräch, der gemäß der skeptischen Lufthansa jedoch nur als Kurzstreckenzubringer für Köln und Frankfurt dienen sollte. Zusätzlich stand eine Erweiterung des Flugplatzes Esch zumindest im Raum, wie die „Aktiengesellschaft für den Ausbau und Betrieb vom Flughafen Esch/Alzig“ belegt.

Alle Vorhaben kreisten um die Idee der Nazis, Luxemburg in ein Fremdenverkehrszentrum umzuwandeln. Obwohl sie wie rein ingenieurtechnische Bauvorhaben erscheinen, sind sie deutlich mit der NS-Ideologie verwoben. Andere Projekte lassen dies noch stärker erkennen, beispielsweise die Planungen von Schwimmbädern an der Obermosel sowie die Ausschreibung von Wettbewerben für den Bau von Jugendherbergen.

Allem voran sind jedoch drei umfangreiche stadtplanerische Umgestaltungen bekannt geworden, die für die Städte Luxemburg, Esch und Diekirch vorgelegt wurden. Im Spätsommer 1941 besuchte Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz den neuen „Moselgau“. Auf einer der zugehörigen Parteiveranstaltung verkündete er die Bauvorhaben für die drei Städte offiziell und sah sich zudem erste Pläne und Modelle an, wie u.a. das Escher Tageblatt am 16. September 1941 berichtet.

Während die Pläne für Luxemburg-Stadt, wo ein überdimensioniertes Parteiforum auf dem Plateau Kirchberg entstehen sollte, dank einiger Forschungsarbeiten bekannt sind, weiß man über die Maßnahmen in Diekirch bislang fast nichts. In der dortigen Ratsherrensitzung vom 27. August 1942 wurde nur allgemein „der weitere Ausbau und eine planvolle Gestaltung der Stadt“ (so das Luxemburger Wort am folgenden Tag) festgehalten. Bis auf die Schaffung finanzieller Rücklagen für Sportstätten geschah wohl wenig. Anders war die Situation in Esch-Alzette, wo weitere Schritte eingeleitet und Pläne aufgestellt wurden, die lange kaum beachtet wurden; einzig Alain Linster hat sie 1999 kurz im Lëtzebuerger Almanach vorgestellt.1

Nach Luxemburg darf Esch sicherlich als zweitwichtigste Stadt im besetzten Land gelten, besonders wegen der kriegswirtschaftlichen Bedeutung der Stahlverhüttung. Während des deutschen Einmarschs hatte die Stadt ca. 27 500 Einwohner. Nach der Eingemeindung Schifflanges im Jahr 1941 stieg die Zahl auf ca. 32 000. Esch – im Nazi-Jargon mit dem Beinamen „an der Alzig“ germanisiert – war ein kriegswichtiger Standort, dessen symbolische Bedeutung als Grenzposten im Westen zudem propagandistisch überaus wertvoll war. Im Hinblick auf eine bewusste Abschottung nach Frankreich feierte die NS-Propaganda Esch fortan als „Deutschlands westlichste Kreisstadt“, wie das Escher Tageblatt am 11./12. Juli 1942 berichtet. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, Neugestaltungspläne vorzulegen.

Durch die Escher Ratsherrensitzungen, von denen die Presse oft ausführlich, wenn auch propagandistisch eingefärbt, berichtete, kennen wir die Planungsabsichten. Aufschlussreich ist eine Auflistung, die am 10. November 1941 im Luxemburger Wort publiziert wurde. Da Esch über seine Funktion als Industriestandort hinaus perspektivisch zu einem deutschen Verwaltungszentrum ausgebaut werden sollte. Nach dem Krieg – so das Wort – „würden große und zahlreiche Neubauten zu errichten sein, und zwar ein Kreisforum, Landratsamt, Finanzamt, Arbeitsamt, Amtsgericht, Hitlerjugendheim und Unterkunft für HJ-Führung, Mädchen-Oberschule, Hauptschule, Wirtschaftsoberschule, Volksmusikschule, Kreissparkasse, Beamtenwohnungen, Volkswohnungen, Kleinsiedlungen, Sportgelände mit Schwimmbad und ein Wasserwerk.“ Der laufende Krieg war zugleich ein passables Argument, den großen Ankündigungen keine Taten folgen zu lassen. Lediglich kostengünstige „Ortsverschönerungen“ wurden umsetzt. Dahinter verbergen sich das Pflanzen von Sträuchern und das Einzäunen von Baulücken.

