Soziale Ungleichheiten im Bildungssystem setzen sich fort. Ein neuer Bericht deutet auf eine Verstärkung des Problems in den internationalen Grundschulen hin

Same same but different

d'Lëtzebuerger Land vom 14.10.2022

Justitia hat die Augen bekanntlich verbunden, um Gerechtigkeit zu garantieren. Das luxemburgische Schulsystem ebenfalls, mit meist gegenteiligem Effekt. Die Chancengleichheit dort bleibt niedrig, das hat das Observatoire national de la qualité scolaire (ONQS) kürzlich in einem 160-seitigen Bericht aufgeschlüsselt. In „Orientations pour une réduction de l’impact des inégalités d’origine sociale dans le système éducatif“ sieht sich die Verbindung zwischen sozioökonomischem Hintergrund und schulischer Leistung eindrücklich illustriert. Migrationsherkunft und sozialer Hintergrund werden als definierende Elemente genannt, der gesellschaftliche Aufstieg als Ausnahme und nicht als Regel hervorgehoben.

Der Fokus liegt vor allem auf der Grundschule, da diese den entscheidenden Grundstein für die unterschiedlichen Schullaufbahnen legt. Das Fazit lautet, dass das klassische luxemburgische System für die bildungsnahe Luxemburger Mittelschicht funktioniert, es jedoch nicht schafft, Schüler aus benachteiligten sozialen Schichten und mit einer anderen Muttersprache als einer der drei Amtssprachen hinreichend zu fördern und diese Ungleichheiten zu vermindern. Ganz nach dem in der Pisa-Studie 2015 erfassten Diktum: „D’Lëtzebuerger Schoul ass gutt, mee net fir all Kand“. Die Bildungsberichte der vergangenen Jahre haben gezeigt, woran es hapert. Bildungsminister Claude Meisch (DP) ergriff mit den internationalen Schulen Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken – sie seien in fine bisher „unzureichend“ im Hinblick auf eine Verbesserung der Chancengleichheit, urteilt das ONQS.

Die Erhebungen zu den internationalen Grundschulen deuten darauf hin, dass sich hier das Gegenteil dessen vollzieht, was beabsichtigt ist, dass sich also im Stillen ein weiterer social gap gräbt: Von 2016 bis 2019 lag das durchschnittliche Haushaltseinkommen in den öffentlichen Grundschulen zwischen 33 000 und 37 000, in den internationalen Pendants hingegen zwischen 42 000 und knapp 50 000 Euro. Das Risiko von schulischem Elitismus zwischen den internationalen und luxemburgischen Schulen sei „pas sans risque au niveau de l’impact social“. Diese Untersuchungen müssten weiter vertieft werden, es handle sich um eine Anfangsphase, sagt Paul Schmit, Ko-Autor des Berichts. Die Zahlen berufen sich auf die ersten vier Jahre und die vier Schulen, die in diesem Zeitraum öffneten. Dennoch geben sie erste Hinweise. Die Hoffnung auf mehr Bildungsgerechtigkeit dank internationalen Schulen, ein Wunschtraum? Auf Anfrage des Land informiert das Bildungsministerium, die Zahlen ließen sich durch die Standorte der internationalen Grundschulen – Junglinster, Mondorf, Clervaux, Differdingen – zu diesem Zeitpunkt erklären. Tatsächlich sei die Entscheidung, die Schulen in gut situierten Gemeinden zu bauen – Differdingen ausgenommen –, nicht vom Bildungsministerium selbst getroffen worden, sondern von der Landesplanung. Die Wahl habe mit Platzproblemen zu tun. Die internationalen Schulen sollten jedoch „in der Mitte der Gesellschaft stehen“ und es sei deshalb prioritär, das Modell in der Hauptstadt und in den sozial schwächeren Teilen der Südgemeinden weiterzuentwickeln. Da diese Schulen integral alle Flüchtlinge aus der Ukraine und anderen Ländern aufnähmen, würden heutige Analysen anders aussehen, meint das Bildungsministerium. Ob die Kluft dadurch wirklich vermindert wird, bleibt abzuwarten.

