Aus dem Nichts

d'Lëtzebuerger Land du 19.02.2021

Steigt die Jugendkriminalität hierzulande? Das Viertel Bonneweg in Luxemburg-Stadt sei ein „Hotspot“ für Jugendkriminalität, hatte Wort-Journalistin Dani Schumacher im RTL-Presseclub vergangenen Sonntag behauptet. Hintergrund ist die tödliche Messerstecherei Ende Januar, sowie eine weitere Attacke durch einen Jugendlichen auf einen Busfahrer in der Nähe des Bahnhofs. Bewohner/innen des Stadtviertels dürften sich dennoch verwundert die Augen gerieben haben, denn von der tödlichen Messerstecherei abgesehen, war Bonneweg wegen massiver Jugendgewalt bislang wenig aufgefallen.

Dass die Gegend um den Hauptbahnhof zu den „Hotspots“ gezählt werde, liege daran, dass sich dort die Wohlfahrtsstrukturen für soziale Randgruppen konzentrierten, versuchte Journal-Chefredakteurin Melody Hansen eine Erklärung. Mit dem Drogenkonsumraum Abrigado an der Route de Thionville, dem Foyer Ulysse und der Téistuff am Dernier Sol, sowie dem Parachute am Bahnhof sind gleich mehrere Hilfsorganisationen dort aktiv. In Bonneweg gibt es die größte Dichte von Streetworker/innen in der Hauptstadt, es gibt zwei Jugendhäuser in Fußnähe und die Caritas unterhält einen Lebensmittelladen für Bedürftige. Nur: Was hat die Konzentration von Hilfsstrukturen mit Jugendkriminalität zu tun?

Wer sich auf die Suche begibt, das Phänomen mit Zahlen zu unterfüttern, stellt fest: Die Debatte um eine Zunahme der Jugendkriminalität ist eine Phantomdiskussion, die mehr von Emotionen getragen ist, denn auf Fakten basiert. Der veröffentlichten Polizeistatistik zur Jugenddelinquenz von 2018 zufolge wuchs zwischen 2016 und 2017 der Anteil jugendlicher Tatverdächtiger um 0,2 Prozent. 2 220 der mutmaßlichen Täter waren minderjährig, was bei 23 911 erfassten Straftäter/innen 9,3 Prozent entspricht. Zu typischen Jugenddelikten gehören Vandalismus, Drogendelikte und Körperverletzungen. Daten für 2019 und 2020 liegen (noch) nicht vor.

Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt: Aber die Zahlen, die Polizeiminister Henri Kox auf eine parlamentarische Anfrage zunächst lieferte, waren nicht nach Altersgruppen aufgeschlüsselt und ließen keine Aussagen über Trends zu. Inzwischen liegt eine neue parlamentarische Anfrage des ADR-Abgeordneten Fred Keup vor. Man sei dabei, die Antwort vorzubereiten, und könne daher auf eine ähnliche Anfrage des Land nicht antworten, hieß es seitens der Polizei. Deren Pressestelle war in den vergangenen Jahren ausgebaut worden. Ein vom Land erbetenes Gespräch mit einem Experten des Jugendschutzdezernats fand ebenfalls nicht statt. Man habe keine Zeit, sich darauf vorzubereiten.

Doch sogar wenn Verbrechensstatistiken nach Altersgruppen vorliegen würden, reicht das nicht aus, um Trends zu Jugendkriminalität und Delinquenz zu proklamieren: Dass die Polizei mehr Straftaten mit jugendlichen Tatverdächtigen erfasst, könnte den simplen Grund haben, dass sie personell aufgestockt wurde und Straftaten verstärkt nachgeht. Die Polizei verzeichnete 2019 mehr Drogendelikte als in den Vorjahren – weil mehr Razzien an einschlägigen Umschlagplätzen erfolgt waren. Je mehr Polizeibeamte, die Zeit und Mittel haben, auf Verbrecherjagd zu gehen, umso höher die Chance, mehr Straftaten zu erfassen. Um eine realistische Einschätzung der Kriminalitätsentwicklung zu erhalten, bräuchte es ergänzende Verlaufsdaten, zum Beispiel darüber, wie viele Verdachtsfälle zu einer Anklage, zu einem Gerichtsverfahren und schließlich zur Verurteilung führten. Und die Kriminalitätsbelastungsziffer: Das ist die Zahl der gemeldeten Straftaten je 100 000 Einwohner/innen, also das Verhältnis zwischen den ermittelten Tatverdächtigen und der Bevölkerung.

