Mit Success Story bricht die Compagnie du Grand Boube Stereotype über Heimkinder auf. Ein beklemmendes, mitunter komisches Stück über ein dunkles Kapitel Luxemburger Geschichte

„Ech sinn d’Rhum ni lassginn“

d'Lëtzebuerger Land vom 20.03.2026

Eng vun hinnen huet enges Moies virun der Klass gesot: „Ech hu mat der Oberin geschwat. Si huet gesot, alleguerten déi vun der Rhum, déi sech net schécken oder domm a frech sinn – fort mam Knascht!“, erzählt Martine in Success Story ungeschönt. Einige der Erzieherinnerinnen hätten die Heimkinder, die gar keine Eltern hatten, bewusst gedemütigt: „Du kanns näischt, du bass näischt!“

Das Dokumentartheaterstück mit den vier Darsteller/innen der Compagnie du Grand Boube, Franz Leander Klee, Renelde Pierlot, Alain Schumann, Germain Wagner, ist keine leichte Kost. Beim Zuhören der Stimmen überkommt einen als Zuschauerin Wut und (Fremd-)Scham angesichts der psychischen Demütigungen; doch zum Glück ist es nicht durchgehend bedrückend, zwischendrin kann man auch herzhaft lachen. Musikalisch wird das Stück mitunter durch All the world is green von Tom Waits oder Frank Sinatras Song My way aufgelockert. Aufhorchen lässt einen die Stimme von Alain Schumann.

Francis Schmit, der noch bis vor drei Jahren am Escher Theater aktiv war, hat mit rund einem Dutzend Personen gesprochen, die ab den späten 1950er Jahren bis heute in dem Kinderheim gelebt haben. Ihre Berichte haben die Künstler/innen aufgearbeitet und mimen diese unterschiedlichen und damit durchaus differenzierten Stimmen der Zeug/innen reflektiert. Stereotype, wieso junge Menschen in einem Foyer leben, werden hier durchbrochen; dennoch wird deutlich, dass eine Kindheit oder Jugend im Kinderheim, vor allem in der berühmt-berüchtigten Struktur „Op der Rhum“, ein gesellschaftliches Stigma war.

Stigma „Rhum“

Einige der Heimbewohner/Innen haben diese Kindheit gut bewältigt und schaffen es, rückblickend sogar schöne Seiten zu sehen, wie Alexandra (Renelde Pierlot), die einfach froh ist, nie allein gewesen zu sein. Doch werden auch die Kehrseiten beleuchtet: Einige der ehemaligen Heimkinder können bis heute nicht ohne Lärm einschlafen. Für viele war die Herkunft mit Scham behaftet. Einige entwickelten gar Routine darin, zu verschleiern, wo sie aufwuchsen: „Du konns ni vun denger Kandheet erzielen, wells de jo net wouss, wéi déi ander géife reagéieren, wanns du géifs soen, datt s de vun der Rhum kënns.“

Ein Mädchen, Martine, deren Vater jemanden erstochen hatte, haftete schon von Beginn der schlechte Ruf an: „Mat hinnen hei si mär séier fäerdeg, well hire Papp sëtzt am Prisong.“ Arlette erzählt dagegen, dass ihre Vergangenheit stets als Vorwand diente, um ihre Meinung nicht ernst nehmen zu müssen. Sophie berichtet, dass ein Scout sie beim Lagerfeuer einmal bedauernd fragte, was sie Schlimmes getan hätte, um im „Foyer“ gelandet zu sein.

Blick hinter die Fassade

Die kleine Bühne des Escher Theaters Ariston wird so zu einem offenen Raum für die verschiedenen (Lebens-)Geschichten, die zu einem Kaleidoskop verschmelzen. Ein paar Requisiten (Peggy Wurth) reichen aus, damit die Bühne zum Heim wird. Dominiert wird sie von einer Kleiderstange, an der sich die Darsteller/innen ab und zu bedienen, um die Kleidung zu wechseln.