Welche ideologischen Hintergründe den nationalsozialistischen Bebauungsplänen für Esch-Alzette zugrunde lagen, wird in einem Artikel im Tageblatt vom 8./9. November 1941 deutlich: Behauptet wird, Esch sei „eine typische Industriestadt, die in einer Zeit amerikanischer Entwicklung eine gewisse Gründerperiode mitgemacht hat, mit allen ihren Schwächen und Fehlern [...] ohne Baukultur und ohne Baugesinnung.“ Man kritisiert die zu hohen Häuser mit großbürgerlichen Fassaden in einer ländlichen Umgebung und vermisst „eine bodenständige und heimatgebundene Bauweise“.

Beide Zeitungsartikel vom November 1941 entstanden anlässlich der ersten Escher Sitzung der Ratsherren unter dem kommissarischen Bürgermeister Otto Komp. Aus dieser Zeit stammt auch das erhaltene Planmaterial, welches heute zur Sammlung des Musée National de la Résistance et des Droits Humains (MNRDH) gehört.2 Signiert sind die Skizzen vom Leiter des Stadtplanungsamtes, einem Baurat Karl-Heinz Löb. Über ihn weiß man wenig, doch lassen sich mittels einiger Einwohnermelde-Karteien Einzelhinweise zusammentragen. Geboren wurde er am 25. August 1908 in Mannheim als Sohn von Adam und Johanna Löb, geb. Schmieg. Er stammte somit aus einer erfolgreichen Architektendynastie, die um 1900 zum wohlhabenden Großbürgertum in Mannheim zählte. In Esch wurde er als reichsdeutscher Bürger und Architekt evangelischer Konfession geführt, der seinen Hauptwohnsitz in Koblenz hatte. Dort wohnte er seit Ende März 1938 und hatte er am 3. April 1940 eine Margarta Graf geheiratet. Im November 1944 verliert sich die Spur der beiden, nachdem das Ehepaar nach Kirchen an der Sieg (Rheinland-Pfalz) umgezogen war.

Löbs überlieferte Pläne für Esch-Alzette sind größtenteils auf den 9./10. September 1941 datiert und vermitteln einen anschaulichen Eindruck von den Vorhaben um ein Parteiforum. Erhalten haben sich ein Gesamtplan, Grund- und Aufrisse sowie eine farbige Isometrie. Zweifellos handelt es sich um das Material, das in der Ratssitzung vom 22. Januar 1942 den Verantwortlichen vorgelegt wurde. Luxemburger Wort und Escher Tageblatt berichten am folgenden Tag, dass Baurat Löb ein Gipsmodell und Planskizzen präsentierte, um die laufenden Planungen vorzustellen. Auch wenn das erwähnte Modell den Krieg wohl nicht überstanden hat, gibt es eine Fotografie, welche sich mit den Plänen deckt und damit Rückschlüsse über die geplanten Maßnahmen erlaubt.

Im Nordosten der Stadt wollte man den Schlossgarten neben dem Chateau Berwart als Bauplatz nutzen. Auf diesem Areal waren die umfangreichsten Maßnahmen geplant, die auf den Plänen als „Parteiforum“ bezeichnet werden. Im Entwurf besteht das Parteiforum aus vier Baukörpern, die drei Seiten eines Appellplatzes umschließen. Die vierte Seite öffnet sich zur Stadt hin, wo zwei lange Gebäuderiegel mit Laubengängen ein Wasserbassin der Alzette flankieren. Dieser Weg – ungefähr entlang der heutigen Rue Helen Bucholtz liegend – vermittelt den Eindruck einer gewachsenen Struktur. Die mittelalterlich wirkenden Bogengänge sind ein gängiges Motiv der NS-Architektur, wenn es darum geht, einen „altdeutschen“ Charakter einer Stadt zu entwerfen.

Unter dem angrenzenden Appellplatz wäre die Alzette unterirdisch kanalisiert worden und erst hinter dem Forum wieder zum Vorschein gekommen. Zur Stadt hin schließt das Bassin an den heutigen Place de l’Hôtel de Ville an. Als Entreesituation sind zwei schematische Denkmäler erkennbar. Obwohl sie weder in den Zeichnungen noch auf dem Modellfoto exakt sichtbar sind, erinnern sie an die vom Kölner Bilderhauer Willy Meller geschaffenen Adler aus dem sogenannten Adlerhof der Ordensburg Vogelsang in der Eifel. Auf dem Platz selbst ist ein Pavillon zwischen Baumreihen zu erkennen sowie ein Bau mit Walmdach an der Südwestseite. Die dort vorhandenen Häuser am Place Norbert Metz hätten scheinbar weichen müssen.

