Der Norden Lothringens leidet unter dem Druck des Luxemburger Immobilienmarkts. Die Regierungen auf beiden Seiten der Grenze wollen die gemeinsame Entwicklung im Bereich der Landesplanung mit einer Internationalen Bauausstellung harmonisieren. Wie das konkret vonstatten gehen soll, ist unklar

Gentrifizierung ohne Grenzen

Viviane Fattorelli ist seit Juli 2020 Bürgermeisterin der Gemeinde Audun-le-Tiche
Photo: Gemeinde Audun-le-Tiche
d'Lëtzebuerger Land du 12.02.2021

„Früher haben hier Italiener, Algerier, Polen und Spanier gelebt. Viele von ihnen waren Minenarbeiter, es herrschte große Solidarität“, sagt Viviane Fattorelli. Nach sechs Jahren in der Opposition übernahm die 56-Jährige im Frühsommer 2020 als erste Frau das Bürgermeisteramt der 7 000-Einwohner-Gemeinde Audun-le-Tiche, direkt an der Grenze zu Esch/Alzette. Fattorelli selbst bezeichnet sich als politisch links, doch Mitglied einer Partei sei sie nie gewesen. Mit ihrer freien Liste Audun autrement trat sie für Ökologie und Bürgerbeteiligung ein. Zusammen mit Kolleg/innen will sie ein politisches Gegengewicht zum rechtsextremen Rassemblement national schaffen, das sich in manchen Gemeinden der Region schon etabliert hat. Ihren Wahlgewinn verdankt Fattorelli auch ihrem Engagement gegen einen Kalksteinbruch, den ein Unternehmen zwischen Audun-le-Tiche und Aumetz errichten will.

Die Zeiten des Bergbaus sind in Audun-le-Tiche längst Geschichte. Nur noch die Arbeiterkolonien und verlassene Hallen zeugen von der industriellen Geschichte der Region, die bis 2007 fest in der Hand der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) war. Die Stahlindustrie war das identitätsstiftende Merkmal, das Nordlothringen und die luxemburgische Minett-Region fast 100 Jahre lang eng miteinander verband. Doch seit der Schließung der Schmelzen ab Mitte der 1960-er Jahre haben sich die Bevölkerung und mit ihr das gesellschaftliche und politische Leben allmählich verändert.

Immer mehr Luxemburger/innen und Portugies/innen lassen sich in den französischen Gemeinden entlang der Grenze nieder. Hier sind Häuser und Grundstücke mit luxemburgischen Durchschnittslöhnen – noch – bezahlbar. Wie viele Aussiedler es genau sind, weiß selbst die Bürgermeisterin nicht. In Frankreich ist es seit etwa zehn Jahren für Einwohner/innen nicht mehr verpflichtend, sich beim Bürgeramt anzumelden oder sich in die Wählerlisten einzutragen. Schätzungen von Maklern zufolge, werde eine von fünf Immobilien inzwischen von Luxemburger/innen gekauft, erklärt Viviane Fattorelli, die lange Zeit im luxemburgischen Bankensektor tätig war, sich nach der Finanzkrise zur Gymnasiallehrerin umschulen ließ und seit 2011 am Schengen-Lyzeum Französisch unterrichtet. Die meisten Einwohner kommen eigentlich nur noch zum Schlafen nach Audun-le-Tiche. Es sind Grenzpendler, die in Esch/Alzette oder der Stadt Luxemburg beschäftigt sind. Acht Stunden verbringen sie täglich auf der Arbeit, zwei bis drei weitere Stunden stehen sie im Stau oder sitzen im Zug.

Als Wirtschaftsmotor der Großregion übt Luxemburg seit Jahrzehnten eine Sogwirkung auf Arbeitnehmer/innen aus dem strukturschwachen Lothringen aus. Um näher am Arbeitsplatz zu sein, ziehen auch viele Franzosen aus grenzferneren Regionen in das Gebiet des Gemeindeverbands Communauté de communes du Pays Haut Val d’Alzette (CCPHVA). Laut einer im Januar veröffentlichten Studie der nordlothringischen Agentur für Urbanismus und nachhaltige Entwicklung (Agape) ist die Bevölkerung in den acht Gemeinden Audun-le-Tiche, Aumetz, Boulange, Ottange, Rédange, Russange, Thil und Villerupt zwischen 2008 und 2018 jährlich um 0,93 Prozent gewachsen. Der Zuwachs ist zwei bis drei Mal höher als in Regionen, die nicht in unmittelbarer Nähe zur Grenze liegen. Solange Luxemburg an seinem auf hohes Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsmodell festhält, ist ein Ende dieser Entwicklung nicht in Sicht.

