Wie Staaten einen Künstlermythos nutzen: Der geteilte Picasso im Museum Ludwig in Köln beleuchtet die Rezeption von Picassos Werk in DDR und BRD. Eine Ausstellung über die Verwendung von Kunst

Guernica im Zerrspiegel der Systeme

d'Lëtzebuerger Land du 10.12.2021

Es ist eine alte Frage: Wie politisch ist Kunst und welcher Anteil ist Intention der Künstlerin? Ist die Kunst Reaktion auf oder erhellendes Spiegelbild der politischen Verhältnisse? „Wir sind alle SpongeBobs“, sagte der luxemburgische Künstler Filip Markiewic vergangene Woche auf einer Veranstaltung zu Kunst und Meinungsfreiheit in der Nationalbibliothek (BnL). Künstler seien in keinem System wirklich ‚frei’ – also kann man auch in Dubai auftreten. Für Picasso war sein Bekenntnis zum Kommunismus nicht von seiner Kunst zu trennen und dennoch wurde sein Werk in beiden Teilen Deutschlands unterschiedlich politisch eingesetzt, so die Ausgangsthese der Ausstellung Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und DDR, die bis Ende Januar 2022 im Museum Ludwig in Köln zu sehen ist.

Die umfangreiche Schau zeigt einige explizit politische Werke, etwa sein Gemälde Massaker in Korea (1951) aus dem Pariser Musée Picasso, zudem rund 150 Exponate, die Picassos Werk in seinen Wirkungen vorführen: Ausstellungsansichten, Plakate, Presseberichte, und Filme, bis hin zu einem Theatervorhang aus dem Berliner Ensemble, auf den Brecht „die streitbare Friedenstaube meines Bruders Picasso“ malen ließ. Gleich zu Beginn des Rundgangs baumeln mehrsprachige Plakate für Weltfriedenskongresse von der Decke. Auf allen prangt Picassos Friedenstaube, und man stößt auf seine Erklärung, wieso er am 4. Oktober 1944, unmittelbar nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung, der kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) beitrat ...

Wie viele andere Intellektuelle, die sich entscheiden wollten angesichts des Faschismus und der Kumpanei des Bürgertums, sah Picasso im Kommunismus die Zukunft. Anders als die meisten in seinem Dunstkreis trat er auch nie wieder aus der Partei aus. Während man in der Bundesrepublik, wo die KP 1956 von mehrheitlich dem Nationalsozialismus nahestehenden Richtern verboten wurde, sein politisches Engagement für eine Marotte hielt, betonte er selbst Politik und Kunst gehörten zusammen, weil der Künstler nicht in der Kunst, sondern in der Welt lebe.

Doch wie politisch war Picassos Werk? Als moderne seien Picassos Werke im weitesten Sinne alle politisch, auch wenn sie im engeren Sinne politischen trotz ihrer großen Zahl im Oeuvre keinen bedeutenden Anteil bildeten. Immerhin gehörten die beiden bekanntesten zu den berühmtesten Kunstwerken des 20. Jahrhunderts: Guernica (1937) und die Friedenstaube, die Louis Aragon, Funktionär der KPF und mit Picasso befreundet, 1949 zum Plakatmotiv für den Pariser Weltfriedenskongress bestimmt habe, erklärt Kuratorin Julia Friedrich im Katalog. Picasso gab seine Unterschrift für Aufrufe der Partei, gestaltete Plakate, spendete großzügig, prostete Stalin zu, vor allem aber zeichnete er unzählige Tauben, seine weiße Friedenstaube wurde weltweit zum Symbol der Friedensbewegung.

„Es sollen nicht die Picasso-Funktionalisierungen der BRD und der DDR rekonstruiert werden, sondern ihre Gleichzeitigkeit und ihr Konflikt“, erklärt Friedrich das Anliegen der Schau. Die Ausstellungsarchitektur ziele deshalb auf Distanzierung ab, auf einen Abstand zur Malerei. Von Beginn der Planung an habe festgestanden, dass das Material selbst die BesucherInnen in Spannung versetzen, doch nicht hierarchisch geordnet sein sollte. Das In-Szene-Setzen seiner Werke auf hölzernen Stellwänden im Museum Ludwig verstärkt den kulissenhaften Charakter der Ausstellung. Die BesucherInnen rezipieren somit selbst sein Werk, das in gegensätzlichen Produktionsweisen und Kunstverständnissen inszeniert wird.

Picasso eignete sich als Gallionsfigur in beiden Systemen, aber er lebte im Westen. Er ließ es zu, dass die Kritik ihn zum unpolitischen Genie, zum ‚Geheimnis Picasso’ stilisierte und vermarktete. Beim Gang durch die Ausstellung wird zudem deutlich: Entschärft wurde sein Werk im Westen stets kommerzialisiert. „Der Kommunist Picasso wurde im Westen zum Künstler entpolitisiert, der modernistische Künstler im Osten zum Friedenskämpfer popularisiert“, so Friedrich.

