Paul Hummer (1859-1917) – Der Versuch das Volk zur Nation zu erziehen

„Mehr als eine Träne flimmerte auf der Wange“

d'Lëtzebuerger Land du 06.03.2026

Volksaufklärung, Volkstümelei und Nationalstaatsbildung sollten für viele Gelehrte im 19. Jahrhundert Hand in Hand gehen. Insbesondere eine engagierte Lehrerschaft machte es sich zur Mission, die Nation unter das Volk zu tragen. Anschaulich nachvollziehen lässt sich dies bei Paul Hummer. 1859 in Rodingen geboren, war Hummer Teil „jener literarisierenden Erzieher-Generation, die sich fast frenetisch dem Aufspüren von folkloristischen Besonderheiten hingab“, resümiert 1981 der luxemburgische Kulturhistoriker, CSV-Politiker und Warte-Herausgeber Pierre Grégoire. Hummers Biographie ist ein anschauliches Beispiel für das Leben und Wirken als Kleinbeamter in Luxemburg an der Jahrhundertwende. Achtzehn Jahre lang war er als Primarschullehrer in Bergem, Mompach und Neunhausen tätig, bevor er 1897 ein Wirtshaus in Rodingen eröffnete. Der Schriftstellerei blieb er sein Leben lang treu. Seine Sammlung Die Luxemburger Kinderspiele und andere Jugendschriften brachten ihm den Ruf des ersten luxemburgischen Kinderbuchautors ein. Folklore und Religion prägten sein Werk: Das als Fantasie untertitelte Werk Der Zauber des Titelberges imaginiert die Geschichte der Minette-Region unter den Römern, Hummer verfasste zudem eine Biblische Geschichte in Sonetten. Er starb 1932, Michel Molitor zufolge noch mit der Feder in der Hand, während der Arbeit an seinem unveröffentlichten Roman Das zerstörte Lebensglück.

Hummer war ein engagierter Akteur der luxemburgischen Volkskunde. Vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Urbanisierung berief man sich auf eine als national interpretierte Volkskultur, in der man eine verlorene Ursprünglichkeit bewahrt sah. Eifrige Sammler machten sich auf die Suche nach dem luxemburgischen Kulturerbe, das man in Sagen, Märchen und Gebräuchen zu finden glaubte. Solche Editionsprojekte verfolgten etwa Edmond de la Fontaine, genannt Dicks, sowie der Lehrer und Direktor des Athenäums Nicolas Gredt. Über fünfzig Sagen steuerte Hummer zu Gredts Sagenschatz des Luxemburger Landes bei. Sie erzählen von walpurgisnachtartigen Hexenfesten, fliegenden Grenzsteinen und Geistern im Feldlager des Napoleonischen Heers. Manche Sagen zeugen vom germanischen Götterglauben, wie „Das Wodansheer zu Rodingen“: „Alte Leute aus Rodingen wissen noch zu erzählen, daß sie ehemals zu verschiedenen Zeiten des Jahres in der Luft fliegendes Feuer mit Musik wahrnahmen. Sogar am Allerheiligentage wurde diese Nachtmusik, auch Hexenmusik genannt, gehört.“ Andere Erzählungen lassen magische Wesen als Träger moralischer Lektionen auftreten. Die Geschichte „Das Salzmännchen bei Born“ erzählt von zwei Wanderern, die das Werkzeug ihrer Nachbarn stehlen, um das dort hausende Salzmännchen zu entführen. Das Salzmännchen lässt sich das jedoch nicht gefallen: „Am folgenden Morgen fand man an der bekannten Stelle den gestohlenen Hanf. Das Salzmännchen hatte die beiden so arg durchgeprügelt, dass sie schließlich den Hanf fallen ließen und sich nach Hause flüchteten. So soll es jedem ergehen, der sich an fremdem Eigentume vergreift.“

Wie viele seiner Amtsgenossen war Hummer aber nicht nur Beobachter und Dokumentator des Volkes, sondern betätigte sich auch als Volksaufklärer: „Freie, unabhängige Luxemburger wollen wir sein und bleiben!“ Mit diesen Worten leitet er seine Schrift Ons Hémécht oder Bilder aus Luxemburg (1891) ein. Der Band sollte eine „Luxemburger Volks- und Jugendbibliothek“ begründen, blieb jedoch das einzige Exemplar. Entsprechende Schriftenreihen wurden um die Jahrhundertwende immer wieder gegründet. Die steigende Alphabetisierung der Bevölkerung begünstigte solche Vorhaben, wenngleich die wenigsten Reihen es auf mehr als einen Band brachten. Möglichst kostengünstig gedruckt, zielten sie auf eine breite Verbreitung im Volk ab, im Geist des „prodesse et delectare“.

So auch Hummers Schrift. Sie macht den Leser mit den historischen, geographischen und kulturellen Gegebenheiten des Landes vertraut. Aus heutiger Sicht fremdartig anmuten mag Hummers starke Verklärung. Viele Passagen erinnern an Benedict Andersons berühmte Definition der Nation als „vorgestellte Gemeinschaft“. Diese Gemeinschaft lässt Hummer in royalen Einzügen, Begräbnissen und Vermählungen lebendig werden: „Aus allen Teilen des Landes hatten sich denn auch Zuschauer eingefunden, um der hehren Feier beizuwohnen. Nach Tausenden zählte die Menge, die sich in den Straßen drängte und der Ankunft des Königs und der Königin harrte.“ Doch das Volk ist nicht nur anonyme Masse: „Überall jubelte das Volk dem hohen Paare entgegen, und mehr als eine Träne flimmerte auf der Wange manches alten Mütterchens.“ Die Nation gründet auf Freudentränen, nicht auf Verträgen. Eine Vielzahl an patriotischen Liedern soll dem gemeinschaftlichen Gesang dienen und die Nation im Alltag verankern.

