Für Kinder und Jugendliche sei die Pandemie „ein Rieseneinschnitt“, der Auswirkungen auf ihr ganzes Leben habe,
warnt Pädagogikprofessor Sascha Neumann

Jugend im Wartezimmer

d'Lëtzebuerger Land du 29.01.2021

Lost heißt das Jugendwort von Langenscheidt für das Jahr 2020. Aber bevor jetzt alle mit dem Kopf nicken und sagen, passt schon – damit ist nicht die Lost Covid-Kids-Generation gemeint, die Politker/innen oder Jugendforscher/innen gerade als Schreckensgespenst an die Wand malen. Lost wird von Jugendlichen genutzt, um zu beschreiben, wenn sie keine Peilung, keine Ahnung haben. Wenn jemand etwas nicht mitbekommen hat und dann lost, verloren und ohne Plan ist.

Trotzdem: Irgendwie passt das Wort in diese Pandemie-Zeit, denn gerade für junge Menschen fühlt sich das vergangene Corona-Jahr, das viele aufgrund der Schutzmaßnahmen zuhause bei den Eltern verbracht haben, als lost an. Verloren haben sie die Schule, die Universität, Konzerte, Partys, ihren Sport – und alles das, was ein Jugendleben eben so ausmacht. Manche fühlten sich angesichts dessen, was da über sie hereinbrach, planlos, fanden sich nicht zurecht zwischen Lockdown und Pseudo-Alltag.

Erwachsene mögen schimpfen, aber Party feiern und Ausgehen ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung. „Das Feiern ist die Börse der Jugend, um soziale Kontakte zu knüpfen“, sagt Sascha Neumann, Pädagogikprofessor an der Uni Tübingen. Die jetzt wegen Corona wegfällt. Freund/innen zu treffen, sich auszuprobieren und Grenzen zu testen, gehöre „zu den Ausdrucksformen dieser Lebensphase“.

„So gesehen trifft die Krise die Jungen härter als die Alten“, findet Neumann. Die ältere Generation müsse sich zurückziehen, Vorsicht walten lassen, um sich nicht anzustecken. Ansonsten geht das Leben für sie fast normal weiter. „Für die Jugend ist die Pandemie ein Rieseneinschnitt, der Auswirkungen auf die Schule, die Freizeit, also ihr ganzes Leben hat.“

50 Prozent der Jugendlichen, so die Covid-Kids-Studie der Uni Luxemburg, an der sich Sascha Neumann beteiligt hatte, seien wegen der Pandemie besorgt. Sie ängstigen sich nicht nur um ihre Gesundheit und die ihrer Familien und Freunde. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft nach der Pandemie.

Bevor das Virus alle Normalität gesprengt hat und die Bevölkerung von mal stärkeren Schutzmaßnahmen zu schwächeren und zurück wechselte – je nachdem, wie sich die Infektionszahlen entwickelten – waren die mittlerweile 18-jährige Aktivistin Greta Thunberg und der Klimawandel Thema Nummer eins der Jugend. Im Wettbewerb Jeune Journaliste zum Thema Klima von Erziehungsministerium, Zentrum fir politesch Bildung und Presserat berichteten Jugendliche aller Altersstufen, wie sie sich auf Friday for Future-Demonstrationen politisierten, analysierten in ihren Beiträgen, was sie in ihrem bescheidenen Umfeld tun könnten, um Müllberge zu reduzieren und den Raubbau an der Natur zu bremsen.

Es mutet fast bitter-ironisch an, dass gleich mehrere Einsendungen den üppigen Lebensstil mit exzessiven Flügen in ferne Länder problematisierten. Hier waren die Einschnitte im Corona-Alltag besonders spürbar: Wegen dem Reiseverbot während der ersten Infektionswelle und dem anhaltenden Ansteckungsrisiko wurde vergangenes Jahr deutlich weniger geflogen und mit dem Auto gefahren: Die Messstation am Findel meldete Traumwerte emissionsfreier Luft.

Und trotzdem antworten viele auf die Frage, was ihnen im vergangenen Jahr am meisten gefehlt hat, neben dem Ausgehen, Party-Feiern und Konzerte besuchen das Reisen in ferne Länder. So sehr ist es selbstverständlicher Bestandteil des westlichen Lebensstils. Dabei geht es nicht nur darum, aus dem Alltagstrott auszubrechen, sondern andere Menschen zu treffen und Kulturen zu entdecken.
Digitale Plattformen, das Surfen im weltweiten Internet und der Austausch über Snapchat, Tiktok, Instagram und via Webcam können das menschliche Miteinander nicht ersetzen, etwas, das auch der Bildungsminister Claude Meisch (DP) einsieht.

Beim ersten Lockdown hatten die Schulen von heute auf morgen auf Digitalisierung umschalten müssen. Und auch wenn die Versorgung mit IT-Infrastruktur und Computern beziehungsweise Tablets hierzulande besser ist als in den meisten europäischen Ländern und sich das Bildungsministerium per Kraftakt und in Nachtschichten bemühte, die Homeschooling-Plattform schouldoheem.lu aufzubauen und Lizenzen zu kaufen, damit tausende Schüler/innen Französisch, Mathe oder Geografie in den Wochen des Lockdown via App und Bildschirm lernen konnten: Viele Lehrer/innen und Schüler/innen waren nicht aufs virtuelle Lernen vorbereitet und eher nicht in der Lage, über Visio-Kanal dieselbe Qualität des Lernens herzustellen, wie sie es vielleicht im Klassenzimmer haben.

