Vier neue Bände der Timba-Reihe mit Kurzgeschichten auf Luxemburgisch

Von Reptiloiden, Aliens und Butoh-Tänzern

d'Lëtzebuerger Land du 17.12.2021

Pünktlich für die großen Herbst-Buchmessen in Frankfurt und in Walfer waren sie da: vier neue Bücher der Timba-Reihe, kleinformatige Kurzgeschichten auf jeweils 40 Seiten auf Luxemburgisch – regelrechte Taschen-Bücher.

Die vier neuen Heftchen bringen nicht nur eine formelle Überraschung, sondern führen auch zwei neue Schriftsteller/innen in die Serie ein. Julie Vinady-Schmit, die 2018 den Roman Perdue dans la vallée (Kremart) veröffentlicht hat, zeichnet gleich für zwei Bände verantwortlich, die als Fortsetzungsgeschichte die formelle Beschränkung der Seitenzahl austricksen. Engelsflilleken heißt die Geschichte über die Künstlerin Zoé, die Gipsabdrücke von den Rücken von Menschen macht und sie mit ihrem eigenen Eindruck von deren Charakter und Werdegang verziert. Im ersten Teil, D’Ausstellung, entdeckt sie ihre Leidenschaft, wird mutiger und zugleich allmählich von Selbstzweifeln geplagt. Im zweiten Teil tritt die Kunst in den Hintergrund. Zoé lernt Seraphin kennen, einen Mann, der so mysteriös und attraktiv ist wie sein Name und leidenschaftlich Butoh tanzt, ein japanischer Tanzstil, der sich durch seine Expressivität und extrem langsamen Bewegungen auszeichnet. Sie nähern sich so vorsichtig aneinander an, wie die Bewegungen bei Butoh sind ... bis es doch zu einer richtigen Liebesgeschichte wird.

Band N°16, Rachel, ist die zweite literarische Veröffentlichung von Bob Kieffer, der als Erster Regierungsrat und Generalkoordinator im Finanzministerium in Luxemburg tätig ist. Zuvor war seine Kurzgeschichte Roswell. Mystère zu Miedernach um Virowend vu Nationalfeierdag (2015) in der Vorgängerreihe Smart erschienen. Und wie in diesem Buch wird auch in Rachel der Fantasie freier Lauf gelassen: In ein altbekanntes, ruhiges Setting bricht Unerwartetes ein. Aliens, eine Hals-über-Kopf-Abreise nach Las Vegas und ähnliche Mysterien. Hauptfigur ist Pol, dessen beschauliches Leben von einer Krebsdiagnose über den Haufen geworfen wird. Ihm blieben nur noch sechs Monate, sagt der Arzt – und nun stellt sich Pol die Frage, wie es weitergehen kann und was er sich eigentlich vom Leben erwartet (hat). Statt sich über verpasste Chancen zu grämen und seiner Kollegin Rachelle seine jahrelang unausgesprochene Liebe zu gestehen, packt er kurzerhand seine Sachen und begibt sich auf einen abenteuerlichen Roadtrip nach Rachel (mit einem L und ohne E), einer kleinen Stadt in der Nevada-Wüste nahe der Area 51. Mythen zu Ufo-Sichtungen ranken sich um diesen Ort. In der Geschichte türmen sich komische Figuren und ein Sammelsurium kurioser Ereignisse, Schauplätze und unerwarteter Begegnungen. Was haben Aliens mit all dem zu tun? Was ist in Las Vegas passiert? Und wie geht es weiter? Hier wird die Kürze des Timba-Formats ganz ausgereizt, denn über 40 Seiten ändert sich alles. Lustig und überraschend, ist die Hauptfigur so liebenswert wie die Geschichte lesenswert.

Dritter im Bunde ist Roland Meyer, dessen Food Leaks (2020, Timba N°6) bereits eine humorvolle Hochzeit in der miniformatigen TIMBA-Reihe markiert hat. Wie in Food Leaks spielt auch die neu erschienene Kurzgeschichte Vu Reptiloide an ale wäisse Männer hautnah am Puls der Zeit: Es geht um Reptiloiden, echsenartige Lebewesen, die sich als Menschen getarnt in hohe politische Ämter einschleichen und Menschenblut trinken. Und, was fast noch gruseliger zu sein scheint, es geht um (Zitat!) alte weiße Männer. „Déi al wäiss Männer ... Elo gëtt et geféierlech, elo gëtt d’Äis ëmmer méi dënn!“ Das Büchlein selbst ist die Schimpfkanonade eines alten weißen Mannes, der sich seiner Position zwar bewusst ist, aber eben ist, wie er ist: Er kann nicht anders. Sein Redeschwall beginnt auf der ersten Seite als Monolog aus der Innenperspektive, und so wie er spricht, erkennt man auch die Figur dahinter, die sich aufregt: Mit Humor und Selbstironie kritisiert er die Cancel Culture, Verschwörungstheorien und das Meinungs-Hickhack in den sozialen Netzwerken. Totschlagargumente, Fehlschlüsse und anderer haarsträubender Unfug, der sich aber umso leichter verbreitet. Es ist ein sehr lustiger, rasender und gut geschriebener Text in einem sympathischen Tonfall, der von einem Thema zum nächsten springt wie ein Rumpelstilzchen, und dabei seine Spitzen nicht verliert.

Es ist schwierig, festzulegen, worin die Gemeinsamkeit dieser vier/drei luxemburgischen Kurzgeschichten liegen könnte. Roland Meyer bietet zwar gewissermaßen eine luxemburgische Geschichte angesichts der Themen, die angesprochen werden – luxemburgische Politik und Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit. Und auch Pol in Rachel ist anfangs in einem gewissen Sinn durch und durch luxemburgisch. Doch es sind Texte mit unterschiedlichen Intentionen und für unterschiedliche Leser/innen, unterschiedliche Genres. Engelsflilleken ist eine Geschichte über Liebe und die Suche nach sich selbst, und, wenn auch Rachel ein ähnliches Thema hat, schöpft diese Geschichte so tief aus dem Verrückt-Unerwarteten, dass die beiden beziehungsweise drei Texte nichts miteinander gemein haben. Man kann also keinen roten Faden in den Themen, dem Stil oder der Vorgehensweise dieser luxemburgischen Kurzgeschichten feststellen. Die Timba-Hefte sind so unterschiedlich wie zahlreich. Sie verbindet zwar die gemeinsame Sprache, aber inhaltlich, thematisch und formell haben sie, abgesehen von der Seitenzahl und dem Format, wenig gemein. Das ist auch eine Chance, die jedem Text erlaubt, seinen eigenen Weg zu beschreiten, und einen mit jedem Taschenbuch aufs Neue überrascht..

Serie Timba N°14, 15, 16 und 17. Kuerzgeschichten op Letzebuergesch (2021)

Julie Vinandy-Schmit: Engelsflilleken. Éischten Deel: D’Ausstellung. Kremart Timba N°14, 40 Seiten 4,00 Euro

Julie Vinandy-Schmit: Engelsflilleken. Zweeten Deel: De Seraphin. Kremart Timba N°15, 40 Seiten 4,00 Euro

Bob Kieffer: Rachel. Kremart Timba N°16, 40 Seiten 4,00 Euro

Roland Meyer: Vu Reptiloiden an ale wäisse Männer. Kremart Timba N°17, 40 Seiten 4,00 Euro

Claire Schmartz
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