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Hundstage

d'Lëtzebuerger Land vom 26.11.2021

Es sind Zeiten des Umbruchs. Montana, 1925: Die gegensätzlichen Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) sind Inhaber einer großen Ranch. George hat die sich anbahnende Modernisierung bereits akzeptiert, er fährt ein neues Automobil und kleidet sich auffallend gut. Nicht so Phil: Er ist ein hartes Raubein, ein Cowboy alter Schule. Das Reiten scheint diesen Mann geformt zu haben: Sein Gang und seine Haltung sind vom jahrelangen Sitzen im Sattel geprägt, auch geht er gerne ungewaschen zu Bett. Als George heimlich die verwitwete Rose (Kirsten Dunst) heiratet und sie mitsamt ihres schüchtern und schwächlich wirkenden Sohnes Peter (Kodi Smit-McPhee) mit auf die Rinderranch bringt, sieht Phil sich in seiner Existenz bedroht; er entwickelt sich zunehmend zu einem willentlichen Störfaktor, und bald schon bestimmen Spannungen und Paranoia das Leben auf dem Anwesen.

Mit The Power of the Dog kehrt die neuseeländische Regisseurin Jane Campion zurück auf die Leinwand und konnte sich im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie sichern. Der Film, der auf einer Romanvorlage von Thomas Savage basiert, soll nach einer ersten Kinoauswertung Anfang Dezember 2021 auch auf Netflix ausgestrahlt werden. Trotz aller semantischen Merkmale bewegt sich The Power of the Dog in seiner Dramaturgie näher am psychologischen Thriller denn an den klassischen Genremustern des Westerns. Beinahe kammerspielartig bringt Campion ihre Figuren zusammen. Die Neuseeländerin ist mit Filmen wie The Piano (1993) oder Bright Star (2009) als eine Regisseurin bekannt geworden, die mehr der Suggestion als der offenkundigen Deklaration verpflichtet ist. In The Power of the Dog liegt es wohl am herausragenden Schauspielensemble, dass diese Suggestionsstrategien aufgehen. Nie wird in der Dreieckskonstellation Cumberbatch – Smit-McPhee – Dunst ganz offensichtlich, wer gerade im Begriff ist, Unheil hervorzurufen. Die arrangierte Konstruktion, mit der die Handlung sich für den Zuschauer bis zum Schluss undurchschaubar und verwirrend gestaltet, lässt keine Chance bei der Suche nach einem „Schuldigen“. Gerade der letzte Teil bietet des Films eine geistreiche Analyse über die Zusammenhänge von Liebe, Schutzberufung und Verbrechen.

Mit The Power of the Dog lässt der Western – zusammen mit Filmen wie Ang Lees Brokeback Mountain (2005) – mehr als das klassische Männlichkeitsbild hinter sich: Das Genre beginnt, sich selbst neu zu gestalten. Campion gewinnt dem Genre Impulse ab, die um Vergeltung benso wie um Vergebung und Erlösung kreisen. Phil stellt seine Überlegenheit so augenfällig zur Schau, dass es weniger Zeichen bedarf – allein der Name ist bedeutsam –, um seine Hypermaskulinität als Deckmantel für seine Homosexualität zu erkennen. Es sind nicht so sehr die Dominanzbehauptungen des Helden, denen die Aufmerksamkeit gilt, sondern seine Wunden, weil er als strahlende oder als lakonische Heldenfigur gar nicht mehr glaubwürdig ist. Er ist ein Mensch, von dessen Motivationen wir nie genug erfahren, um ihn ins traditionelle Schema von Gut oder Böse platzieren zu können, und weil er ein Mensch ist, der ums Überleben, um seine Existenz kämpft, ist er uns seltsam vertraut. Mithin weitet Campion unsere Toleranzschwelle aus. Wir nehmen hin, dass dieser Phil die Grenzen der Achtbarkeit weit überschreitet und dabei Dinge tut, die einen anderen das Ansehen als Held kosten würden. So kann er denn auch nur – nicht umsonst gliedert Jane Campion ihren Film in fünf Akte – tragisch werden. Der Held dieses Westerns muss sich gefallen lassen, von seiner filmischen Schöpferin nach seinem Wesen befragt zu werden. Was The Power of the Dog indes mit dem klassischen Hollywood-Western verbindet, ist seine Entfremdung: nicht glücklich sein zu können, verzichten und das Dasein allein fristen zu müssen, sterben in aller Nichtigkeit, ohne ein Ziel erreicht zu haben – das gehört zum Wesen der Westernhelden wie ihre Einsamkeit.

Marc Trappendreher
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