Der Zweck der Gebäude des Forums ist insofern erschließbar, da derartige Anordnungen einem gewissen Kanon verpflichtet sind, der auf Hitler selbst zurückgeht: Im Februar 1941 schrieb sein protegierter Architekt Albert Speer an den erwähnten Reichsschatzmeister Schwarz: „Grundsätzlich wünscht der Führer in allen Gauhauptstädten die Errichtung eines Gauforums, an dem in der Hauptsache die Parteibauten, eine Gauhalle, ein Kundgebungsplatz, ein Glockenturm, aber auch die Behörde des Reichsstatthalters einen Sitz hat. Dieses Gauforum ist [...] der Mittelpunkt aller städtebaulichen Überlegungen.“3

Prinzipiell entspricht die Escher Anordnung dieser Vorgabe, selbst wenn sie als Parteiforum auf Kreisebene in der Verwaltungshierarchie eine Stufe tiefer liegt. Fixpunkt ist die Versammlungshalle, die im Grundriss als dreischiffiger Raum mit quergelagertem Vorraum angelegt ist. An den Seiten sitzen zwei Treppenhäuser für die Emporen im Obergeschoss. Zum Platz hin setzt sich der Vorraum auf gleicher Breite als offene Säulenalle (in der klassischen Architektur würde man von einer „Stoa“ sprechen) fort. In den Eckräumen sind die sanitären Anlagen untergebracht. Die Fassade setzt mit ihren neoklassizistischen Kolossalsäulen und den breiten Seitenpylonen mit Reichsadlern auf eine theatralische Wirkung. Die Trauf- bzw. Attikahöhe hätte bei ca. 17m gelegen. Mit über 60m mehr als dreimal so hoch wäre der seitliche Glockenturm geworden. Auf einem massiven Untergeschoss sitzt er als schlanker Campanile, als dessen Bekrönung eine Laterne mit Aussichtsplattform dient. Über den tieferen Sinn solcher Türme, die fester Bestandteil eines jeden NS-Parteiforums sind, wurden bereits verschiedene Überlegungen angestellt. Die Annahme, dass man sich religiöser Motive bedient, um dem Regime eine pseudosakrale Aura zu verleihen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die beiden Gebäude, die die Halle flankieren und damit den Platz einrahmen, dürften für die Parteiverwaltung gedacht gewesen sein. Es handelt sich um unterschiedlich große, formal recht traditionelle, dreigeschossige Verwaltungsbauten. Sie sind mit einer Erdgeschossrustika versehen und weisen mit der Hauptfassade zum Platz hin. Der größere Bau erinnert an den Bautyp des Stadtpalais mit einem winkelförmigen Grundriss, der sich an der Nordseite zum Berwart-Park hin als Laubengang geöffnet hätte. Der kleinere Komplex hat einen rechteckigen Grundriss, mit einem sogenannten „Führerbalkon“ über dem platzseitigen Eingang. Bei der Anbringung dieses Architekturmotivs an öffentlichen Gebäuden ging es kaum darum, dass Hitler jemals dort stehen würde. Es ist eher ein Herrschaftszeichen, das – wie es Wolfgang Schäche es formulierte – „mit der Aura der Allgegenwärtigkeit des Führers“ besetzt ist.4

Insgesamt ist das Erscheinungsbild des für Esch geplanten Parteiforums jedoch wenig spektakulär. Stilistisch sind die Bauten am Heimatschutzstil orientiert, wenngleich das endgültige Aussehen noch nicht vollständig determiniert war. Verglichen mit den großspurigen, aber immerhin ungewöhnlichen Plänen für den Kirchberg wirken die Escher Entwürfe unkreativ. Das Forum besteht aus den obligatorischen Komponenten in der gängigen Kombination, die spätestens seit 1937, mit der Errichtung des Weimarer Gauforums, einen eigenen Bautyp bildeten. Das Weimarer Forum wiederum war das Vorbild für zahllose weitere Städte, was zu einer architektonischen Uniformität in den Parteiforen führte, die sogar den Machthabern teilweise unangenehm aufstieß. Andererseits waren die Pläne für das Escher Parteigelände somit stilistisch und formal absolut konform auf Parteilinie. Dennoch offenbaren sie durchaus Schwächen in architektonischer und stadtplanerischer Hinsicht. Der Turm wirkt geradezu absurd überlängt und auf Verkehrsströme wird keine Rücksicht genommen. Die gewünschte Lage war ohnehin unglücklich gewählt, direkt an einer Industriebahnlinie gelegen, die seit dem Bau der „Ronn Bréck“ 1926/27 die Metallwerke Terres-Rouges mit der Arbed verband. Aufgrund der (bis zum Abriss 2017) stadtbildprägenden Brücke musste die Halle aus der Achse verschoben werden. Irgendwelche Baufluchtlinien greift keines der Gebäude auf.

