Durch ein Labyrinth trostloser rot-weißer Kunststoffabsperrungen dreht man sich im Kreis, voran zum Gridx. Eine Spur führt zur Arena, eine andere zum Parkplatz. Nun fährt man wieder im Kreis; das Auto kämpft sich in einer Asphaltspirale, einer Wiederholungsschleife, hoch auf ein drittes Stockwerk. Vorbei an teuren und günstigen Autos, an Aston Martins, BMWs und Renaults. Mit dem Aufzug geht es wieder hinunter in „Europe’s first-ever multi-experience destination“, so die Selbstbeschreibung des Gridx in Wickringen. Nüchterner ausgedrückt handelt es sich um ein knapp sieben Fußballfelder großes, 300 Millionen Euro teures Betonmonster der Giorgetti-Gruppe.
Im E-Motion Center sitzen sechs Jungs vor sich biegenden Bildschirmen; Hochleistungssimulatoren, an denen sie ihr Fahrtalent und ihre Reaktionsfähigkeit testen können. Eine 30-minütige Formel-1-Simulation kostet knapp 30 Euro, eine Karting-Simulation für Kinder 19 Euro. Das Gridx ist teilweise als Automobil-Mekka konzipiert, mit Fahrschule, TÜV und Waschanlage (die Paperjam unlängst als „unübertroffen" feierte). Darüber hinaus befinden sich hier Geschäfte, ein Food-Court, ein 130-Betten-Hotel sowie Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Der Multikomplex entstand unter der Mitwirkung des 28-jährigen Alex Giorgetti; in einem Gespräch mit der Lux Times gab er an, als Kind habe er sein Taschengeld fleißig in Modell-Autos gesteckt. Der Autonarr hat nun in Zusammenarbeit mit dem Museo Nazionale dell'Automobile aus Turin die Ausstellung Ayrton Senna Forever nach Wickringen geholt. Von seinem ersten Ford- bis zu seinem Williams-Renault sind die Rennwagen des tödlich verunglückten Rennfahrers zu sehen.
Lange, breite Flure sollen zum Indoor-Flanieren einladen, eine scheinbar endlose Promenade ohne Einkaufswagengeklappere und Gedränge. Man ist weit entfernt vom Shopping-Mall-Flair der Neunziger: keine polierten Fliesen, keine Glasaufzüge, keine Rolltreppen, kein Neonlicht. Anders als Belle Étoile, Concorde und Topaz verfügt das Gridx über hohe Fensterwände. Dennoch bleibt der Blick, und mit ihm die Aufmerksamkeit, in einer geschlossenen Einheit gefangen: Durch die Fenster sieht man nicht auf die beschaulichen Wiesen des Gutlandes, sondern auf die Gridx-Arena, einen Innenhof, der von der dunklen Betonkonstruktion umrahmt wird; ein Freiluftbereich mit Platz für 3 600 Gäste, der sich laut Marketingbroschüre „ideal für Konzerte, Festivals, Produktvorstellungen, Kundgebungen und vieles mehr eignet“. Es sei eine „einzigartige Kulisse für beeindruckende Gemeinschaftserlebnisse unter freiem Himmel“. An diesem Samstag fahren junge Männer im Innenhof mit Motorrädern um Signalkegel.
Das Areal, an dem heute Motorräder im Kreis drehen, 1 500 Autos parken dürfen, Hotelgäste einchecken und Familien shoppen, war vor zwanzig Jahren ein Politikum. Damals wollte Guy Rollinger an dieser Stelle ein Einkaufszentrum bauen. Die CSV-LSAP-Regierung drängte den Bauunternehmer jedoch dazu, seinen Plan aufzugeben. Denn sieben Kilometer entfernt wollte auch der Immobilienunternehmer Flavio Becca die Bagger rollen lassen – um ein Fußballstadion und ein Outlet-Center zu errichten. Ein öffentlich-privates Projekt, das die Regierung als von „nationaler Bedeutung“ erachtete. Rollinger zog sein Projekt allerdings nicht ohne Weiteres zurück. Es kam zu langwierigen Streitigkeiten zwischen der Regierung und den Unternehmern; schließlich scheiterten beide Projekte. Die Giorgetti-Gruppe blickte zu dem Zeitpunkt bereits in die Zukunft, 2012 begann sie das Bauland von Rollinger aufzukaufen.