Lehrkräfte aus sozial schwächeren Grundschulen der Hauptstadt warnen indes vor einem Desertieren des luxemburgischen Modells zugunsten von privaten und öffentlich-europäischen Alternativen – und beklagen den damit einhergehenden Verlust der sozialen Durchmischung. Hier reichen Gentrifizierung und verpasste Chancen sich die Hand. Das luxemburgische Gießkannenmodell, das jüngst bei der Tripartite gefeiert wurde, erschwert auch im Bildungsbereich Fortschritte. Der Sozialindex und die Kontingentierung, die eine bessere Verteilung der Lehrressourcen in benachteiligten Gemeinden garantieren sollen, reichen laut Bericht nicht aus. Soziale Selektivität sei der Wählerschaft politisch schwerer zu vermitteln, so das ONQS. Doch der Weg aus der Ungleichheit bestünde auch aus selektiveren Maßnahmen, lautet die Empfehlung. Das Beispiel Düdelingen zeigt eindrücklich, wo Ressourcen gebraucht werden; dort, wo 44 Prozent portugiesische Muttersprachler zur Schule gehen, verdienen die Eltern im Schnitt rund 28 000 Euro, bei 52 Prozent luxemburgisch zu Hause sprechenden Schüler/innen steigt das Einkommen auf 41 000. In den sozial schwächeren Grundschulen geht die Orientierung in den Classique gen null (d’Land, 21.01.2022).

Anick Boever, Englischlehrerin an einem luxemburgischen Lyzeum, hat ihr Referendariat in Großbritannien und später Luxemburg gemacht. Fünf Jahre lang hat sie im britischen Schulsystem unterrichtet. „In Großbritannien sorgen Programme wie Teach first und Pupil premium dafür, dass die besten Lehrkräfte und gezielt eingesetzte Fördergelder sowohl in Grund- als auch in Sekundarschulen dort sind, wo sie am meisten gebraucht werden, also in sozial schwächeren Klassen.“ Der Erfolg solcher Initiativen hänge jedoch damit zusammen, erstmal zu hinterfragen, ob die Besetzung freier Stellen an spezifische Kompetenzen der Lehrkräfte gekoppelt sein solle oder, wie bisher hierzulande üblich, primär die Berufserfahrung geltend gemacht werde.

Das ONQS, das sich laut Präsident Jean-Marie Wirtgen als „Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Politik und pädagogischer Praxis“ versteht, will sich „weder polemisch noch utopisch“, und gibt sich keiner „sozialen Romantik“ hin, wie es in der Schlussfolgerung heißt. Haltung bezieht es trotzdem, wenn im Vorwort von einem gewissen „korporatistisch-konservativen“ Mindset die Rede ist, die den Reformwiderstand des Standardsystems seit Jahrzehnten befeuert. Diese Einschätzung ginge auf soziologische Studien zurück, die den Luxemburgern einen Hang zum Status quo nachsagen. Veränderung ja, aber nicht zu viel davon. „Der Konsens beläuft sich darauf, dass man die Eckwerte nicht zu sehr in Frage stellen soll“, so Paul Schmit. Diese Attitüde sei im Bildungsbereich sowohl beim Personal, in der Politik als auch bei Eltern anzutreffen. Mit positiver Diskriminierung täte man sich schwer.

Eigentlich sei es nicht Sinn der Sache, dass Kinder, die hier wohnen, in gesonderte Schulen gehen müssten, sagen Lehrkräfte hinter vorgehaltener Hand. Eine sachliche, auf Fakten basierte Debatte jenseits des Lobbyismus sei dringend vonnöten, nur würde ein Großteil des Lehrpersonals die Bildungsberichte nicht einmal kennen. Gleichzeitig sei die Sorge über Parallelgesellschaften und die Gefahr, dass Menschen keinen Zugang mehr zueinander fänden real und von großer Wichtigkeit. Die Schule solle gesellschaftliche Kohäsion fördern.

Ein Wunderheilmittel für die komplexe Sprachen- und Bildungssituation gäbe es nicht, heißt es abschließend vom ONQS. Im Frühjahr 2023 wird das Luxembourg Center for Educational Training (Lucet) eine große Studie zu den Schüler/innen der internationalen Sekundarschulen publizieren, sie wird Aufschluss über das Experiment Internationale Schulen geben. Besteht die Klientel dann immer noch primär aus Kindern der kultur- und bildungsnahen Mittelschicht? Können die europäischen Schulen, sowohl Lyzeen als auch Grundschulen, der ungleichen Tendenz langfristig etwas Positives entgegensetzen? Für die bildungspolitischen Akteure dürften diese Erkenntnisse ein halbes Jahr vor den Wahlen äußerst interessant werden: Finden die beiden Systeme mittelfristig zueinander? Wenn die internationalen Schulen dem Standardsystem einen Spiegel vorhalten sollen, was erblickt man darin?.

Sarah Pepin
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