Die Vorwürfe gegen Dan Santos, Ex-Trainer der Frauen-Fußballnationalmannschaft, offenbaren eine Sportkultur, wo niemand so genau nachfragt

„Der Ton muss stimmen“

Eine unabhängige Anlaufstelle soll  ab Anfang April arbeitsfähig sein
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 20.03.2026

Seit 2020 hat sich der Damenfußball unter Dan Santos in Luxemburg professionalisiert. Es gibt heute eine Nationalmannschaft, die an Qualifikationen für die Weltmeisterschaft teilnimmt und die den Aufstieg in die Liga B der Nations League geschafft hat. Dass ausgerechnet dem Trainer, der die Rout Léiwinnen weiterbrachte, nun aufgrund von schlimmem Fehlverhalten fristlos gekündigt wurde, bringt die FLF ins Straucheln.

Vor zehn Tagen, kurz nach ihren Verlusten gegen Schottland im Rahmen der WM-Qualifikation, wandten sich Laura Miller und ihre drei Vize-Kapitäninnen an die Verantwortliche des Damenfußballs in der FLF, Carine Nardecchia, und zeigten ihr Screenshots von Nachrichten, die Dan Santos mindestens sechs Spielerinnen über einen mehrjährigen Zeitraum geschickt habe. Es handle sich um Unangemessenes, aufdringliche Nachrichten sowie unangebrachte Komplimente. Die FLF reagierte prompt. Am Donnerstag wurde Santos eingeladen und ihm wurde fristlos gekündigt. Er gab seinen Schlüsselbund ab, die Zusammenarbeit war beendet. Die FLF verschickte daraufhin eine Pressemitteilung, in der sie auf ihre Ethik und ihren respektvollen Rahmen verwies, mit der das Verhalten des Trainers nicht vereinbar sei. Dan Santos hat am gestrigen Donnerstagabend per Anwaltsschreiben mitteilen lassen, dass er die Vorwürfe formell zurückweist. Wer ihn ersetzt, ist noch unklar.

Informationen des Quotidien nach gab es bereits 2023 erste Anzeichen dafür, dass Dan Santos professionelle Grenzen überschritten haben könnte. Vor drei Jahren sind drei lokale Trainer an die FLF herangetreten, nachdem sich eine Spielerin gemeldet hatte, die Dan Santos per Nachricht gefragt haben soll, ob sie bei ihm übernachten wolle. Sie wollte im Nachhinein nicht mehr darüber sprechen; nichts passierte. Im Gespräch mit dem Land erklärt FLF-Generalsekretär Joël Wolff, damals habe es keine Beweise gegeben, es seien Gerüchte ohne konkrete Anhaltspunkte gewesen. „Dann wäre es Rufmord gewesen. Man kann die Menschen nicht bei dem Geringsten an den Pranger stellen.“ Dass Dan Santos mindestens zwei Beziehungen mit Nationalspielerinnen einging, sei eine „private Angelegenheit“, sagt Joël Wolff. Wäre es dann 2023, als die Gerüchte hinzukamen, nicht an der Zeit gewesen, genauer hinzuschauen? „Wir sind nicht zuständig dafür, zu kontrollieren, wer mit wem eine Beziehung eingeht.“ Ein Problem sehe er damit nicht, und das „hat ganz ehrlich nichts damit zu tun“.

Anfragen des Land an mehrere erwachsene Nationalspielerinnen erhielten bis Redak-
tionsschluss keine Antwort. Kapitänin Laura Miller erklärt, man gebe derzeit kein Statement zur Affäre ab. Inwieweit dieser Schweigepakt von ihnen oder der FLF ausgeht, sei dahingestellt. Bereits vergangenes Jahr entstand bei einem Interview der Anschein, die Spielerinnen würden in ihrer Kommunikation mit den Medien gegängelt (d’Land, 20.06.2025) Für manche steht die Profi-Karriere auf dem Spiel. Andere wollen die Hand, die sie füttert, nicht beißen. Eine Historie, wie Frauen vor ihnen mit solchen Problemen umgingen, gibt es für sie nicht. Lediglich eine minderjährige Spielerin erklärte sich bereit, über ihre Erfahrung zu berichten. Von Nachrichten an Sportlerinnen in ihrem Alter weiß sie nichts. Allerdings ist ihr im Training wiederholt aufgefallen, dass Dan Santos manche Mädchen besser behandelte als andere. „Er hatte Lieblinge.“ Diesen jungen Frauen gegenüber sei er weniger streng gewesen und habe mehr mit ihnen herumgescherzt.

Luc Olinger, Trainer des FC Mamer 32 erklärt, die Art und Weise, wie Trainer mit den Frauen sprechen, unterscheide sich grundlegend von der mit den Männern. „Der Ton auf dem Feld muss stimmen.“ Man müsse sehr aufpassen, sich auf die Technik fokussieren und weniger emotional sein. Grenzüberschreitungen seien ein „No-Go“. Da in den U18-Clubs viele Minderjährige trainierten, finde die Kommunikation grundsätzlich in WhatsApp-Gruppen statt, in denen auch ihre Eltern mitlesen können.

Aus welchem Grund manche Spielerinnen möglicherweise zögern, um Probleme anzusprechen, illustriert ein Gespräch des Land mit dem Damentrainer eines Vereins. „Vielleicht haben die Spielerinnen selber solche Nachrichten verschickt, um selektioniert zu werden. Es ist einfacher, sich an einer Person abzuarbeiten als an einer Gruppe.“ Ob die Beweise glaubhaft sind, würde er gerne sehen. Er spricht weder das Abhängigkeitsverhältnis noch das Machtgefälle an.

Die Berufswahl der mehrheitlich männlichen Trainer ist nicht immer von ehrlichem Interesse am Sport motiviert. 21 Prozent von internationalen Elitesportlerinnen haben als Kind sexuelle Übergriffe im Rahmen des Sports erlebt (UN Women, 2023) – fast doppelt soviele wie Männer. Kürzlich wurde in Tschechien der Nationaltrainer Petr Vlachovksy entlassen, weil er Spielerinnen, eine davon minderjährig, in der Dusche und in den Umkleidekabinen gefilmt hat. Vor fünf Jahren wurden sexuelle Übergriffe in der National Women’s Soccer League in den USA öffentlich;, ebenso in den Nationalmannschaften von Australien und Venezuela.

Bisher mussten Sportler/innen bei Übergriffen in ihren Strukturen interne Ansprechpartner finden. Dabei ist eine unabhängige Anlaufstelle für Opfer von Fehlverhalten vonnöten. Am gestrigen Donnerstagabend präsentierten Sport- und Gleichstellungsministerium die neue „Integritätspolitik“ für den Sport. Sie soll auf vier Säulen beruhen: Ethik, Safeguarding, Anti-Doping und Aktionen gegen Manipulationen in den Wettbewerben. Die Anti-Doping Struktur Alad wird in diesem Zusammenhang zur Agence luxembourgeoise pour l’intégrité dans le sport (Alis) mutieren, wie Sportministerin Martine Hansen am Mittwoch im Parlament erklärte. Die Alis wird als nationale Anlaufstelle fungieren und soll ab Anfang April arbeitsfähig sein. Eine entsprechende Ethik-Charta wird in den nächsten Wochen abgeschlossen und an alle Verbände und Vereine weitergeleitet. Es werde in Betracht bezogen, Förderungen an Integritätsstandards zu koppeln, erklärte Martine Hansen (CSV). Die FLF hält den Fall derweilen für abgeschlossen.

Sarah Pepin
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