ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Arbeitseifer

d'Lëtzebuerger Land vom 20.03.2026

1886 produzierte ein Hochofenarbeiter im Jahresdurchschnitt 231 Tonnen Roheisen hierzulande. 1986 waren es 4 021 Tonnen (Statec, Statistiques historiques, 1990, S. 234). Lange war die Produktivität eine interne Kennzahl mancher Industrien: Produktionsvolumen geteilt durch die Zahl der Arbeiter oder Arbeitsstunden.

Die Europäische Union, der Fontagné-Bericht machten die Produktivität zum Buzzword. Sie wollten die Produktivität von Rohstoffen, Energie, Patenten, Marken messen, der gesamten Volkswirtschaft.

Heute gebrauchen die Unternehmerverbände Produktivitätswachstum gleichbedeutend mit Wettbewerbsfähigkeit. „Wettbewerbsfähigkeit“ klingt unpersönlich. In „Produktivität“ schwingt ein Vorwurf mit: Der Arbeitseifer von Arbeiterinnen, Angestellten, Beamten sei ungenügend. Um Wohlstand zu verdienen – im ökonomischen und moralischen Sinn.

Vergangenen Monat veröffentlichte der 2018 gegründete Conseil national de la productivité seinen Jahresbericht. Als „première recommandation“ fordert er Propaganda: „sensibiliser le grand public à l’importance des gains de productivité pour le système social et économique“ (S. 9).

„Wa mir keng anstänneg Produktivitéit méi hunn“, warnte der Präsident des Unternehmerdachverbands Michel Reckinger, dann verringere sich der Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Ländern. „Deen Avantage, dee schmëlzt haut wéi d’Gletscheren a Grönland“ (RTL, 31.1.26).

Der Conseil national de la productivité lobt das „niveau de productivité particulièrement élevé du Luxembourg“. Wegen des „poids important de la branche des activités financières et d’assurance“ (S. 12). Werden viele Milliarden von wenigen Angestellten bearbeitet, vermutet das Tax Justice Network das Vorhandensein einer Steueroase. Doch die Finanzbranche steht nicht allein: „[O]n constate que le Luxembourg est dans la majorité des branches parmi les pays ayant la productivité la plus élevée“ (S. 19).

Ziel von Produktivitätssteigerungen ist die Erhöhung des relativen Mehrwerts. Steigt die Produktivität, werden bei gleichem abstraktem Wert mehr Gebrauchswert, mehr Produkte hergestellt. Der Wert des einzelnen Produkts sinkt. Die Unternehmer können die billiger hergestellten Waren zum unveränderten Preis verkaufen und ihre Gewinnspanne erhöhen. Sie können mit Preissenkungen ihren Marktanteil vergrößern. Sie können von derselben Zahl Arbeiter mehr Produkte herstellen lassen. Sie können dieselbe Zahl Produkte herstellen lassen und Arbeitsplätze einsparen.

Die Produktivität nimmt zu, wenn der Arbeitsprozess intensiviert, variables Kapital durch fixes ersetzt wird: Arbeiter durch Maschinen; Angestellte, Beamtinnen durch Künstliche Intelligenz.

Doch „[l]e CNP avait déjà pointé le retard d’investissement comme explication de la perte de productivité par rapport aux autres pays“ (S. 5). Folglich sind die Löhne nicht hoch genug, als dass es sich lohnte, Arbeiter durch teure Maschinen zu ersetzten. Statt den Mehrwert zu investieren, behalten die Unternehmer ihn als Dividenden ein. Und machen Belegschaft, Regierung für die ungenügende Produktivitätszunahme verantwortlich.

Die Produktivität sei ein „pilier du niveau de vie, du bien-être et de la compétitivité“. Behauptet der Conseil national de la productivité (S. 5). Doch Produktivitätssteigerungen nützen nur dem einzelnen Unternehmer. Gesamtgesellschaftlich drohen sie, die Arbeitslosigkeit zu erhöhen. Wenn die Arbeitszeit nicht gesenkt wird. Luxemburg sei aber „le seul pays à ne pas avoir réalisé de réduction du temps de travail“ (Luxembourg Institute of Socio-Economic Research, État des lieux des enjeux et des risques de la Réduction du Temps de Travail, 2023, S. 26).

In der Öffentlichkeit verbreiten Lobbyisten sich lautstark über Produktivität. Doch das Konzept „semble peu utilisé au sein des organisations (associations, entreprises)“. Findet der Conseil national de la productivité (S. 6). Er rät zu einer „[a]mélioration du niveau des compétences managériales“ (S. 8).

Romain Hilgert
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