Weil der Arbeitsmarkt schneller wächst als die Bevölkerung, ist Luxemburg in immer höherem Maße auf Pendler/innen angewiesen. In der Coronakrise wurde diese Abhängigkeit noch einmal besonders deutlich. Von den fast 210 000 Grenzgänger/innen kommt inzwischen über die Hälfte aus Frankreich. Seit 2010 hat die Zahl der französischen Pendler/innen um 40 Prozent zugenommen, während die Zahl derer, die aus Belgien und Deutschland kommen, nur um rund 25 Prozent gestiegen ist. Der Zustrom von Arbeitnehmer/innen aus der Peripherie in die Metropolregion „Grand-Luxembourg“ – wie der ehemalige UEL-Präsident Nicolas Buck sie zu nennen pflegt – übt einen enormen Duck auf den Wohnungsmarkt aus. In Luxemburg sind die Auswirkungen hinlänglich bekannt. Doch auch in der französischen Grenzregion steigen die Wohnungspreise rapide an. Die Chambre des notaires de la Moselle beobachtete im Zeitraum zwischen 2013 und 2018 für Audun-le-Tiche eine Zunahme der Immobilienpreise um über 30 Prozent. Eine Folge der neuen Zuwanderung ist, dass junge Menschen, die in der Region aufgewachsen sind und nicht über luxemburgische Löhne verfügen, wegziehen müssen, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Die Gentrifizierung der Grenzregion bereitet Viviane Fattorelli Sorgen: „In Luxemburg regt sich Widerstand, weil wegen der hohen Wohnkosten immer mehr Menschen nach Frankreich, Belgien oder Deutschland ziehen müssen. Doch uns geht es hier genauso. Auch wir wollen nicht in das Département Meuse ziehen, nur weil Wohnen für uns dort noch bezahlbar ist.“ Zwar verfügt die Gemeinde Audun-le-Tiche über einige Sozialwohnungen, doch wie in Luxemburg sind die Wartelisten lang.

Die Auswüchse auf dem Wohnungsmarkt nehmen in den französischen Grenzorten ähnlich groteske Züge wie im kleinen Nachbarland an. Bis nach Thionville und Metz seien die Auswirkungen spürbar, betont Fattorelli. Weil viele Arbeitnehmer/innen befristet in Luxemburg arbeiten oder nur nach einem Pied-à-terre suchen, um ihren Arbeitsweg zu verkürzen, ist die Nachfrage nach kleinen Studios oder möblierten Zimmern gestiegen. In der Gemeinde Ottange, die an die luxemburgische Stadt Rümelingen grenzt, werden seit einigen Jahren Einfamilienhäuser so umgebaut, dass möglichst viele Menschen dort in separaten Einheiten unterkommen können. Die möblierten Zimmer werden mit getrennten Eingängen versehen und an Studierende und junge Beschäftigte, insbesondere Saisonarbeiter aus dem Baugewerbe, vermietet. Wo früher eine vierköpfige Familie lebte, würden nun, je nach Größe des Hauses, zwischen fünf und zwölf Personen in zehn bis 20 Quadratmeter großen möblierten Zimmern logiert, erklärt die Sozialistin Fabienne Menichetti, seit 2010 Bürgermeisterin von Ottange. Rund zehn solcher Fälle seien ihr alleine in ihrer Gemeinde bekannt. Einerseits seien es Unternehmen aus Luxemburg, die ganze Häuser kaufen oder mieten, um ihre Arbeiter unterzubringen. Andererseits seien es Privatleute, die mit solchen Angeboten Geschäfte machen. Wie aus der Anzeige einer von ehemaligen französischen Fußballprofis gegründeten Immobilienagentur hervorgeht, liegt die Miete für ein möbliertes Zimmer zwischen 450 und 550 Euro. Bei insgesamt sechs Zimmern (plus einer Gemeinschaftsküche, einem Waschraum sowie jeweils zwei Duschen und WC) kassiert der Vermieter eine Gesamtmiete von über 3 000 Euro. Das Angebot richtet sich explizit an Studierende und Arbeiter. Laut Républicain Lorrain, der im Dezember 2019 schon über die „Schlafhändler“ berichtet hatte, bleiben viele der Bewohner/innen nur für eine begrenzte Zeit.