Das bestätigte die Studie Covid-Kids der Uni Luxemburg. 96 Prozent der Teilnehmenden gaben an, vor der Pandemie mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden gewesen zu sein, aber nur 67 Prozent waren das während des Lockdown. Offenbar lag das auch an den Lernbedingungen: Die befragten Kinder und Jugendlichen mochten den Inhalt der Schulaufgaben nicht besonders, die sie während des Lockdown zu erledigen hatten: Zu viele Hausaufgaben, oft monotone Wiederholungsaufgaben, deren pädagogischer Wert fraglich ist, dagegen kaum Aufgaben, wo die eigene Kreativität gefordert war. „Im Sommer wurde versäumt, hier nachzubessern“, sagt Pädagogikprofessor Sascha Neumann.

Ältere Schüler/innen, mit denen das Land für diese Beilage gesprochen hat, bemängelten vor allem die fehlende Interaktivität: Wer während eines Online-Kurses nicht zuhören will, kann sich unbemerkt ausklinken, anderes nebenher machen. Wenn die Mutter und Vater arbeiten und Netflix oder das neuste Videospiel locken, muss jemand sehr diszipliniert sein und schon eigenständig lernen können, um bei der Stange zu blieben. Oder Eltern haben, die ihm oder ihr unter die Arme greifen und zum Lernen anhalten.

Eben das haben viele Kinder und Jugendliche in Luxemburg nicht: Die Wohnung ist eng und laut, die Internetleitung überlastet, manche teilen sich ein Zimmer mit den Geschwistern. Wieder andere sind acht Stunden unbeaufsichtigt, weil Vater und Mutter zur Arbeit müssen, um das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Und müssen sich selbst motivieren, die Hausaufgaben zu machen.

Erziehungsminister Claude Meisch hatte im Juli, nach dem ersten Lockdown beteuert, das Abitur, das die Examensschüler/innen bestanden hatten, sei vollwertig – inzwischen warnt auch er auf Pressekonferenzen vor einer „Corona-Generation“, die aufgrund des Ausnahmezustands Lerndefizite anhäuft. Bildungsexperten gehen davon aus, dass sich die Schere zwischen sozial benachteiligten ärmeren Familien und den besser gestellten wegen Corona weiter geöffnet hat. Das ist alarmierend, denn Luxemburg war schon ohne die Pandemie europäisches Schlusslicht, wenn es um Bildungsgerechtigkeit und gleiche Bildungschancen geht.

Bisher hat man dazu aus dem Ministerium nicht viel gehört, außer dass der Bildungsminister sein Beharren darauf, die Schulen trotz steigender Infektionszahlen so lange wie möglich geöffnet zu halten, stets mit der Sorge um sich weiter verschlechternde Bildungschancen begründete.

Bisher jedoch wartet die Öffentlichkeit vergeblich auf eine Analyse, was für Folgen Covid-19 konkret für Kinder und Jugendliche hat und was gegen corona-bedingte Leistungsdefizite, Lernfrust und Schulentfremdung unternommen werden kann. Unbestreitbar ist: An Luxemburg Schulen hat im vergangenen Jahr kaum regelhafter Unterricht stattgefunden, egal wie sehr die Politik versucht hat, an einer Normalität festzuhalten und wie sehr sich Schulen und Lehrer/innen eingesetzt haben, um eben diese Defizite so weit wie möglich aufzufangen: Durch das Coronavirus fielen immer wieder Lehrer/innen und Schüler/innen aus, weil sie, ein Kollege oder eine Klassenkameradin sich angesteckt hatten, sie in Quarantäne mussten und nicht sogleich Ersatz da war. An einen normalen Unterricht war unter diesen Bedingungen nicht zu denken. Und das ist niemandem vorzuwerfen.

Immerhin einen – unerwarteten – positiven Nebeneffekt dürfte die Pandemie gehabt haben haben: Viele Schulen, Lehrer/innen, aber auch Schüler/innen, waren vor der Pandemie in punkto digitales Klassenzimmer und Online-Kompetenz nicht sehr fortgeschritten. Manche hatten wohl Tablets, aber diese pädagogisch sinnvoll einzusetzen, dafür fehlte die Praxis. Die Entwicklung wurde durch das Coronavirus enorm beschleunigt. Zugleich tritt ein anderer Lerneffekt ein: Diejenigen, die bislang unkritisch Hymnen auf die Digitalisierung gesungen haben, dürften spätestens jetzt erkannt haben, dass Videochat und Online-Lernplattformen das Miteinander und den direkten Austausch nicht ersetzen. Lernen bedeutet nicht nur, Wissen anzuhäufen, Formeln und Inhalte auswendig zu lernen, sondern beansprucht alle Sinne und benötigt ein Gegenüber, soll es auf Dauer Spaß machen. Erst im Austausch mit den anderen, lernen wir, lassen wir uns motivieren und inspirieren. Ohne das sind alle – Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen – ganz einfach: lost.

Ines Kurschat
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