„Der ist geil“, sagt ein Twentysomething zu seiner Freundin. Im Losch-Heritage-Ausstellungsraum zeigt er auf einen weißen Porsche, übersät mit schablonenhaften roten Löwen. Sie tragen die Handschrift von Jacques Schneider. Daneben steht ein bunt bemalter Porsche, der im Graffiti-Stil mit „Bomb Voyage“ beschriftet ist. Einige Meter dahinter ein VW-Bus und ein eckiger VW-Golf. An diesem Samstag tummeln sich reiche Leute, Leute, die reich sein wollen, und Leute, die glauben, sie seien reich, weil sie 80 000 Euro auf dem Sparkonto haben, durch die Foyers und Geschäfte. Nicht wenige Kinder streunen durch die Gegend. Manche stoßen einen blauen Luftballon durch die Galerie – die Ballons stammen von einer Eltrona-Werbeaktion. Exklusiver wird es, wenn man sich dem Bentley-Händler nähert. In weißer Hose und weißer Sturzkappe erklärt ein Grauhaariger dem Verkäufer: „Ich habe schon einen Bentley, Jahrgang 2014.“ Wer kein Geld auf dem Konto hat, bleibt vor dem Schaufenster stehen.
Eine Etage drüber hat jüngst der Konfektionskleidungsbereich Engelhorn aufgemacht. Hemden, Hosen und T-Shirts im drei- und vierstelligen Preisbereich werden hier verkauft – Balmain, Givenchy, Max Mara. Zweimal begegnet einem ein Hundebesitzer mit Dackel, als seien die Vierbeiner halb Accessoire, halb Lebewesen. Eine ältere Dame grüßt einen jüngeren Mann: „Bass du fir d’éischt hei?“ Er antwortet zufrieden: „Nee, ech war schonn hei.“ Manche Verkäuferinnen sind mit ihrem Kleidungsstil nicht an ihr Umfeld angepasst; sie tragen deutlich günstigere Kleider. Andere wollen mithalten. Ihr Arbeitsplatz setzt ihrem Mindestlohn zu. Die neueste Ausgabe des Gridx-Magazins spricht von einer „distinctive vision of shopping“; Engelhorn sei „demanding“ und „experience-driven“.Heute sei Shoppen nicht mehr auf den Einkauf beschränkt, es sei „a moment in time, where we allow ourselves to enjoy this experience“.
Nicht nur private Gruppen wie Engelhorn mieten sich bei Giorgetti ein, auch der Luxemburger Staat tut es. Vor einem Jahr bestätigte DP-Bildungsminister Claude Meisch, dass die Hotelfachschule (EHTL) für etwa neun Jahre eine Zweigstelle für 200 Schülerinnen und Schüler einrichtet. Die Idee sei EHTL-Direktor Michel Lanners gemeinsam mit der Familie Giorgetti „owes beim Patt“ gekommen, wie er dem Land vor einigen Monaten mitteilte. Eine jährliche Miete von 1,6 Millionen Euro zahlt der Staat dem Unternehmen Giorgetti. Lanners räumt ein, das sei an sich „kein effizienter Umgang mit öffentlichen Geldern“, aber man habe händeringend einen zweiten Standort im Süden gesucht. Vor ein paar Monaten hat die Regierung dem Gridx zudem eine Tramhaltestelle zugestanden, auf der Linie, die Gasperich und Belval ab 2035 verbinden soll. Und die Gridx-Autobahnausfahrt auf der A4 darf die Giorgetti-Gruppe sich ebenfalls recht praktisch mit Steuergeld bauen.
Smash-Burger, indonesische Buns und Specialty-Coffee gehen im Food-Court über die Theke. 30 Leute, die von der Adem vermittelt wurden, werden hier ausgebildet. Sie seien „happy und strahlen“, sagte Alex Giorgetti vor einem halben Jahr gegenüber RTL. „Wou kommt Dir un déi Leit, déi esou frou sinn, froen verschidden Clienten. Dat ass natierlech ee mega Succès“, analysiert der Jungunternehmer. Am Bildschirm muss man bestellen: Matcha-Tee mit Kokoswasser, Rote-Beete-Saft und Cappuccinos mit diversen Milchsorten. „We serve more than food – we serve an experience!“, verspricht erneut der Marketingsprech der Giorgetti-Gruppe. Beim Cappucino-Trinken fällt der Blick auf das Smartphone. Hier ist zu lesen, dass der Philosoph Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Seit der Finanzkrise 2008 äußerte er sich zusehends besorgter über die Auswirkungen einer ungezügelten Wirtschaft, die eine auf Verständigung beruhende Lebenswelt zunehmend untergrabe. Setze sich der Trend sozialer Ungleichheit fort, drohe das europäische Gesellschaftsmodell, das auf einem inneren Zusammenhang von Sozialstaat und Demokratie beruht, zu zerreißen.
