Der 230-seitige Jugendbericht, den Bildungsminister Claude Meisch (DP) am Montag gemeinsam mit dem Forschungsteam des Center for Child and Youth Research (CCY) der Uni.lu vorstellte, zeichnet ein Panorama einer transnationalen und durchdigitalisierten Jugend. Zum vierten Mal wurden 4 800 junge Menschen im Alter zwischen 12 und 29 Jahren zu ihrem Freizeitverhalten, ihren Ängsten, ihrem Engagement und politischen Interesse befragt. Eine Hauptfeststellung lautet: Die gesellschaftlichen Sorgen nehmen zu, insbesondere die Angst vor Krieg. Die Top Drei Sorgen lauten Krieg in Europa, eine schwere Erkrankung – diese ist deutlich höher als in Nachbarländern – und Umweltverschmutzung. Mittlerweile klagt ein Viertel der Befragten über ein niedriges affektives und kognitives Wohlbefinden – eine Verschlechterung seit 2019. Der sozioökonomische Hintergrund hat den größten Einfluss auf dieses Wohlbefinden, heißt es im Jugendbericht. Insbesondere junge Frauen berichten von psychosomatischen Beschwerden. Ein Drittel der jungen Menschen zweifelt überdies an den Einflussmöglichkeiten der Politik – in allen soziodemografischen Milieus. Dieses Drittel fühlt sich von der Politik weder repräsentiert noch gehört. Zwei Drittel der Jugendlichen fordern, ihre Perspektive stärker einzubeziehen.
Soziologisch interessant ist die Feststellung der Autoren in der Einleitung, dass Jugendkultur zunehmend Subkultur ersetze. Dass Jugendliche sich eher innerhalb der Peergruppe voneinander differenzieren als gegenüber von Erwachsenen, da es mittlerweile einen größeren „Toleranzraum“ für junge Menschen gäbe. Ihre Identitätsbildung erfolgt über eine Vielzahl an neuen Bildern, Normen und Erwartungen, entgegen der traditionellen Sozialisierung, während derer sie analog mit einem ähnlichen sozialen Habitus in Kontakt kamen. Im digitalen Raum nehmen sie sich als Experten wahr, erklärte Hannes Käckmeister, Co-Autor des Berichts, im Bildungsausschuss. „Subjektiv nehmen die jungen Menschen sich wahr, als wüssten sie in mehreren Bereichen mehr als ihre Eltern und ihre Lehrkräfte. Das ist eine neue Empfindung für beide Seiten, für junge Menschen und Sozialisierungsinstanzen.“
Es komme ebenfalls zu einer „Technologisierung des Menschlichen“, bereits im Kindesalter durch Gadgets, und gleichzeitig zu einer „Vermenschlichung des Technischen“. Daraus resultiert auch, dass analoge Treffen in der realen Welt durch die starke Anziehungskraft der digitalen Möglichkeiten abnehmen. Trotzdem fällt problematischer Social-Media-Gebrauch vergleichsweise niedrig aus: 8,9 Prozent der 12 bis 15-Jährigen fallen darunter. Definiert wurde er, wenn Jugendliche mit mehr als sechs Aussagen übereinstimmen, die etwa Kontrollverlust, Konflikte mit anderen und Vernachlässigung von Aktivitäten beinhalten. Die jüngeren Teenager haben wesentlich schwächere Kompetenzen, was Regulation und Umgang mit den Netzwerken umgeht. Gleichzeitig sagen die meisten aller Befragten (78 Prozent), sie würden Social Media eher passiv nutzen. Claude Meisch sieht vor allem im Hinblick der Regulierung sozialer Netzwerke politischen Handlungsbedarf. Er fühlt sich hinsichtlich der Einschränkungen der Smartphone-Nutzung in den Sekundarschulen und dem Verbot in den Grundschulen bestätigt.
Ein weiterer interessanter Punkt betrifft das Zeitgefühl der Jugend: Sie wird als fragmentierter wahrgenommen, als beschleunigt – und als limitierte Ressource. In Interviews geben manche Jugendliche an, die ständigen Notifications aus WhatsApp-Gruppenchats als Belastung zu empfinden. Sie erzeugten ein Gefühl „sozialer Verpflichtung“, wie klassische Kommunikationsformen es nicht taten. Reels, unterlegt mit Musik und Filtern, können ein Gefühl des Sogs erzeugen. Insbesondere bei den älteren Jugendlichen ist das Problembewusstsein, sich öfter in einem Online-Strudel zu verlieren, stärker vertreten. Digital Detox ist wohl ein Thema – jedoch schwierig durchzuziehen, da es mit einem Kappen der sozialen Verbindungen einhergeht „Die Erkenntnis, das eigene Verhalten ändern zu wollen, und die Entwicklung einer intrinsischen Motivation, das auch durchzusetzen, setzt erst zwischen 18 und 20 Jahren ein. (..) Die Schwierigkeiten, eigene Regeln konsequent einzuhalten, sowie die bewusste Suche nach analogen Ausgleichsaktivitäten lassen den Eindruck zu, dass der Wunsch nach Veränderung schwer umzusetzen ist.“