Das Konzept ähnelt dem der vorwiegend in Luxemburg tätigen Betreiber von Wohngemeinschaften, wo die Immobilienagentur Altea sich mit ihrer Plattform furnished.lu bislang als Marktführer behaupten kann. Der Hauptunterschied ist aber, dass furnished.lu ausdrücklich junge White-Collar-Workers anvisiert und die Preise zum Teil noch deutlich höher sind. War Altea lange Zeit vor allem im Zentrum aktiv, hat sich die Agentur inzwischen auch im Süden Luxemburgs etabliert. Alleine 100 Inserate entfallen auf möblierte Zimmer in Wohngemeinschaften in Esch/Alzette. Während die Nachfrage nach bezahlbaren Unterkünften steigt, hat der schwarz-grün-blaue Escher Schöffenrat im neuen Flächennutzungsplan (PAG) zusätzliche Vorkehrungen getroffen, um nicht nur die Einrichtung von möblierten Zimmern in Einfamilienhäusern, sondern auch die Gründung von Wohngemeinschaften strenger zu regeln. Gleichzeitig gehen andere Gemeinden gegen die sogenannten Cafészëmmeren vor, weil diese häufig nicht den gesetzlichen Hygiene- und Sicherheitsstandards entsprechen. Dadurch riskiere dieser Markt sich künftig in die französische Grenzregion zu verlagern, befürchtet Fabienne Menichetti im Gespräch mit dem Land. Weil in Frankreich keine Anmeldepflicht besteht, vermieten Firmen in Luxemburg offenbar schon Briefkästen, damit die Arbeiter/innen, die in Frankreich ein möbliertes Zimmer beziehen, sich in Luxemburg registrieren können. Ein weiteres Problem sei, dass viele der neuen Bewohner/innen mit dem Firmenlieferwagen unterwegs seien, was das Parkplatzproblem in Ottange nur noch verschärfe.

Fabienne Menichetti möchte gegen diese Praxis vorgehen. Hilfe von der Präfektur hat sie bislang nicht erhalten. Diese könne nur eingreifen, wenn die Gemeinde nachweisen kann, dass die Wohnbedingungen nicht den Sicherheits- und Gesundheitsstandards entsprechen. Dafür müsste die Bürgermeisterin Zugang zu den Wohnungen haben, was ihren Aussagen zufolge aber nur bedingt der Fall sei. Deshalb will sie nun die kommunale Steuerkommission einsetzen, die prüfen soll, ob die Vermieter sich an die steuerlichen Vorgaben halten. Weil neben Ottange noch andere Gemeinden in der Grenzregion betroffen sind, will die CCPHVA zusätzlich einen Mietschein ausarbeiten, der nach einer Behördenkontrolle nur jenen Vermietern ausgestellt wird, die sich an die gesetzlichen Regeln halten.

In ihrer Studie befürchtet die Urbanismus-Agentur Agape, dass die wirtschaftliche und demografische Anziehungskraft Luxemburgs in den kommenden Jahren zu einem Bruch zwischen den grenznahen Gebieten und dem Rest der nordlothringischen Region führen könnte. Während die Bevölkerung im CCPHVA stark ansteigt, stagniert sie in den grenzferneren Gebieten. In den Gemeindeverbänden Terre Lorraine du Longuyonnais und Orne Lorraine Confluences ist die Tendenz sogar leicht rückläufig.