Trotzdem war er lange Bürgerschreck. In der Nachkriegszeit wurde Picassos Kunst im Westen wie im Osten zensiert – unter oft fadenscheinigen Begründungen. In West-Berlin verhinderte 1952 der Senator für Volksbildung eine Ausstellung von Grafiken. Die Absage wurde mit „Transportschwierigkeiten“ begründet. Tatsächlich erfolgte sie, weil Picasso, wie aus einem Briefwechsel der Kuratoren hervorgeht, ‚östlich orientiert’ war. Die DDR-Führung war zwar an ihm als Gallionsfigur interessiert, nicht jedoch an moderner Kunst. So ließ die SED die Auflage eines Picasso-Buchs des Sammlers Lothar-Günther Buchheim beschlagnahmen, weil es nur die ‚formalistischen Arbeiten dieses revolutionären spanischen Künstlers’ enthalte. Offiziell wurden andere Gründe angeführt: Das Impressum fehle, das Buch sei zu teuer.

Die unterschiedliche Rezeption seines Werks lässt sich exemplarisch an Guernica und Das Leichenhaus, die Facetten der deutschen Vernichtungspolitik abbilden, ablesen. Guernica (1937) reagiert auf die Zerstörung der baskischen Stadt durch die Flieger der Legion Condor am 26. April 1937. Das Gemälde, „Universalbild kriegerischen Schreckens“ (Georg Seeßlen) wurde zwar anlässlich der westdeutschen Retrospektive 1955/56 gezeigt, aber sein Inhalt nicht näher bestimmten ‚Ereignissen’ des Spanischen Bürgerkriegs zugeschrieben. Kein Wunder, wurde doch nur einige Jahre zuvor in NS-Propagandamedien behauptet „nur die ‚jüdische Lügenpresse’ behaupte, deutsche Flugzeuge hätten die Stadt bombardiert.“ In der sich als antifaschistisch begreifenden DDR gab es hingegen anfangs ästhetische Vorbehalte gegen Guernica.

Dass Guernica noch Jahrzehnte später hitzige Debatten auslösen konnte, zeigte sich als die Bundeswehr, die in ihrer Traditionspflege immer auch die Legion Condor einbezog, im September 1990 (!) eine Werbeanzeige mit dem Gemälde und der Schlagzeile „Feindbilder sind die Väter des Krieges“ in deutschen Illustrierten veröffentlichte. Im Museum Ludwig ist diese Anzeige großflächig gehängt.

‚Das Leichenhaus’ entstand um 1945. Bemerkenswert früh für Deutschland, aber auch für Frankreich (wo Alain Resnais’ Nuit et brouillard 1956 erschien), nimmt das Bild voller Kadaver in einer Grube die Verbrechen von SS und Wehrmacht auf. Eine Quelle könnte ein Artikel aus der Zeitung L’Humanité von Weihnachten 1944 sein. Sie berichtet von den Gräueln im inzwischen befreiten KZ Natzweiler-Struthof und zeigt ein Täterbild von einem Massengrab mit erschossenen Partisanen. Während man in der BRD das Leichenhaus als „Requiem“ sakralisierte und kaum beachtete, deutete man es in der DDR als Darstellung des faschistischen Grauens.

1955, kurz vor der großen Picasso-Retrospektive in München, Köln und Hamburg, empfahl das Auswärtige Amt der Ausstellungsleitung den Verzicht auf politische Werke. Zur selben Zeit wurde in der DDR um Picasso gerungen. In der Fachzeitschrift Bildene Kunst wurde dem Künstler vorgeworfen, Gemälde wie Massaker in Korea seien karikaturhaft und beleidigten die Opfer. Der Künstler neige zu „Formalismus“. „Nur eine Minderheit verstand Picasso als Kunst, für den Rest stand sein Name für die unerwünschte Kunst der Moderne“, so Georg Seeßlen.

Dass sich hinter der Fassade des Genies ein selbstherrlicher Macho und Machtmensch verbarg, sollte erst durch seine zeitweilige Lebensgefährtin Françoise Gilot bekannt werden. Sie galt als die Einzige, die Picasso je den Laufpass gab. In ihrer Autobiografie Leben mit Picasso (1964; Picasso prozessierte erfolglos gegen das Buch) beschreibt sie die zehn Jahre, die sie an seiner Seite verbrachte.

Für das kleingewachsene geltungssüchtige Genie opferte sie zeitweise ihre Karriere, um nach der Trennung die Malerei wiederaufzunehmen. Beim Versuch, ihre Bilder auszustellen, musste sie feststellen, dass Picasso allen Pariser Galerien verboten hatte, ihre Werke zu zeigen. Er drohte damit, andernfalls würden sie nie wieder ein Bild von ihm bekommen.

Die Kölner Schau streift diesen Aspekt, durch den das schillernde Bild Picassos derbe Risse bekommt, leider nur am Rande: In einer Filmdokumentation am Ende der Ausstellung hört man die selbstbewusste Gilot sprechen.

Das Ausstellungskonzept ist dennoch stimmig. Es schärft den Blick auf den Künstler und sein Werk. Dennoch ist Picasso heute „Bild und Blick zwischen Restauration und Modernisierung der Bürger*innentums. Man muss ihn und seine Arbeit auf eine Weise anschauen, dass sie nicht mehr gefährlich sind. Die eine Methode dazu ist die Eingemeindung, die Auflösung in Design, Wohnung, Travestie und Klatsch; die andere ist die Entrückung des Genies“, so Seeßlen im begleitenden Katalog, der sich allein wegen seines Beitrags, aber nicht zuletzt zur begleitenden Kontextualisierung und Vertiefung unbedingt empfiehlt.

Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR ist noch bis zum
30. Januar 2022 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. www.museum-ludwig.de

Anina Valle Thiele
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