Doch Polizei und Justiz haben diese Statistiken nicht parat – obschon sie sonst nicht so sparsam beim Datensammeln sind. Justiz- und Polizeibehörden sind hierzulande generell äußerst zurückhaltend, wenn es um die Herausgabe von Daten von Minderjährigen geht. Begründet wird dies mit dem Jugendschutzgesetz und damit, frühzeitige Stigmatisierungen verhindern zu wollen. Dem Land liegen Aufschlüsselungen aus den Tätigkeitsberichten der Justiz und der Justizdatenbank Jucha vor. Demnach wurden 2019 vor dem Jugendgericht in Luxemburg und in Diekirch deutlich mehr neue Jugendschutzverfahren eröffnet als im Vorjahr.

Das muss nicht viel heißen: Da Luxemburg kein eigenes Jugendstrafrecht kennt, werden alle Verfahren, also auch jene, wo Kinder oder Jugendliche Opfer wurden von Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch oder anderen Straftaten, unter Jugendschutz zusammen erfasst. Die Gerichtsverfahren, in denen Jugendliche aufgrund eigenen Fehlverhaltens zu Erziehungsmaßnahmen oder Gemeinschaftsarbeit verdonnert wurden, waren im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunken. Daten für 2019 und 2020 fehlen noch.

Entsprechend schwierig ist es, Aussagen zu überprüfen, wie die des Woxx-Journalisten Raymond Klein. Er hatte behauptet, die Pandemie führe zu mehr „Stress, Gewalt und Aggressivität“ unter Jugendlichen und durch die Wirtschaftsflaute sich verschärfende soziale Ungleichheiten brächten einen Anstieg von Gewalt. Klein hat einen wichtigen Zeugen: Polizeiminister Henri Kox (Déi Gréng) hatte Anfang Februar auf RTL Ähnliches behauptet, war aber konkrete Zahlen schuldig geblieben.

Eine Anfrage bei einer Behörde, die es wissen müsste, weil sie delinquente Jugendliche betreut, liefert keine überzeugenden Hinweise. „Wir haben nicht mehr Auffälligkeiten registriert“, meint Marie-Claude Boulanger, Leiterin des Service central d’assistance sociale (Scas): Die Gerichts- und Bewährungshilfe hat eine Jugendschutzabteilung, deren Sachbearbeiter/innen in Familien gehen, nachschauen, ob Erziehungshilfen und Gerichtsauflagen umgesetzt werden. Vielerorts sei eine gewisse „Pandemiemüdigkeit“ zu beobachten: „Sie können nicht mehr“, sagt Boulanger. Die meisten Problemkinder seien dem Scas bekannt. Sie stammten oft aus Familien, „die unter erschwerten sozialen Bedingungen leben“, so die Behördenleiterin: „Viele wohnen beengt. Da bleiben Spannungen nicht aus.“ Tödliche Gewalt aber, wie in Bonneweg, sei die „große Ausnahme“. Boulanger ist förmlich: „Unsere Mitarbeiter haben bisher keinen Anstieg an Gewalt registriert.“

Behörden können jedoch Problemfälle übersehen. Recherchen des Journalistenbüros Correctiv.org in Deutschland ergaben, dass Jugendämter in Nordrhein-Westfalen während der Pandemie deutlich weniger Hausbesuche veranlassten, weil viele Sachbearbeiter/innen im Homeoffice arbeiten und Familien nur in dringenden Fällen besucht werden. Wenn sie aber nicht vor Ort nachschauen, könnten ihnen Warnzeichen entgehen, befürchten Sozialarbeiter. In Luxemburg durften Mitarbeiter/innen des Jugendamts ONE, des schulpsychologischen Dienstes Cesas und des Scas auch während des Lockdown Besuche tätigen. „Wir haben die ganze Zeit über gearbeitet“, unterstreicht Marie-Claude Boulanger.

Aus gutem Grund: Studien aus Frankreich zufolge ist die häusliche Gewalt während der Pandemie stark gestiegen, und zwar um rund ein Drittel. Die Gewalt betrifft nicht nur den (meist weiblichen) Partner/in, sondern auch Kinder. So gesehen, erhöhen die Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen das Risiko für Kinder und Jugendliche daheim in der Familie Opfer von Gewalt zu werden. In Luxemburg hat sich dieser Trend bislang empirisch nicht bestätigt.

