Theater

Sinnsuche zweier Gestrandeter

d'Lëtzebuerger Land vom 12.02.2021

Der Saal des Carré ist in tiefes Blau getaucht; an zwei Wände des Raumes werden Unterwasseraufnahmen projiziert. Die Zuschauer/innen blicken von vier Seiten auf eine schwarz-glitzernde Rauminstallation: einen riesigen, gestrandeten Oktopus. Rosenkranz und Güldenstern (Franz Liebig und Timo Wagner) schälen sich langsam aus der Krake heraus und blicken in die Welt wie zwei geschlüpfte Küken. „Das Dasein im Walbauch ist wie eine neue Geburt“, ertönt eine weibliche Stimme (Anne Klein) aus dem Off. Sie spricht von Erholung im Bauch des Blauwals und ruft die Erzählung von Jona aus dem Tanach wach: „Walbäuche sind wirklich die angenehmsten Orte der Welt.“

Mit Rosenkranz und Güldenstern (Uraufführung am 24. August 1966 auf dem Edinburgh Festival) hat Tom Stoppard einst Randfiguren, zwei Höflinge aus Hamlet, zu Hauptfiguren seines Stücks gemacht. Beiden fehlt die Orientierung in der Welt, wie die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Ihr Weg nach Helsingör wird zur Sinnsuche, die in ihren Anspielungen unverkennbar an Estragon und Vladimir aus Samuel Becketts Warten auf Godot erinnert. Die Theatermacherin Fanny Sorgo spielt in ihrer Textfassung wiederum mit unterschiedlichen Motiven: Der Urfassung Stoppards hat sie die Erzählung eines Mädchens mit zwei Zöpfen hinzugefügt, das seinen Kopf verloren hat und von einem Walfisch verschluckt wurde. Die sinnliche Inszenierung von Daliah Kentges, (Dramaturgie: Sarah Rock) erweitert die Erzählfragmente um zahlreiche surreale Facetten.

Das Absurde wird in Rosenkranz und Güldenstern auf Greta zur Form erhoben. Der Dialog zwischen Rosenkranz, dem Ernsthaften, und dem eher tollpatschig-naiven Güldenstern läuft von Anbeginn ins Leere: „Wo sind wir, und was bedeutet das?“ – „Sein oder Nicht-Sein – das ist hier die Frage!“ Sinkt die Insel, auf der sich die zwei Kauze befinden, aufgrund psychischer oder physischer Schwere?

Schnell wird das Spiel zum Selbstläufer: Rosenkranz mimt Ursula, eine verstrahlte Yoga-Lehrerin, die sich in ihrer Überzeugung von der Heilsamkeit in esoterischen Formeln verliert: „Hände zum Herzen für die Reinheit des Herzens.“ Wenn Güldenstern sich bei den Yoga-Übungen verdreht: „Seit ich Yoga mache, stelle ich mich ständig und nicht ständig in Frage“, entstehen herrliche Momente von Situa-
tionskomik, die in Fragen münden, die sich das Publikum zwangsläufig stellt: Wie viel Lebenszeit verbringen Menschen mit (vermeintlich) sinnstiftenden Aktivitäten?

Ihrer Identität immer unsicherer, sehnen sich Rosenkranz und Güldenstern nach einer Aufgabe, die ihrer Existenz einen Sinn gibt. Regieanweisungen werden in den Raum geworfen wie Appetithäppchen: Werden sie eine Antwort auf die Frage finden, das richtige Leben gelebt zu haben? Immer wieder reflektieren sie das Stück auf einer Metaebene: „Wäre dies ein Frontal-Theaterstück, so wäre es langweilig.“ – „Wer schaut schon (gern) zwei Hampelmännern beim Verdrängen zu?“

In der bisweilen etwas klamaukig geratenen Inszenierung im Carré wird Güldenstern irgendwann die Frage in den Raum werfen: „Fragst Du Dich nicht, warum Du nicht als Hummer wiedergeboren wurdest?“ Und es fallen Sätze über die Verschwendung von Ressourcen und die vermeintlich „richtige Lebensweise“. Nicht von ungefähr wurde „Greta“, ein Mädchen mit blonden Zöpfen, herangezogen. „Sollten wir vom steigenden Meeresspiegel sprechen oder doch ,von uns‘“?

Die Gefahr, dass das, was die Macher/innen bescheiden als „Theaterprojekt“ bezeichnen, mit Motiven überfachtet wird, unter denen die Inszenierung zusammenbricht, hebeln die beiden Schauspieler in nur einer Stunde gekonnt aus: Sie konzentrieren sich – genau wie in Stoppards Ursprungstext angelegt – auf die absurden Dialoge. Streckenweise sind es wohlfeile Satzfetzen. Es überwiegen jedoch kluge Wortspiele, in denen sich die Sehnsucht nach Schönheit in der Welt in „Schneckenschleimspuren auf glitzernden Asphaltstraßen im Mottenlicht“ manifestiert.

Bevor sich die vermeintliche Sinnsuche erschöpfen könnte, ist das Schauspiel auch schon vorbei. Die Begleitung Hamlets nach England durch die beiden Höflinge hat nie stattgefunden.

Zum zweiten Mal beeindruckt Sorgo damit nach Der himmelblaue Herr (2018) in Luxemburg durch ein gelungenes Bühnenstück, das die Frage nach dem Sinn des Lebens ins Leere laufen lässt, aber dem sinnlichen Schauspiel Raum gibt.

Rosenkranz und Güldenstern auf Greta. Text von Fanny Sorgo (zusammen mit dem Ensemble) nach Motiven von W. Shakespeare, Tom Stoppard, Samuel Beckett u.v.m. Performance: Timo Wagner und Franz Liebig; Stimme: Anne Klein; Regie: Daliah Kentges; Dramaturgie: Sarah Rock; Installation & Kostüme: Anouk Schiltz; Licht: Pascal Klein; Video Blues Productions. Eine Produktion des Kasemattentheaters.

Anina Valle Thiele
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