Warum wurde dann überhaupt dieses Areal ausgewählt? Ideologische Gründe scheiden nahezu aus. Das alte Chateau Berwart, von dem heute noch ein Turm übrig ist, bot keinen Bezugspunkt, um eine deutsche Vergangenheit zu konstruieren und wird ohnedies im Plan kaum einbezogen. Möglicherweise wurde stattdessen die Nähe zur Industrie bewusst einkalkuliert. Städtebaulich schloss man die Lücke zwischen dem frisch eingemeindeten Schifflange und dem alten Ortskern von Esch. Zugleich sorgte man für eine Neuorientierung der Stadt nach Nord-Osten – also in Richtung Deutschland. Diese Strategie verfolgten nationalsozialistische Stadtplaner auch andernorts, beispielsweise auf dem Kirchberg, in Krakau oder in Straßburg.

Das Forum selbst ist freilich auf die Innenstadt ausgerichtet. Es sollte am Ende der in Adolf-Hitler-Straße umbenannten Rue de l’Alzette liegen, die ihren Anfang am Brill-Platz (heute Place de la Résistance) hatte. Dort war eine zweite Platzanlage vorgesehen, welche der heutigen Situation nicht einmal unähnlich ist. Sie war zweifellos als Pendant zum Parteiforum gedacht, so dass die leicht gebogene Rue de l’Alzette als Verbindungsweg und Aufmarsch-Achse dienen konnte. Derartige Konzepte finden sich in NS-Planungen häufiger. Dasselbe geschah z.B. in Luxemburg mit der Avenue de la Liberté (ebenfalls in Adolf-Hitler-Straße umbenannt) anlässlich der Kreistage.

Ohnehin waren die Kreistage zentrale Instrumente der Selbstdarstellung des Regimes in Luxemburg. Neben der inszenatorischen Besetzung des öffentlichen Raums mit ephemeren Denkmälern und Hakenkreuzfahnen benötigte die NSDAP zwingend Räumlichkeiten, um Kundgebungen mit mehr oder weniger großer Parteiprominenz durchzuführen. Bis zur Fertigstellung der geplanten Halle konnte man daher nicht warten. In Luxemburg-Stadt lag mit der Halle auf dem Limpertsberg ein adäquater Veranstaltungsraum vor und eine ähnliche Lösung wurde für Esch gesucht. Zunächst war man in provisorische Zeltbauten ausgewichen, doch forderten die Parteibehörden für den Kreistag 1942 eine etwas repräsentativere Lösung, die in der Anmietung einer ehemaligen Autogarage bestand. Die als „Stadthalle“ titulierte Garage gehörte dem Escher Unternehmer Lise Giro, der seit 1905 in der Transport-, Fremdenverkehrs- und Automobilbranche aktiv war. Die Räumlichkeiten existieren übrigens bis heute als ehemalige „Muart-Hal“. Freilich war der NSDAP die Halle und insbesondere ihr Eingangsbereich an der an der Rue Xavier Brasseur nicht pathetisch genug, so dass Karl-Heinz Löb Ende 1941 entsprechende Anpassungen vornahm. Im Inneren ging es vorrangig darum, eine Bühne mit einem Reichsadler im Strahlenkranz zu entwerfen, dessen Umsetzung auf Fotos von NS-Veranstaltungen belegt ist. Gleichermaßen wie eine Theaterkulisse wirkt das Eingangsportal des Außenbaus, das in einer Planskizze an einen Triumphbogen erinnert, jedoch etwas pragmatischer umgesetzt wurde.

Zu den weiteren Plänen Löbs zählt ein Entwurf für den Einbau einer Pförtnerloge in das Kreisleitergebäude sowie ein Blatt, das mit „Vorprojekt zum Kinderspielplatz zwischen Vinzenz und Wasserstraße“ überschrieben ist. Die Studie erwähnt nicht, dass der Platz erst entstanden ist, nachdem die Synagoge Anfang Juni 1941 abgerissen worden war. An dieser Stelle einen Kinderspielplatz anlegen zu wollen, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Heute befindet sich an der Stelle ein Mahnmal, während der Neubau der Synagoge nach der Befreiung etwas weiter westlich erfolgte.