In Audun-le-Tiche und Umgebung könnte die Bevölkerung hingegen künftig noch schneller wachsen. Für das CCPHVA gehe man davon aus, dass sie in den kommenden zehn bis 15 Jahren von 28 000 auf 35 000 Einwohner/innen ansteigen wird, sagt Viviane Fattorelli. Auf der Industriebrache von Micheville zwischen Audun-le-Tiche und Villerupt baut der französische Staat mit europäischen Fördergeldern eine ökologische Cité mit einem (schon fast fertigen) Pôle culturel, einer Schule und rund 1 900 Wohneinheiten. In Russange, Boulange, Villerupt und Rédange sollen weitere Viertel mit insgesamt mehr als 1 500 Wohnungen entstehen. Zusammen mit Esch-Belval, der vom Baumagnaten Eric Lux erworbenen Lentille Terre Rouge/Rout Lëns in Esch/Alzette und dem von der öffentlich-privaten Gesellschaft Agora zu entwickelnden Quartier Alzette auf der Industriebrache Esch-Schifflingen soll ein großer grenzüberschreitender Ballungsraum entstehen. Längerfristig soll auch die Schlackenhalde (Crassier) der Terres-Rouges zu Wohnungs- und Wirtschaftszwecken umgenutzt werden. Die Halde gehört ArcelorMittal und liegt zu drei Viertel auf französischer Seite, im luxemburgischen Teil baut die Firma Cloos noch Schlacken ab. Bis 2030 sollen in dem grenzüberschreitenden Gebiet zwischen Monnerich und Boulange 135 000 Menschen leben. Heute sind es rund 100 000.

Der hohe Bevölkerungszuwachs verlangt nach einem Ausbau der Infrastruktur in den CCPHVA-Gemeinden. Nicht nur der Bedarf an Schulen und Einrichtungen zur Kinderbetreuung steigt. Auch die öffentliche Verwaltung muss aufgestockt werden. Die Gemeinden des CCPHVA seien „sehr arm“, sagt Viviane Fattorelli. Das Budget von Kommunen vergleichbarer Größe in Luxemburg sei fast zehn Mal höher. Zusätzliche Einnahmen zu generieren sei schwierig, weil rund 80 Prozent der Bewohner/innen von Audun-le-Tiche jenseits der Grenze arbeiten und dort ihre Lohnsteuern zahlen. Laut Land-Informationen stehen in der öffentlichen Verwaltung der Grenzgemeinde fast 50 Stellen offen. Einen Elektriker zu finden, sei für die Gemeinde fast unmöglich, weil die Löhne im öffentlichen Dienst in Frankreich niedriger als in Luxemburg seien, bedauert Fattorelli. In anderen Wirtschaftszweigen wie etwa dem Einzelhandel seien die Lohnunterschiede zwar gering, doch dafür seien Sozialleistungen wie Kinderbonus und Familienzulagen in Luxemburg wesentlich höher.

Auch auf zusätzliche Einnahmen aus der Gewerbesteuer können die französischen Grenzgemeinden nur bedingt hoffen. Zwar sind in manchen Großprojekten Büroflächen und Geschäftsräume eingeplant, doch Fattorelli bezweifelt, dass viele Unternehmen sich in Frankreich niederlassen werden, weil die Steuerlage in Luxemburg weitaus günstiger sei. Als Kompensation für die Ausfälle fordern insbesondere linke Politiker seit Jahren eine Steuerrückführung, doch Luxemburg hat dies stets abgelehnt. Auf Regierungsebene scheint diese Forderung inzwischen zugunsten der Kofinanzierung von französischen Großprojekten durch den luxemburgischen Staat vom Tisch zu sein (vgl. Land vom 15. Januar 2021).

„Wir werden nie mit Luxemburg konkurrieren können, weder in Steuerangelegenheiten noch bei der sozialen Sicherheit“, unterstreicht Auduns Bürgermeisterin, die in Esch/Alzette geboren wurde und die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Fattorelli spricht sich für ein komplementäres, grenzüberschreitendes Angebot aus. Im Rahmen des Groupement européen de coopération transfrontalière Alzette-Belval (GECT) arbeitet die CCPHVA schon seit Jahren mit den luxemburgischen Nachbargemeinden Esch/Alzette, Sanem, Schifflingen und Monnerich zusammen. Doch wichtige Entscheidungen können in diesem interkommunalen Gremium nicht getroffen werden. Dafür braucht es die Zustimmung höherer Instanzen. Grenzüberschreitende Planungen werden durch das französische Millefeuille administratif, das von der Gemeinde und dem interkommunalen Verband über das Departement und die Region bis hin zur Regierung reicht, zusätzlich erschwert.

