In Hades will der Sohn des Königs der Unterwelt fort vom Verwaltungs-Charakter seines Zuhauses

Die alten Leiden des jungen Zagreus

d'Lëtzebuerger Land du 29.01.2021

Manche Videospieltitel werden so sehnlichst erwartet, dass die Katastrophe am Erscheinungstag vorprogrammiert ist. Cyberpunk 2077 hat sich mit der völlig verfrühten Veröffentlichung Anfang Dezember wirklich keinen Gefallen getan. Unfertig, voller Glitches und Bugs, und davon mal abgesehen einfach nicht das versprochen revolutionäre Spielerlebnis. Resultat: Sony entschied, Cyberpunk 2077 nach nur wenigen Tages aus dem Playstation Store zu nehmen. Das Zugrabetragen dieser Totgeburt hat somit begonnen. Und alle schaufeln mit. Der biblische Kalauer: „Hochmut kommt vor dem Fall“, ist hier durchaus passend.

Hersteller/innen von Indie-Spielen sind diesem Druck aus allen Himmelsrichtungen in der Regel nicht ausgesetzt. Mit Hades zum Beispeil hat die kalifornische Firma Supergiant Games ein Spiel aus dem Boden steigen lassen – umgangssprachlich wie wortwörtlich –, das die meisten Triple A-Spiele des letzten Jahres in den Schatten stellt.

Erzählt wird die Geschichte von Zagreus, Sohn des griechischen Gottes und Königs der Unterwelt Hades. Zagreus hat die Nase voll von seinem alten Herrn und der immerwährenden schlechten Laune und eisernen Autorität, mit der er die Unterwelt verwaltet. Die funktionniert in Hades wie eine Art Bierger-Center für so genannte Shades: Totengeister, die in der Unterwelt die Ewigkeit verbringen müssen. Zagreus ist des Verwaltungs-Charakters seines Zuhauses leid und entscheidet, auszubüchsen. Nach oben, raus aus der Unterwelt und an die Erdoberfläche. Leichter gesagt, als getan. Zagreus bekommt zwar Hilfe von seiner „Mutter“ Nyx, der Göttin und Personifizierung der Nacht, sowie von gutgelaunten olympischen Göttern, aber die Reise durch Tartarus, den Asphodiliengrund oder das Elysion – die Ebenen der Unterwelt – ist eine schwere. Nicht nur für Zagreus, der den Tod immer wieder zu spüren bekommt, sondern auch für die Spieler/innen, die Gefahr laufen, etwas weitaus Unangenehmeres zu spüren: eine Tendinitis vom manischen Knöpfe- oder Maus-Drücken.

Hades ist ein – Obacht! – hack and slash roguelike (oder eher Rogue-lite) mit RPG-Spielelementen. Wer mit dieser Wortaneinanderreihung wenig anzufangen weiß – der Autor bittet um ein wenig Geduld. Die Spieler/innen geleiten Zagreus durch zufällig generierte Räumen und Widersacher. Diese muss er mit Waffen aus einer Auswahl von zunächst insgesamt acht – darunter Schwert, Pfiel und Bogen sowie ein mythologisches Proto-Maschinengewehr – erledigen, ehe es in die nächster Unterwelt-Kammer gehen kann. Zur Belohnung gibt es jedesmal Geld, chthonische Schlüssel für permanente Freischaltungen und olympische Götteraufrüstungen für den aktuellen Run. Allerspätestens bei den Bossen wartet dann aber der unumgängliche Tod, und Zagreus wird, Styx sei Dank, wieder nach Hause geschwemmt. Ganz zur Freude von Vater Hades, der über die verzweifelten Fluchtversuche nur müde lachen kann.

Bill Murrays Figur aus Groundhog Day trifft in Hades auf Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums. Ja natürlich, Hades ist ein Spiel, bei dem sich die Figur durch Hunderte und Aberhunderte untoter Gegnermassen metzelt (hack and slash). Aber was den Hersteller/innen von Supergiant Games gelingt, ist auf dem Papier nicht zu glauben. Für Außenstehende sind tatsächlich nur vier Knöpfe zu drücken, davon zwei zu 75 Prozent. Aber mit den den verschiedenen Waffen, die von Anfang an völlig verschiedene Spielweisen erfordern, gepaart mit den ganz zufällig zusammengesammelten Upgrades ist kein, aber wirklich kein einziger Lauf identisch (roguelike galore!). Manchmal zur Freude, manchmal zum Leidwesen der Paar Hände am Controller.

Dieses überraschend komplexe und immer wieder erfrischende Gameplay geht aber dann noch Hand in Hand mit einer Handlung, die so ein Spiel bis dato eigentlich gar nicht verdient hat. Hades hat mehr dysfunktionale Familiendynamiken als Games of Thrones und so manche Ingmar-Bergman-Filme zusammen. Hades ist aus unerklärlichen Gründen auch nach Jahrtausenden mit seinen olympischen Geschwistern zerstritten (Achilles, Demeter, Hypnos, Zeus, Artemis und sogar Thanatos), Orpheus lamentiert Robert Smith von The Cure ähnlich, wie beschissen es ihm ohne Eurydike geht, und dann erfährt Zagreus noch, dass Nyx vielleicht nicht seine Mutter ist. Und der Endboss – der keiner ist, weil das Spiel auch danach nicht zu Ende ist, sondern mit einer nächsten Ladung das Gameplay komplett anders gestaltet – ist eine emotionale Klatsche. Nur Sisyphos (sic!) und der Höllenhund Kerberos (er darf gestreichelt werden!) bleiben durchgehend bester Laune. Während millionenschwere Aushängespiele Kinematografische Cutscenes produzieren, begnügt sich Hades mit einem fantastisch geschriebenen Drehbuch und ebenfalls fantastisch aufgenommenen voice acting.

Hades ist nicht nur die Summe seiner längst bekannten Teile, sondern hebt jeden Baustein, aus dem es zusammengesetzt ist, auf die nächste Ebene. Auch der Spiele-Olymp mag unmöglich zu erreichen sein, aber Hades kommt dem verdammt nahe.

Tom Dockal
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