Ganz der Erzieher, gemahnt Hummer den Leser aber auch immer wieder seiner patriotischen Pflichten: „Ja, Liebe und Dankbarkeit gegen das Vaterland ist die erste Bürgerspflicht, denn von ihm erhalten wir alle Vorteile, welche das gesellschaftliche Leben dem Menschen bietet.“ Hummers Schrift ist dann auch in erster Linie auf Sinnstiftung ausgelegt. In einem historischen Abriss erscheint das Großherzogtum nicht als zufälliges Resultat politischer Diplomatie, sondern als zeitloser Kultur- und Erinnerungsraum. Fremde Herrscher kommen und gehen, Luxemburg bleibt. Eine Erzählung, die sich ab 1839 verfestigte, als der Londoner Vertrag die endgültige Abtrennung der französischsprachigen Westhälfte festlegte. Die Sprache der verblieben Hälfte galt als deutsche Mundart. Wie sollte ein solches Land zu einer nationalen Identität finden? Die wichtigsten Distinktionsmerkmale der Nation, die jeweils eigene Sprache und Geschichte, trafen auf Luxemburg nicht zu. Die hiesigen Bedingungen des Nationalbildungsprozesses unterschieden sich stark von anderen europäischen Staaten. Während Deutschland und Italien als Nationen ohne Staat galten, war Luxemburg seit 1839 ein Staat ohne Nation. Das Land ging nicht unmittelbar aus einem Kampf um nationale Unabhängigkeit hervor, sondern war von interessengeleiteter Diplomatie zwischen den europäischen Großmächten mitbestimmt.

Seit 1839 vollzog sich ein Prozess, den die Nationenforschung der letzten Jahrzehnte vermehrt herausgestellt hat: Nationen entstehen nicht allein durch Kommunikation, sondern auch durch die Verankerung in der Lebenswelt ihrer Mitglieder. Der Aufbau eigenständiger politischer Strukturen und einer staatlichen Verwaltung festigte das Zugehörigkeitsgefühl der Bevölkerung zum neu gegründeten Staat. Zugleich wurde in Luxemburg aber auch gezielt Nation Building betrieben. Die Kulturnation folgte dem Staat sozusagen nach. Sie war kein Projekt der gesellschaftlichen Eliten, sondern ging vor allem vom Kleinbürgertum aus. Das kleine, bäuerlich geprägte Land konnte nicht auf große kulturelle Zentren blicken wie die Nachbarländer. Das Wirtschaftsbürgertum orientierte sich kulturell an Frankreich, der neu gegründete Staat war keine identifikatorische Bezugsgröße. In diesem Kontext waren es vor allem Beamte und Lehrer, die die Entstehung einer gebildeten Öffentlichkeit vorantrieben. Sie gründeten Fachorgane, Zeitungen und Vereine.

Vor diesem Hintergrund überstand das Land die Zerreißprobe der Luxemburgkrise 1867, auch aufgrund eines starken Widerstands in der Bevölkerung. „Keng Preise ginn“, war der Tenor der Stunde. Nicht zufällig widmet Hummer einen großen Teil seiner Schrift Michel Lentz. Die Frage nach dem Status des Luxemburgischen stellte sich vor dem Hintergrund der Luxemburgkrise umso vehementer. Eine Nation ohne eigene Sprache war dem 19. Jahrhundert unvorstellbar. Ein umso größeres Anliegen war es den hiesigen Patrioten, das Luxemburgische vom Deutschen abzugrenzen. Nicolas Gredt postulierte etwa eine essentialistische Verbindung zwischen der luxemburgischen Sprache und dem Charakter ihrer Sprecher. Damit eng verbunden war die Literatur: Ein Volk ohne literarische Produktion – in der Nationalsprache wohlgemerkt – galt als geistiges Niemandsland. Die Nation brauchte einen Nationalautor. Zu diesem erkürt Hummer Michel Lentz. Unter seiner Feder sei das Luxemburgische zur Literatursprache gereift. Insbesondere der Feierwon sei dem Volk Nationallied und Freiheitshymne geworden, so Hummer. Der berühmte Vers „Mir wellen bleiwen wat mir sinn“ sei „dem Volk Dolmetscher seiner Gefühle“, der Dichter zum Sprachrohr der Volkseele geworden: „In den Liedern, die das Volk singt, ist auch des Volkes Seele verborgen. Mit vollem Rechte kann der Dichter sagen, daß die Lieder der vaterländischen Sprache unsere Seele mächtig ergreifen. Er griff in die Leyer, und als die ersten Lieder unserer heimatlichen Laute erklangen, da herrschte Jubel und Freude unter seinem Volke.“

Hummer unternahm den Versuch, das Volk zur Nation zu erziehen. Was der Gegenwart suspekt erscheint, lässt sich im 19. Jahrhundert in einer Vielzahl europäischer Länder beobachten. Die Nation folgte ihrer Beschwörung immer schon nach – und wurde letztlich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Auch in Luxemburg.

Sophie Modert
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