Mit dem aus Deutschland stammenden Konzept der Internationalen Bauausstellung (IBA) hat der zuständige Ressortminister Claude Turmes (déi Gréng) kürzlich ein neues Instrument eingeführt, um die grenzüberschreitende Entwicklung im Bereich der Landesplanung zu harmonisieren und eine kohärente Struktur im luxemburgisch-französischen Grenzgebiet zu schaffen. In Zusammenarbeit mit der Uni Luxemburg, dem Établissement Public d’Aménagement d’Alzette Belval (EPA) und dem Luxembourg Center for Architecture (LUCA) wollen die Regierungen beider Länder, im Verbund mit der Region Grand-Est, in den nächsten zehn Jahren eine gemeinsame Entwicklungsstrategie ausarbeiten und umsetzen. Die Vorbereitungsphase wurde am 30. Januar in Belval offiziell eingeläutet. Themen wie Ökologie und europäische Integration, erschwingliches Wohnen, kollektive und hybride Formen des Zusammenlebens, die Nutzung nachhaltiger Ressourcen und alternative Wirtschaftsmodelle geben dabei die Richtung vor. Bis Ende 2022 soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen. Bis Dezember dieses Jahres soll aber erst einmal entschieden werden, ob das Projekt überhaupt durchführbar ist, teilte das Ministerium für Landesplanung am Donnerstag auf Land-Nachfrage mit. Es wäre die erste grenzüberschreitende IBA in Europa. Ob und wie die Regierung mit diesem Konzept das Wohnungsproblem in den Begriff bekommen möchte, ist aber unklar. Das Ministerium spricht bislang lediglich von einem einmaligen „Experimentatiouns-Moment“ für das gemeinsame Gebiet.

Turmes' Zukunftsvision vom strukturellen Wandel einer industriell geprägten Region hin zu einer ökologisch-nachhaltigen und digitalen Wissensgesellschaft sind für die Bürgermeister/innen auf beiden Seiten der Grenze zurzeit noch zu abstrakt und realitätsfern. Ein alltägliches Problem, das direkt mit dem hohen Bevölkerungswachstum zusammenhängt, ist der Verkehr. Zwar wird in Luxemburg bereits über grenzüberschreitende Tramm, Bus à haut niveau de Service (BHNS), schnelle Radwege und verkehrsfreie Stadtteile geredet, doch steht im Teilbebauungsplan (PAP) für das unmittelbar an der französischen Grenze gelegene Viertel Rout Lëns, dass für jede der 1 428 Wohneinheiten jeweils ein Autostellplatz vorgesehen ist. Weitere Parkplätze sind für Geschäfte, Büros und Gastronomiebetriebe eingeplant. Gleichzeitig soll mit dem von Grenzpendlern noch häufig genutzten Boulevard JF Kennedy eine der Hauptverkehrsstraßen zu diesem Viertel nach der Fertigstellung der Autobahnumgehung Liaison Micheville und der Inbetriebnahme des BHNS für den Autoverkehr gesperrt werden. Im ehemaligen Arbeiterviertel Hiël, das von der dicht bebauten Rout Lëns regelrecht eingekesselt werden wird, bildet sich zurzeit eine Bürgerinitiative, die darauf aufmerksam machen will, dass ihr Stadtteil dann nur noch schwer mit dem Auto zu erreichen sein wird.

Das Projekt Rout Lëns zeigt aber auch, wie schwierig die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf landesplanerischer Ebene tatsächlich noch ist. Der Zipfel der Industriebrache, der auf französischem Territorium liegt, wurde zur Enttäuschung von Viviane Fattorelli bei der Umnutzung einfach ausgespart. Ein weiteres Beispiel ist das historische Freibad der ERA. Seit über zehn Jahren planen Audun-le-Tiche und Esch/Alzette nun schon gemeinsam, das Schwimmbad wiederzubeleben, das Ende der 1980-er Jahre den Betrieb eingestellt hat. Das Gelände gehört ArcelorMittal und liegt auf dem Territorium von Audun-le-Tiche. Die Stadt Esch/Alzette möchte das Bad mit eigenen Mitteln renovieren und es den Bürger/innen aus der Großregion zur Verfügung stellen. Vergangenes Jahr hatte es zum wiederholten Mal fast so ausgesehen, als könnte das Vorhaben endlich gelingen. Doch laut dem Escher Bürgermeister Georges Mischo (CSV) haben diesmal Budgetkürzungen wegen Covid-19 dazu geführt, dass es erneut auf Eis gelegt wird.

Luc Laboulle
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