Translations from Luxembourg?

d'Lëtzebuerger Land vom 28.10.2022

Wie jedes Jahr sind auch Bücher aus Luxemburg – Literatur und Comics, Koch- oder Kinderbücher, Reiseführer oder Bildbände – auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Auf dem Sammelstand der luxemburgischen Verlage im ersten Stock der Halle 3 wurden zehn Verlage vorgestellt: Black Foutain Press, capybarabooks, Éditions Guy Binsfeld, Éditions Phi, Éditions Schortgen, Hydre Éditions, KIWI E.L.G., Kremart Edition, Op der Lay und Zoom Éditions. Books from Luxembourg steht über dem tiefblauen Stand mit Tuschzeichnungen von Marc Angel, der sich in der Nähe des Schweizer Stands in der Halle der deutschsprachigen Verlagshäuser befindet. Es mag verwundern, dass sich diese zwei Länder nicht in Halle 4 eingerichtet haben, neben den anderen nationalen Ständen, die mehrere Sprachen und Verlage präsentieren: Immerhin stehen hier nicht nur Bücher auf Deutsch, sondern ebenfalls auf Englisch, Französisch, Japanisch, Luxemburgisch, Italienisch …

Iwwersetzung, Übersetzung, traduction, translation, traduzione, tradução … Wo anfangen? Und wohin?

Wie ist es innerhalb der Luxemburger Verlagslandschaft um Übersetzungen bestellt? Wenn man sich die weltweiten Zahlen ansieht, dominieren Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Gerade der erst fünf Jahre junge englischsprachige Verlag Black Fountain Press scheint sich also besonders für eine Rezeption über die Landesgrenzen hinweg zu eignen – und versucht auch selbst, luxemburgische Autoren einem englischsprachigen Publikum näherzubringen. So übersetzte die Verlagsgründerin Anne-Marie Reuter selbst ein „Best Of“ der Gedichte aus Lambert Schlechters Neuvain-Reihe: „Ich habe Gedichte aus den vier Büchern, die auf Französisch bei Phi erschienen sind, ins Englische übersetzt und in einer Anthologie mit neun Teilen vereint. Die Idee war, einen der großen luxemburgischen Autoren auch im englischsprachigen Ausland bekannt zu machen. Die Übersetzung war zwar kein Verkaufsschlager, aber sie konnte so zum Beispiel auch in Kalifornien vertrieben werden und half dem Autor, der sehr gute Kontakte nach Südafrika hat, eine neue Leserschaft zu erreichen.“ Bei der Rezeption der Literatur aus Luxemburg im Ausland mangelt es nicht an Sprachverständnis – immerhin wird ja auf zahlreichen Sprachen geschrieben –, sondern vor allem am Vertrieb und der Sichtbarkeit. „Das Problem ist ein wiederkehrendes Thema unter allen Verlegerinnen und Verlegern in Luxemburg – und das betrifft nicht nur das Englische, sondern auch den deutschen, französischen und belgischen Raum: Es ist schwierig, unsere Bücher über die Landesgrenzen hinweg bekannt zu machen“, so Anne-Marie Reuter. Deswegen arbeitet nicht nur dieser Verlag mit ausländischen Verlagen oder Agenturen zusammen, die sich um den Vertrieb der Bücher im fremdsprachigen Land kümmern.

Übersetzungen der Bücher aus Luxemburg scheinen vor allem in andere kleinere und vor allem osteuropäische Sprachen stattzufinden: Ein Regal stellt die Übersetzungen ins Bulgarische, Serbische, Mazedonische oder Griechische auf der Buchmesse aus. Prominent vertreten sind Titel von Hydre Éditions, die aus dem Deutschen oder Französischen übersetzt wurden.

Tullio Forgiarinis Roman Amok führt die Liste der meistübersetzten Werke an und wurde ins Deutsche, Griechische, Mazedonische, Italienische, Serbische und Spanische übersetzt und sogar verfilmt. „Die verschiedenen Geschichten hinter den Übersetzungen sind sehr individuell“, so Marie Mathieu von Éditions Guy Binsfeld. Für die Übersetzung ins Deutsche gab es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen dem Übersetzer Luc Spada, dem Autor und Nadine Pirrung, einer Übersetzungslektorin des Verlags. Die Übersetzung ins Italienische wurde von Christian Welter in Angriff genommen, der zweisprachig großgeworden ist, und ebenfalls eng mit dem Autor zusammenarbeitete. Diese Übersetzungen waren der Anlass für andere Sprachräume, das Buch zu entdecken, und die Grundlage für weitere Übersetzungen. Diese Erfolgsgeschichte einer Übersetzung aus dem Luxemburgischen ist fast eine Ausnahme, für die es bestimmte Zufälle und Gelegenheiten brauchte. Texte aus dem Deutschen oder Französischen, wie zum Beispiel Nathalie Ronvaux‘ Chesterfield du Cinquième, seien zugänglicher und würden häufiger übersetzt. Innerhalb des Verlagshauses Binsfeld selbst dominieren vor allem Übersetzungen ins Luxemburgische, und zwar vorwiegend im Kinderbuchbereich: „Wir sind noch lange kein Kinderbuchverlag. Doch gerade, wenn die Illustrationen beeindruckend sind, bieten sich derlei Übersetzungen einfach an. Wir haben manchmal Schwierigkeiten, unter den eingesandten Kinderbuchprojekten geeignete Titel zu finden. Mal passt der Text nicht, mal die Illustrationen; doch oft gehören die zwei Teile für die Beteiligten unauflöslich zusammen.“ Ein Beispiel für eine gelungene Übersetzung ist Martine Schoellens humorvolle und vorlesefertige Übertragung des Kinderbuchklassikers Grüffelo ins Luxemburgische. „Angesichts des Themas der Frankfurter Buchmesse haben wir uns innerhalb des Verlages noch einmal gefragt, welche Rolle literarische Übersetzungen ins Luxemburgische spielen können“, so Marie Mathieu. „Und sind uns einig, dass das punktuell interessant sein kann.“

Aber eben punktuell: Bislang gibt es bei Binsfeld noch keine literarische Übersetzung ins Luxemburgische. Denn Übersetzungen ins Luxemburgische rechnen sich nicht; die Übersetzungskosten sind hoch, die Leserschaft per se sehr klein. Es würde also vor allem um Experimente und Spiele mit der Sprache gehen, um ein Statement. Die mehrsprachige Leserschaft Luxemburgs hat bereits Zugang zu den Originaltexten, und so reicht es nicht, wenn die Übersetzung eher mittelmäßig ist: Wenn schon, dann muss sie einen starken, eigenen Charakter bekommen.

In Luxemburg gibt es verschiedene Anlässe für Übersetzungen aus den Landessprachen – seien es Verlagskontakte, Übersetzungshilfen oder die Bekanntmachung der Schriftsteller und Schriftstellerinnen in anderen Sprachräumen; genau wie es verschiedene Gründe für Übersetzungen ins Luxemburgische gibt: wunderbare Illustrationen oder verlagsinterne Mischkalkulationen, und gelegentlich, wie bei Lex Roths Übersetzung von Camus‘ Peste ins Luxemburgische, steht das Spiel mit dem Luxemburgischen als Literatursprache im Fokus.

Claire Schmartz
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