LEITARTIKEL

Stimmenfang

d'Lëtzebuerger Land vom 04.11.2022

Cary Grant fand, als Schauspieler solle man sich von der Politik fernhalten. Ronald Reagan nicht. Im hiesigen Mief-Mikrokosmos ist es gang und gäbe, dass sich Fernsehmoderatoren, Künstler und Sportler als Berufspolitiker/innen neu erfinden. Die Größe des Landes diktiert den Kenn-ich-doch-Effekt, Schulterreiben bei Kirmes und Empfängen verleitet dazu, sich für die Belange der Gemeinde verantwortlich und vielleicht zügiger als in den Nachbarländern politisch kompetent zu fühlen. Die Kräfteverhältnisse sind anders verteilt. Phänomene wie Trump, Caitlin Jenner oder Schwarzenegger, die plötzlich politisch aktiv werden, gibt es in der Form nicht. Politische Dynastien, die mit Namensbonus bei Wählern punkten und den Status quo aufrechterhalten, gibt es dafür zur Genüge.

Man könnte es also als begrüßenswert erachten, wenn Quereinsteiger das Ganze aufmischen, wie es im nächsten Superwahljahr sicherlich ebenfalls der Fall sein wird. Doch auch der Quereinstieg hat hier System: RTL bildet die Celebs aus, ihre Gesichter werden bekannt, sie treten einer Partei bei und werden entweder ins Amt gewählt, bleiben ansonsten parteiintern beschäftigt oder brauchen einen (meist wenig glamourösen) Plan B. Eine Rückkehr zum Sender kommt nach einer politischen Bruchlandung nicht in Frage. Insgesamt haben bei den drei letzten Parlamentswahlen 15 RTL-Journalisten kandidiert. Erfolgreich vom TV-Sprungbrett ins politische Piranha-Becken gesprungen sind etwa Cécile Hemmen (LSAP), Felix Eischen (CSV), Françoise Hetto-Gaasch (CSV), Francine Closener (LSAP) und Monica Semedo (DP). Das Luxemburger Wahlsystem des Panachage und Persönlichkeitsbingos tut sein Übriges und verhilft einer Monica Semedo dank ihrer Bekanntheit auch mal beim ersten Versuch ins Europaparlament. Ça passe.

Mit dem Einstieg von Prominenten in die Politik geht eine Dosis Populismus einher. Im Geschwätz, das man als Berufspolitiker (auch) beherrschen muss, sind die prominenten Kandidaten durch ihre Medienarbeit etwas geschult. Politisches Flair haben manche, konkrete Ideen aufgrund ihrer Karrieren meistens zumindest zu Beginn nicht. Antworten auf politische Fragen kommen vage und allgemeingültig daher. Ein Zyniker (oder Realist) würde sagen, dass sie sich darin leider nicht fundamental von gewählten Volksvertreter/innen unterscheiden. Plattitüden, so weit das Auge reicht. Auch Musiker entschließen sich derzeit dazu, politisch aktiv zu werden. Manch einer mag sein Herz durchaus am rechten Fleck haben und ehrlich politische Haltung beziehen. Und eine Chance verdient auch jeder. Und doch ist die Frage des Interessenkonflikts zwischen einer künstlerischen Tätigkeit und einem politischen Engagement nicht banal. Das eine vom anderen zu trennen, ist schlicht nicht möglich. Die eigene Beliebtheit als Künstler kann man auch falsch einschätzen. Die Möglichkeit, sich relativ schnell neu zu erfinden, ist hier allerdings gegeben. Die, ein paar verschiedene Hüte auf dem Kopf zu tragen, sowieso.

Den Vorwurf, „das gemeine Volk” nicht zu repräsentieren, dem steinreiche Prominente in den Vereinigten Staaten zurecht ausgesetzt sind, gilt hierzulande weniger. Tatsächlich sind die Celebrity-Politiker für ihre hermetische Wählerschaft in Luxemburg äußerst repräsentativ. Hauptsache, sie sind sympathisch, abordable, Hauptsache, man kann gut miteinander. Die Gunst der Wähler zu erobern ist oberstes Ziel, Kompetenzen bleiben oft in erster Linie zweitrangig. Menschen erst mal mit einem Vertrauensvorschuss zu begegnen ist einfacher, wenn sie einem, etwa aus der Tëlee oder von der Bühne, vertraut sind.

Sarah Pepin
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