Abschließend kann festgehalten werden, dass sich die Geschichte der nationalsozialistischen Stadtplanung in Esch mit dem Ablauf solcher Bauvorhaben andernorts deckt. Der Enthusiasmus der Planer ist zu Beginn groß, teilweise überbordend und die Pläne sind unabhängig von der Machbarkeit hochfliegend. Tatsächlich umgesetzt wurde jedoch meist nur wenig. In Esch beschränkt es sich auf „kosmetische“ Eingriffe, wie den Umbau der Stadthalle. Die weitreichendste Maßnahme ist nicht einmal ein Aufbau, sondern eine perfide Zerstörung – der Abriss der Synagoge. Der Mangel an Arbeitskräften und Rohstoffen sorgte bald für das Einstellen aller Pläne, die mitunter schon zuvor eher als Gedankenspiele bezeichnet werden können. So ist von einem eigenen Theater für Esch die Rede und ein ambitionierter Kino-Neubau ist im Gespräch. Konkreter war der Plan einer „Moselfranken“ genannten Wohnsiedlung. Sie war – im Gegensatz zur Darstellung in der Propaganda – kein neues Programm, sondern resultierte aus der Übernahme der seit 1919 existierenden Société pour la construction d’habitations à bon marché. Am 2. November 1941 wurde ein Modell von sechs Vierfamilienhäusern vorgestellt, das vier Häuser ergänzen sollte, die bereits 1939 an der Rue Marie Muller Tesch errichtet worden waren. Am 26. November 1942 referierte der scheidende Bürgermeister Komp im Escher Tageblatt, dass alle Grundstücksfragen geklärt seien und die Pläne „fix und fertig“ in der Schublade lägen.

Selbstredend kamen weder diese Häuser noch das Parteiforum von Esch ansatzweise in eine Realisierungsphase. Alle Bauanträge im Krieg mussten dem Landrat und dem Hochbauamt vorgelegt werden. Involviert war zudem das Arbeitsamt, das gegebenenfalls Arbeitskräfte und Bezugsscheine für die rarer werdenden Baumaterialien zusteuerte. Aus Mangel an beidem wurde schließlich ein Bauverbot verordnet, das nur bei kriegswichtiger Dringlichkeit außer Kraft gesetzt werden konnte. Im März 1943 gelang dies z.B. der Arbed, der Kleinbessemerei in Rodange sowie der Reichsbahn für die Instandsetzungen von Gleisen und der Erzladerampe bei Esch-Hoehl. Ansonsten betrafen die Ausnahmen meist Lösch-Teiche und Luftschutzkeller sowie ab 1944 mehrere bei Bombenangriffen beschädigte Bauernhöfe, deren Rolle für die Versorgung so sichergestellt werden sollte.

Mit den überdimensionalen und pathetischen Plänen der NSDAP zur Umgestaltung von Esch haben diese anspruchslosen Reparaturen und Umbauten, die sich zudem oft in bürokratischen Verfahren verzettelten, letztlich nichts mehr zu tun. Vom großspurigen Anspruch der angekündigten „Aufbauarbeit“ des Dritten Reichs blieb im Angesicht der militärischen Niederlage wenig übrig. Sucht man heute nach den Spuren der NS-Architektur im Escher Stadtbild, dann fallen eher die Zerstörungen, wie der Abriss der Synagoge, auf.

1 Vgl. Alain Linster: Architekturanalphabetismus? Noch nie wurde in einem Jahrhundert so viel gebaut, in: Lëtzebuerger Almanach vum Joerhonnert 1900-1999, bearb. von Rob Kieffer, Romain Kohn und Marianne Trausch. Luxemburg 1999, S. 460-483, hier S. 470. –
Der vorliegende Text basiert auf meinem zweijährigen FNR-Projekt IDEL an der Universität Luxemburg unter der Supervision von Michel Pauly und einer daraus resultierenden Studie, die 2021 im Band Luxemburg und das Dritte Reich – eine Bestandsaufnahme publiziert wurde. Dort weitere Einzelnachweise.

2 Musée national de la Résistance et des Droits Humains, Inv. Nr. D-Naz-Of-4500-ve bis D-Naz-Of-4511-ve.

3 Zit. nach Jost Dülffer, Jochen Thiers und Josef Henke: Hitlers Städte. Baupolitik im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Köln u.a. 1978, S. 66.

4 Wolfgang Schäche: Architektur und Städtebau in Berlin zwischen 1933 und 1945. Planen und Bauen unter der Ägide der Stadtverwaltung. Berlin 1991, S. 210.

Stefan Heinz
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