Jugendhäuser sind Treffpunkte, wo Jugendliche, die daheim vielleicht nicht den Platz haben, sich mit Gleichaltrigen austauschen können und ihre Freizeit verbringen: Videospiele für den Zeitvertreib, gemütliche Sitzecken bieten einen geschützten Rückzugsraum. Sofern gewünscht, stehen Sozialarbeiter/innen fürs persönliche Gespräch bereit. Wegen Corona haben die meisten die Öffnungszeiten jedoch heruntergefahren. „Wir haben von unseren Mitgliedern nicht gehört, dass es vermehrt zu Gewalt gekommen sei“, so Jérôme Mailliet vom Dachverband der Jugendhäuser DLJ. Auch eine erhöhte Aggressivität unter Besucher/innen sei ihm nicht bekannt. „Ich gehe davon aus, dass die meisten zuhause sind und sie ganz andere Probleme beschäftigen“, sagt Mailliet mit Verweis auf die Covid-Kids-Studie der Uni Luxemburg: Sie hatte ergeben, dass Kinder während des ersten Lockdown Einsamkeit, Schulstress und Versagensängste plagten. Der Verzicht, den die Pandemie für die Jugendlichen mit sich bringt, sei gewaltig. „Die Jugend ist die Phase im Leben, in der man sich mit Gleichaltrigen trifft, sich austauscht und austesten will. Das fällt alles weg“, sagt Jérôme Mailliet, der die Debatte um jugendliche Straftäter für eine „mediale Übertreibung“ hält. „Man muss wirklich aufpassen, nicht die Jugend insgesamt zu stigmatisieren“, mahnt der Sozialpädagoge.

Dass Jugendliche aufgrund der Ausgangsbeschränkungen stärker leiden als Erwachsene, warnen Schulpsychologinnen und Kinderärzte seit Monaten. Vor allem für Kinder und Jugendliche, die in beengten Verhältnissen leben, deren Eltern überfordert sind durch Homeoffice und Homeschooling, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Armut, bestehe die Gefahr, dass sie erhöhtem Stress und Streit besonders ausgeliefert sind: Weil kein Platz da ist, sich aus dem Weg zu gehen, und weil Ablenkungen durch Sport, Kino und andere Freizeitaktivitäten während der Pandemie wegfallen oder nur sehr eingeschränkt möglich sind.

Dass Langeweile zu Frust führen kann, der seinerseits ein Ventil braucht, scheint da naheliegend; ein Beweis für mehr Aggressivität oder Gewaltbereitschaft ist das aber nicht. Plausibel ist auch das Gegenteil: Dass durch die Corona-bedingten Schließungen von Diskotheken, Clubs und anderen Orten, an denen sich die Jugend sonst trifft, und durch das vermehrte Zuhausesein schlichtweg Gelegenheiten für Delinquenz wegfallen. Vieles spricht dafür, dass Jugendliche ihren Frust herunterschlucken, Enttäuschung und Leid unterdrücken oder nach innen richten, im schlimmsten Fall sogar gegen sich selbst.

„Wir haben mehr Eltern und Jugendliche, die Hilfe suchen“, bestätigt Jean-Marc Cloos, medizinischer Direktor der psychiatrischen Abteilung der Robert-Schuman-Krankenhäuser. Sie melden sich wegen Ängsten, Suizidgedanken, Depressionen, Suchtverhalten. Im Oktober hatte die Gesellschaft für Psychiatrie und Kinderpsychiatrie Alarm geschlagen und vor einem „besorgniserregenden“ Mangel an Psychiatern insbesondere im Kinder- und Jugendbereich gewarnt. Vor allem in den allgemeinen Krankenhäusern fehle es an Personal. Kolleg/innen haben sich altersbedingt in den Ruhestand verabschiedet; wegen der ungünstigen Arbeitsbedingungen und der vielen unbezahlten Überstunden sei es extrem schwierig, neues Personal zu finden. Besonders die Lage in den Jugendpsychiatrien war schon vor der Pandemie angespannt gewesen: Für Psychotherapien bestehen lange Wartelisten. In Zeiten von Corona kann das Warten lebensgefährlich werden.

Ines Kurschat
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