Irgendwann tragen sie alle hässliche, kackbraune Strickpullover – Einheitslook. Denn auch optisch soll man die Kinder von der Rhum schon von Weitem erkannt haben. Als dortiges Heimkind war man zudem abgestempelt: „D’Rhum war e ganz béise Numm.“ „E Rhummer, dee bréngt et net.“

In der Inszenierung von Carole Lorang, basierend auf der dramaturgischen Fassung von Mani Muller, kommen Stimmen auf Luxemburgisch, Französisch und Deutsch zu Wort, was der luxemburgischen Vielfalt trotzdem nicht gerecht wird. Wirklich „inklusiv“ wäre, wenn auf der Bühne auch Portugiesisch gesprochen würde und es eine Audiodeskription gebe.

Es sind bestürzend-traurige Anekdoten, aber auch witzige Momente, von denen die vier Darsteller/innen erzählen ... So sind etwa auch Stimmen ehemaliger Heimbewohner/innen zu hören, die heute dankbar sind, in einer Heimstruktur aufgewachsen zu sein, wie die von Jo (Germain Wagner): „Wann ech elo esou zréckdenken, sinn ech frou, datt de Staat agegraff huet.“ Irgendwann habe er damit angefangen, systematisch zu klauen. Er beherrsche heute die luxemburgische Sprache, die er wohl nie richtig gelernt hätte, wenn er zuhause aufgewachsen wäre: „Ech sinn dankbar. – Dankbar, datt ech am Heem meng Kummer hat. An datt si ëmmer en Ouer fir mech haten“, sagt Jo. Grotesk-komisch, wenn der große Deutsche (Franz Leander Klee) nachahmt, wie er und die anderen als Kinder einst durch die Stadt marschieren mussten: „Ech weess nach, datt mer a Rei a Glidd durch d’Stad marschéiert sinn.“

In den Jugendknast gesteckt

Unglaublich schließlich die Geschichte eines äthiopischen Mädchens (Belen), die im Alter von 13 Jahren allein nach Luxemburg kam. Weil keiner wusste, wo man sie unterbringen sollte, wurde sie kurzerhand drei Monate lang in die Jugendhaftanstalt in Schrassig gesteckt. Was sie rückblickend am meisten bedrückt habe, sei das Warten gewesen: „J‘ai dû attendre plus de dix ans avant d’avoir des papiers en règle.“

„Erfolg“ ist in den individuellen Lebensgeschichten relativ. Natürlich kann der Titel auch mit einem Augenzwinkern verstanden werden: „Meng Success Story ass, dass ech trotz all mengem Misär am Liewen weiderkomm sinn“, erfährt man schon zu Beginn. Dagegen sind es keine großen Ansprüche, die gen Ende formuliert werden: „Nicht so zu werden wie die eigene Mutter“; „auf eigenen Beinen zu stehen“, eine Lehre in einer Metzgerei zu absolvieren oder auf den Azoren im Tourismusbereich zu arbeiten.

Kein Betroffenheitstheater

In einigen Fällen blicken die Heimbewohner/innen gar erhobenen Hauptes in die Zukunft, so wie Manon (Germain Wagner): „Ech si matt 18 Joer op d’Jugendgeriicht gaangen, fir mech emanzipéieren ze loossen. Den deemolegen Direkter vun der Rhum war och dabëi, a nodeems et geklappt hat, sot hien: ‚Manon, maach der keng Suergen wéinst de Käschte vun der Prozedur. Ech iwwerhuelen déi.‘ Nee. Dat ass léif, ma nee: Meng Fräiheet bezuelen ech mer selwer!“, entgegnete sie ihm.

Success Story ist ein Projekt über Ausgrenzung und Vorurteile – unbequem insofern, als dass die Inszenierung den Luxemburger/innen den Spiegel vorhält und man wie durch eine Lupe sieht, wie Vorurteile Zeit eines Lebens an Menschen kleben bleiben. Dass das Stück an keiner Stelle in Betroffenheitstheater abgleitet, sondern die eigene Wahrnehmung schärft, ist vielleicht der größte Verdienst dieses eindrucksvollen Abends.

Success Story; Konzept: La Compagnie du Grand Boube; Inszenierung: Carole Lorang; Adaptation & Dramaturgie: Mani Muller; Gespräche & Transkription: Francis Schmit; Bühnenbild & Kostüme: Peggy Wurth; Musik: Alain Schumann; Mit: Franz Leander Klee, Renelde Pierlot, Alain Schumann, Germain Wagner. Dauer: 80 Minuten. Keine weiteren Vorstellungen.

Anina Valle Thiele
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