Alex Giorgetti seinerseits ist sich sicher, dass sein Multikomplex auf Beziehungen setzt, wie er der Lux Times mitteilte. Er habe sich ein „Ecosystem“ ausgedacht, das zugleich Einheimischen und „international visitors“ diene. „Retailtainment“ nennt er das Konzept; er bemüht ein auf einen internationalen Markt abgestimmtes Storytelling (weshalb ihn Paperjam den Steve Jobs der Baubranche nannte). Mag sein, dass Familien und Freunde eine gute Zeit in Wickringen verbringen können, dass sie hier Augenblicke erleben, die in Erinnerung bleiben. Aber im Gridx ist nichts darauf angelegt, nachhaltig auf zivilgesellschaftliche Bedürfnisse einzugehen. Die Materialität des Ortes ist darauf ausgelegt, sich bei Bedarf selbst kopieren zu können. „Dieselbe Box könnte in Dubai, Shenzhen oder Wickrange stehen, ohne auch nur einen Hauch ihrer Bedeutung zu verlieren … oder zu gewinnen“, schrieb der Architekt Philippe Nathan kurz nach der Eröffnung im Land. Es ist ein Baukörper, dessen Essenz das Provisorische ist: „heute Laden, morgen Lagerhalle, Sporthalle oder Rechenzentrum“. Dazu passt die Berufsbeschreibung von Alex Giorgetti: Er ist ein Lean Manager.
Als Teil des Retailtainment beherbergt der Multikomplex das GioLab. Für 28 Euro (Kinder zahlen 22) bekommt man eine Eintrittskarte und Stoff-Überzieher für seine Schuhe – „weil sie durch einen Spiegelraum gehen werden“, erklärt eine Frau am Empfang. Unterschiedliche Digital-Installationen warten auf die Besucher: So kann man in einem der abgedunkelten Räume über ein Mikrofon eine KI dazu veranlassen, ein bestimmtes Bild zu generieren – Krokodile, die über einen See springen; einen Roboter, der in einer Wüste sitzt. Englisch-, französisch- und luxemburgischsprachige Eltern ermuntern ihre Kinder dazu. In anderen Räumen betrachtet man auf einer Leinwand
Farbexplosionen und amorphe Strukturen, wie man sie vom Screensaver kennt. Einst dazu gedacht, ältere Röhren- und Plasmabildschirme vor dem sogenannten Burn-in eines bestimmten statischen Bildes zu schützen, drängen sie im GioLab unbekümmerte Unbeständigkeit auf. Dabei erzeugen sich gegenüberstehende Spiegel einen infiniten Regress. Die Besucher finden sich in einer endlosen Selbstbeobachtungsschleife wieder. Hier spiegelt sich ein zentrales Problem der Bewusstseinsphilosophie: Gibt es einen inneren Beobachter, und wenn ja, wer beobachtet den Beobachter? Nicht sicher aber ist, dass das GioLab beabsichtigt, metaphysische Probleme zu vermitteln. Die Werbebroschüre nennt es ein „immersives Erlebnis“ und „Zentrum für digitale Kunst“.
Wie Verschiebungen in einem Tetris-Spiel werden an einer Stelle hinter dreistöckigen verglasten Boxen im Gridx schnittige Ferraris und schmucke Oldtimer durcheinandergewürfelt. Der Bereich wurde für Sammler geschaffen, damit sie ihre Autos trocken und sicher aufbewahren können. 350 Euro pro Monat zahlen sie hierfür. Selbst Nicht-Autoaffinen fällt das Design der 1970er-Jahre ins Auge, wie der Peugeot 504 Coupé mit seinen fließenden Linien; ein Star französischer Autorenfilme. Man kommt an ihnen vorbei, wenn man den Parkplatz sucht. Und das ist nicht so einfach. Denn der Bau ist verschachtelt, unübersichtlich. Immer wieder fragen an diesem Samstag Besucher Angestellte, wo es bitte zum Parkplatz gehe. Auch wir drehen uns im Kreis. Versuchen uns zu erinnern, ob man im Bereich A oder B geparkt hat, wie das eigene Nummernschild lautet, um herauszufinden, ob man weitere Parkgebühren zahlen muss. Ein-, zweimal dreht man sich wieder im Kreis, bis man zu seinem Auto gelangt – um den Gebäudekomplex mit dem dumpfen Gefühl zu verlassen, Teil des Wunschdenkens eines Jungen gewesen zu sein, der einst mit Modell-Autos spielte.